Ludwig Frank - der bedeutendste Absolvent unserer SchuleEin Beitrag von Ulrich Wilhelm
Niemand trat so frei wie er vor die Öffentlichkeit, frei von Maske und Schminke, und doch ist mir nie ein Mensch begegnet, der so gebieterisch wirken konnte. Das Wort Majestät, allzu oft entweiht, muß für die Gewalt beschworen werden, die um diese Stirn schwebte."
Der Führer der deutschen Arbeiterschaft vom ohnmächtigen Protest zur machtvollen Mitarbeit an den Geschicken des Vaterlandes. Seine ganze Natur kam ihm zu Hilfe, um diese einzigartige Aufgabe zu lösen: ein genial durchdringender Verstand, ein starker, zielbewußter, siegesgekrönter Wille. Sein innerstes Wesen war das eines großen Staatsmannes: das Umsetzen von Gedanken in die Tat."
Und reden konnte er! Von den vielen deutschen Politikern, die ich reden gehört habe, war er weitaus der bedeutendste Redner, was doch viel besagen will, denn unter den deutschen Politikern findet man nicht wenige hervorragende oratorische Größen."
Ein Liebling der Götter, der Frauen... dieser Mann mit der kühn aufgebauten Stirn, dem wildkrausen Lockenhaar..."
Vier Passagen aus vier verschiedenen Nachrufen in deutschen und dänischen Zeitungen: Selbst wenn man das diesem Genre eigentümliche Pathos abzieht, merkt jeder, dass hier eines Besonderen, eines Herausgehobenen gedacht wurde. Es geht um Ludwig Frank, der kurz zuvor, am 3. September 1914, in Lothringen als Kriegsfreiwilliger gefallen war, um eben jenen Ludwig Frank, der neben Emil Gött sicher der bekannteste unter allen Schülern ist, die je unsere Schule durchliefen.
Geboren wurde Ludwig Frank am 23. 5. 1874 (der 125. Geburtstag im Mai 99!) in Nonnenweier. Seine jüdischen Vorfahren stammten aus dem Kaiserstuhl und dem Elsass. Nach der Volksschule und einer Vorbereitung durch den evangelischen Pfarrer (!) von Nonnenweier trat er 1885 in die Quinta des Lahrer Gymnasiums ein, das sein älterer Bruder schon einige Jahre besuchte. Später kritisiert er einmal die pedantischen Schulmeister", sieht aber gleichzeitig, dass diese rührend unpraktische Erziehung ein historisch notwendiges Gegengewicht in einer Gesellschaftsordnung [ist], deren erhabene Ideale Grundrenten und Dividenden sind." (Das klingt auch 1999 ganz unverstaubt!)
Das Gymnasium Lahr - heute Eichrodtschule, Kaiserstraße
Als Gymnasiast wird er Mitglied des Lahrer Lessing-Vereins, dem dessen Vorsitzender einen sozialistischen Touch gibt. So kommt auch bereits der 17jährige Ludwig Frank mit den sozialistischen Ideen in Berührung. Weil er als Jahrgangsbester 1893 die Abiturrede (siehe unten) halten sollte, hatte er Gelegenheit, seine neu gewonnen Anschauungen öffentlich zu vertreten. Das tat er denn auch mit einer Lessing-Rede, die in folgender Quintessenz mündete:
Wir müssen gerecht werden, wir müssen ein Herz haben für die Leiden der Tieferstehenden. Wir dürfen uns nicht rüsten zu einem roh egoistischen Interessenskampf, nein, unser Streiten sei ein Streiten um das Wohl aller im Dienste der Allgemeinheit."
Diese Töne schienen dem Badischen Unterrichtsministerium, dem sie pflichtgemäß und eilig hinterbracht wurden, dann doch zu aufrührerisch, als dass man ihrem Verfasser das Reifezeugnis aushändigen dürfe. Erst nach etlichen Protesten in der Öffentlichkeit wurde ihm das Abitur zuerkannt.
