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Neue Medien im Unterricht

 

 


 

DIE ZEIT, Nr. 2/2000

Ins Netz gestolpert

Das Internet hält Einzug in Deutschlands Schulen. Doch nur wenige Pädagogen sind darauf vorbereitet

Von Eric Breitinger

Ohne die Fortbildung hätte sich Ute Strubel nicht auf so ein Abenteuer eingelassen: mit der achten Klasse auf die Datenautobahn, da kann eine ganze Menge schief gehen - und die Lehrerin kommt ins Schwitzen. Aber in einer internen Schulung am Hamburger Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer - kurz: Kaifu - hat sie ein Kollege an ein paar Samstagen in die Geheimnisse des Internet eingeweiht. Auch wenn der erste Probelauf ein Flop war, das System abstürzte, die Unterrichtsstunde verstrich: Heute wagt sich die 44-jährige Biolehrerin mit ihrer Achten ins Netz der Netze.

Der Suchbegriff lautet "Ökosysteme". Im Computerraum sitzen die Jugendlichen allein oder zu zweit an dem guten Dutzend neuer iMac-Computer: Ein Schülerduo schaut fasziniert einem Hai ins Maul. Ein Mädchen wandert durch den virtuellen Bayerischen Wald. "Geile Seite", lobt einer, während aus der anderen Ecke ein Notruf kommt: "Mein Computer reagiert nicht mehr." Doch größere Katastrophen bleiben aus. Am Ende ist die Lehrerin zufrieden: "Toll, dass die Schüler die Bandbreite des Themas spüren konnten."

Deutschlands Lehrer stolpern ins Netz. Nach wie vor sei ihre Ausbildung in Medienpädagogik an den Hochschulen und im Referendariat eine "Katastrophe", sagt Stefan Aufenhanger, Pädagogikprofessor an der Universität Hamburg. Die Fortbildungsangebote für Lehrer sind mittlerweile zwar professioneller als früher, aber je nach Bundesland verschieden. Auf jeden Fall deckten sie nicht den Bedarf ab, befindet Wilfried Hendricks, Professor für Didaktik in Berlin. Am besten funktioniere noch die schulinterne Fortbildung durch Kollegen.

Der Grund für die Misere: Politiker und Sponsoren haben bislang vor allem in die Technik investiert, weniger in Menschen. In Baden-Württemberg und Hamburg hat demnächst selbst die kleinste Grundschule einen Zugang zum Cyberspace. In Nordrhein-Westfalen soll es 2004 so weit sein. Doch die Lehrer haben kaum Ahnung von Bookmarks und Browsern. Nur jeder 5. hat einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge schon einmal im Internet gesurft. Und nur jeder 14. begleitet seine Schüler regelmäßig ins Netz. "Die Lehrer sind die Schwachstelle", resümiert Walter Thomann vom Institut für Schulforschung und Lehrerbildung der Universität Wuppertal.

Um Abhilfe zu schaffen, haben die Politiker einiges in Sachen Lehrerfortbildung auf den Weg gebracht: Fast jedes Bundesland betreibt einen Bildungsserver, eine Art Schwarzes Brett mit Informationen über Kurse und Projekte. In Nordrhein-Westfalen schwärmten 170 Fortbilder aus, um 20000 Lehrer fürs Computerzeitalter vorzubereiten; alle 160000 Lehrer des Landes sollen bis 2004 einen "Internet-Führerschein" machen. In Baden-Württemberg wurden 3500 Pädagogen als Multiplikatoren zu Netzwerkexperten fortgebildet - für jede Schule mindestens einer. Auch Firmen und Stiftungen haben sich im Kampf gegen das EDV-Analphabetentum Verdienste erworben: So rief der Verein "Schulen ans Netz", ein gemeinsames Projekt von Bund und Telekom, die Aktion "Teach your teachers" ins Leben: An 200 Schulen haben Pennäler ihren Paukern Nachhilfestunden in Word, Excel und Corel-Draw erteilt.

Doch sorgt kollektives Nachsitzen für besseren Unterricht? Nach Ansicht von Gerhard Tulodziecki, Pädagogikprofessor in Paderborn, litten die meisten Fortbildungen an der Fokussierung auf die Technik. Sicher sei es nötig, dass der Lehrer Recherchekniffe fürs Internet kennt. Doch spannend werde es erst, wenn es um die pädagogische Umsetzung und die alten Fragen geht: Wie soll sich die Schule entwickeln? Wie soll Lernen und Lehren aussehen? Wie viel Freiheit brauchen Schüler? Wie lässt sich Teamarbeit erproben? Soll ich dafür eine Homepage anfertigen oder ein E-Mail-Projekt mit einer US-Schule initiieren? Dummerweise bleibt nach Tulodzieckis Ansicht bei den meisten Kursen jedoch die Auseinandersetzung mit medienpädagogischen Inhalten auf der Strecke. Die Lehrer wissen nachher, welche Tasten sie drücken müssen, aber nicht, wozu.

Große Breitenwirkung haben alle Qualifizierungsoffensiven noch nicht entfaltet. Detlev Schnoor, Leiter des Referats Medien und Bildung der Bertelsmann Stiftung, schätzt, dass sich an fast jeder Schule nur eine Kerngruppe von sieben bis zehn Lehrern in der Medienarbeit engagiert: "Das Interesse der anderen ist jedoch geweckt." Das bedeutet nicht viel: Wer einen Internet-Kurs besucht, weiß noch lange nicht, wie er neue Medien in einer Stunde über Karl den Großen einsetzen soll. Oft nutzen etwa Grundschullehrer die Computer nach altem Schema: Die