Es hat den Anschein, als wäre in Franks Abitur-Rede bereits der Kern seiner späteren Einstellung und auch seiner Laufbahn angelegt, deren erste Stufen hier tabellarisch skizziert werden sollen:
1893 - 97 Jurastudium zunächst in Freiburg, dann in Berlin und wieder in Freiburg 1897 - 99 nach dem ersten juristischen Examen, Volontär beim Amtsgericht Lahr; danach Tätigkeit bei verschiedenen Gerichten in Baden 1899 Promotion 1900 Zulassung als Rechtsanwalt in Mannheim
Mit dem Beginn seiner Mannheimer Berufstätigkeit geht parallel ein immer intensiver werdender Einsatz in der SPD, bei der er in den ersten Jahren dem radikalen Flügel zuzurechnen ist. Sein steiler Aufstieg führt ihn über den Mannheimer Bürgerausschuss (1903), die Zweite Badische Kammer (1905) zum Mitglied des Reichstags für den Wahlkreis Mannheim (1907). Dazwischen war er 1906 der Wegbereiter bei der Gründung des Verbandes junger Arbeiter Deutschlands".
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![]() Gedenkpostkarte für Ludwig Frank 1914 |
Und möglicherweise hätte ein Namensgeber Ludwig Frank (wie bei der Schule in Nonnenweier oder dem Ludwig-Frank-Gymnasium in Mannheim) der Schulgemeinschaft eine weiterreichende Verpflichtung auferlegt als der rückwärtsgewandte Joseph Victor von Scheffel.
Wer sich intensiver um Ludwig Frank kümmern möchte, dem sei die mit einer Fülle von Dokumenten angereicherte Studie
Karl Otto Watzinger: Ludwig Frank - ein deutscher Politiker jüdischer Herkunft, Sigmaringen 1995
anempfohlen, der auch dieser Artikel verpflichtet ist und aus dem die Fotos entnommen sind.
Nach Ludwig Frank sind in Lahr benannt die Ludwig-Frank-Straße und das Altenzentrum Ludwig-Frank-Haus.
Ludwig Frank, Abiturientenrede am 20. Juli 1893
Bedeutung Lessings für seine Zeit
An einer bekannten Stelle seiner Hamburgischen Dramaturgie" sagt Lessing über sich selbst:
Ich fühle die lebendige Quelle (der Dichtung) nicht in mir, - ich muß alles durch Druckwerk und Pumpen aus mir herauspressen; - ich bin deshalb immer ärgerlich oder beschämt gewesen, wenn ich etwas zum Nachteil der Kritik las oder hörte."
Gestützt auf dieses Selbstzeugnis Lessings, der doch jedenfalls die Grenzen seines Könnens am besten selbst wissen muß, ist man jetzt ziemlich allgemein zu der Oberzeugung gekommen, daß der Schwerpunkt von Lessings Begabung auf dem Gebiete der Kritik liegt.
Schöpfungen des poetischen Genies, die Gedichte eines Shakespeare oder Homer, sind ewig jung und zeitgemäß; denn die Gesetze der Harmonie, durch die unser Gefallen an einem Kunstwerk bedingt ist, haben sich im Laufe der Jahrhunderte kaum merklich verschoben. Anders ist es mit der literarischen Kritik, die sich darauf beschränkt, den Dichter vor den Klippen des künstlerischen Schaffens, den Extremen, zu warnen, ihn aus offenbaren Irrwegen herauszuleiten; d. h. die Kritik sagt dem Künstler, wie er es nicht machen soll; hingegen haben ihre positiven Vorschläge niemals bindende Kraft; denn - und Lessing betont dies oft - das Genie ist individuell: es schafft sich seine eigenen Gesetze. Nun sind aber die Irrungen in der Dichtung einer jeden Periode wesentlich abhängig von der ökonomischen Entwicklung, folglich sind sie mannigfach wechselnd, folglich ist die Kritik ein Kind der Zeitverhältnisse, dessen Aufgabe und Bedeutung aufhört, sobald eben jene Verhältnisse beseitigt sind. Selbstverständlich kann eine Kritik auch bleibenden Wert erhalten, insofern sie in sprachlicher Hinsicht ein Kunstwerk ist. Aber die Anleitungen, die der Rezensent gibt, haben niemals Anspruch auf absoluten Wert, sondern nur auf relativen, eben im Zusammenhang mit den Zeitverhältnissen.
Da der Mann, über den ich heute sprechen will, Deutschlands größter Kritiker genannt wird, habe ich mein Thema formuliert: Bedeutung Lessings für seine Zeit."
In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war ein Mann wie Gottsched Deutschlands literarischer Diktator. Er besaß auch alle für einen solchen Posten erforderlichen Eigenschaften; er hatte recht zopfige Ansichten über das Wesen der Poesie und verfaßte jährlich ein ziemliches Quantum jämmerlicher Gedichte. Einige Verdienste lassen sich ihm nicht absprechen, z. B. die erfolgreiche Bekämpfung des Schauerdramas. Aber im allgemeinen hat er der deutschen Literatur viel mehr geschadet als genützt. Er ging aus von der wunderlichen Ansicht, die Poesie sei Verstandessache, lasse sich also nach bestimmten Regeln erlernen; Hauptsache sei die Erreichung von Übersichtlichkeit und Klarheit. Daß unter diesen Umständen von einer eigentlichen Lyrik keine Rede sein konnte, versteht sich von selbst; aber die schlimmsten Blüten trieb Gottscheds Wirksamkeit auf dem Gebiete des Dramas. Wie er überall schablonisierte, so tat er es auch hier: er suchte nach Mustern und fand diese in den Alten, die aber der Deutsche nicht direkt genießen durfte; sie mußten ihm erst durch die Franzosen mundgerecht gemacht werden. So hielten denn mit dem französischen Klassizismus 'ihren Einzug in die deutsche Literatur:
1. Die Kriecherei vor den Höfen; 2. die sogenannten drei Einheiten, in die der Leib des Dramas gezwängt wurde; 3. der hübsch langweilig auf zehn Füßen einherstolzierende Alexandriner. Diesen Grundsätzen entsprach dann auch das Drama selbst, das nach einem Wort von Herrn Professor Widder vollständig zur Standespoesie" wurde.
Ludwig Frank, wahrscheinlich als Abiturient 1893 |
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Es fehlen demnach noch in der deutschen Literatur:
1. die bürgerliche Tragödie, 2. das ernste Lustspiel", 3. das nationale Drama". Gottsched hatte übrigens den besten Willen, ein nationales Drama zu schaffen, und er suchte auf dem einfachsten Wege dies Ziel zu erreichen, nämlich durch - Übersetzung französischer Stücke. Die erste Bresche in die Mauer der Gottschedschen Herrschaft wurde gelegt durch die Schweizer Bodmer und Breitinger. Diese suchten dem Gemüt gegenüber dem Verstand wieder zu seinem Recht zu verhelfen, verfielen aber bald in das entgegengesetzte Extrem, in seraphische Gefühlsschwelgerei und Schilderungssucht. Erst einem Stärkeren blieb es vorbehalten, den Kampf mit dem Leipziger zu siegreichem Ende zu führen; dieser Stärkere war Lessing.
Es ist recht bezeichnend für die Jämmerlichkeit der damaligen Literaturverhältnisse, daß selbst ein Riesengeist wie Lessing in seinen Jugendwerken vollständig unter dem Einfluß des Gottschedianismus steht.
Im Jahre 1751 erschien in der Vossischen Zeitung" eine Kritik über Gottscheds Gedichte; es war der Trompetenstoß, mit dem Lessing den Angriff einleitete.
Gottscheds Poesien waren merkwürdig eingeteilt; in der ersten Abteilung standen die Verse auf hohe Häupter und fürstliche Personen", und in der zweiten die auf gräfliche, adlige und solche, die ihnen gewissermaßen gleichkamen, in der dritten endlich die Gedichte auf die gewöhnlichen Menschenkinder. Lessing schrieb am Schluß seiner Kritik: Die besprochenen Gedichte kosten in den Buchläden 2 Thaler und 4 Groschen: mit zwei Thalern bezahlt man das Lächerliche und mit vier Groschen ungefähr das Nützliche."
Was Gottsched fehlte, war das (bürgerliche) Klassenbewußtsein - daher seine Mißgriffe. Lessing besaß dies Klassenbewußtsein in hohem Grade, daraus erklären sich seine Erfolge.
Im Jahre 1755 veröffentlichte Lessing: Miß Sara Sampson", - es war das erste bürgerliche Trauerspiel in deutscher Sprache. Wenn wir heute das Stück lesen, erscheint uns seine damalige Wirkung beinahe unbegreiflich; denn es ist voller Unwahrscheinlichkeit, und das Gespenst der Langeweile schleicht durch jeden Akt. Die materialistische Geschichtsforschung löst das Rätsel. Die Zeitgenossen faßten das Drama nicht als ästhetische, sondern als soziale Tat auf, als das erste Lebenszeichen des erwachenden Bürgertums. Es ist durchaus kein Zufall, daß die bürgerliche Tragödie erst geschaffen wurde, zu einer Zeit, wo fern am politischen Horizont schon die Wetter der großen französischen Revolution heraufzogen. Die Engländer, bei denen sich Lessing Stoff und Vorbild holte, hatten bereits ein bürgerliches Drama aus dem einfachen Grunde, weil bei ihnen der dritte Stand sich schon längst seine politische Machtstellung erkämpft hatte.
Innerlich verwandt (in ihrer Entstehungsursache), so sehr sie sonst auseinanderliegen mögen, sind Miß Sara Sampson" und das kunsttheoretische Werk Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie". Die Spitze dieses polemischen Buches richtet sich gegen die einseitigen Theorien der Schweizer. In glänzender Sprache wird der Nachweis geführt, daß es nicht alleinige Aufgabe der Poesie sei, schöngefärbte Alpenkräuter, den Mondschein und den kühlen Waldesschatten anzusingen, sondern daß die Dichtung Handlung, d. h. Leben darstellen müsse. In Lessingschem Sinne: die Dichtung soll durchtränkt werden mit dem Geiste der Zeit; sie soll eine Waffe sein im Emanzipationskampf der unterdrückten Klassen.
Waren die bisher genannten Werke (auch die Dichtungen) Erzeugnisse des wägenden Verstandes, der Kritik, so erreicht Lessing vielleicht die Palme des unbewußt schaffenden Genies mit Minna von Barnhelm". Es erschien 1767, hatte den Siebenjährigen Krieg, also ein Zeitereignis, zum Hintergrund und behandelte einen echt deutschen Lustspielstoff ohne die üblichen Possenmanieren. Mit Minna von Barnhelm" ist das Problem des ernsten Lustspiels" gelöst und zugleich das nationale Drama geboren. National nenne ich das Stück nicht etwa deshalb, weil preußische Uniformen darin auftreten und tapfer auf die Franzosen geschimpft wird, nein deshalb, weil ein großdeutscher Geist aus ihm heraus spricht, ein Geist, der, unbekümmert um die Zollgrenzen, keine Sachsen oder Preußen, sondern nur Deutsche kennt.
Im gleichen Drama ist eine berühmt gewordene Szene, in der auf Kosten eines verlotterten Franzosen die deutsche Sprache und die deutsche Nation verherrlicht werden. Man hat daraus für Lessing den Vorwurf der Franzosenfresserei konstruieren wollen. Mit Unrecht! Denn schon das folgende Werk, die Hamburgische Dramaturgie" zeigt uns, daß Lessing das Gute auch an unseren westlichen Nachbarn zu finden und zu schätzen weiß: er ist ein begeisterter Verehrer von Diderots bürgerlichen Dramen, - ein neuer Beweis für die Stärke seines Klassenbewußtseins, das ihn vor dem Chauvinismus gerettet und zur Internationale geführt hat, wie jedes Klassenbewußtsein zu jeder Zeit notwendig zur Internationale führen muß, d. i. das Gute nehmen heißt, wo es zu finden ist.
Mit der höfischen Poesie der Herren Racine und Corneille ging der Dramaturg allerdings scharf ins Gericht. Er wies nach, daß sie den Zweck der Tragödie nicht verstanden, daß ihre Dichtung nicht im Geiste der Antike sondern Unnatur sei. Er befreite das Drama aus der Zwangsjacke der bisher heiligen drei Einheiten (Ort, Zeit, Handlung) und stellte als bindend nur die Einheit der Handlung hin. Auch Lessing ist Philister genug, um Muster zu suchen. Er findet sie in den Alten und - Shakespeare. Der Hinweis auf das eigenherrliche englische Genie bedeutet: Kümmert euch nicht um die positiven Anleitungen der Kritik, ihr Poeten! Mit welchen Mitteln ihr die künstlerische Wirkung erzielt, ist gleichgültig. Das angeborene Können ist zuletzt doch alles. Gewissermaßen als praktischen Beleg zur Hamburgischen Dramaturgie" schuf Lessing Emilia Galotti", eine Tragödie, die alle an den Franzosen gerügten Mängel nicht besitzt. Wie gewaltig die sozialen Elemente dieser Dichtung gewirkt haben, sehen wir an den Nachklängen in Schillers Jugenddramen.
Eine ruhelose Natur wie Lessing konnte ihre Politik nicht auf das Gebiet der schönen Literatur beschränken, - er tummelte auch einmal gern sein Kampfrößlein in den Straßen der Philosophie und Theologie. Daß er auch hier im Sinn der Aufklärung wirkte, brauche ich nicht besonders zu betonen. Die Gegner, die er natürlich fand, waren teils ungeschickt, teils unverschämt, teils beides zusammen. Bald erregten Lessings Schriften über die dogmatischen Religionen amtlichen Anstoß: er mußte sein Volk belehren, wieder seine alte Kanzel", die Bühne, besteigen und er predigte das neue Evangelium, die konfessionslose Menschenliebe, in dem dramatischen Gedicht Nathan der Weise". Weshalb der Held dieses Stückes gerade ein Jude sein mußte, will ich hier nicht erörtern. Sicher ist, daß damit keine Verherrlichung des Judentums beabsichtigt ist. Lessing kannte, wie Franz Mehring sagt, die Fehler der Juden besser als einer. Er wußte ganz gut, daß sie auch nur Menschen seien, aber er wußte auch, daß sie Menschen sind. Eine andere Frage wäre, ob der Charakter des Nathan, des verfolgten, gepeinigten und doch selbstlosen Juden wahrscheinlich sei, ob er im Leben vorkomme. Da antworte ich allerdings: Nein!" Denn auf dem Boden der Knechtung und Verachtung gedeiht die Menschenliebe sehr schlecht; weit leichter wird dort die Giftblume des Menschenhasses aufsprießen.
Suchen wir nach einem gemeinsamen Merkmal der Lessingschen Schriften, so ist es neben dem meisterhaften, streng logischen Aufbau der Gedanken der glühende Wahrheitsdrang und (damit zusammenhängend) der Gerechtigkeitssinn, die uns immer wieder anziehen. Diesen Eigenschaften ist es zu danken, daß die Schriften des großen Kunstrichters zu einer Hauptlektüre unserer Schulen geworden ist. Im Anschluß an Lessing wurde unser Stil gebildet; Pflicht von uns Abiturienten wird es sein, auch Lessingschen Charakter zum Vorbild zu nehmen, und ich glaube, verehrte Herren Professoren, wir können Ihnen für Ihre jahrelange Sorgfalt nicht besser danken, als durch das Versprechen: Lessingscher Wahrheitsdrang soll unser Banner sein auf der Wahlstatt des Lebens."
Aber, liebe Kommilitonen, wenn wir ganz im Geiste des großen Reformators aufgehen wollen, müssen wir die Wahrheit nicht bloß suchen, sondern auch die praktischen Folgerungen aus ihr ziehen: Wir müssen gerecht werden, wir müssen ein Herz haben für die Leiden der Tieferstehenden. Wir dürfen uns nicht rüsten zu einem roh-egoistischen Interessenkampf, nein, unser Streiten sei ein Streiten um das Wohl aller, im Dienste der Allgemeinheit. Wir haben in den letzten Tagen nach dem Examen scherzend gesagt: Selig der Mann, der die Prüfung bestanden. - Nach Jahren, wenn die Schule des Lebens hinter uns liegt, wollen wir einer den anderen fragen: Hast du im Geiste Lessings gelebt und gewirkt? Bist du den Unterdrückten und Notleidenden beigesprungen und hast du ihnen die helfende Hand gereicht? Und doppelt wird dann jenes Wort gelten:
Selig der Mann, der d i e Prüfung bestanden!
Portrait Ludwig Frank, Ölgemälde von Lovis Corinth, 1914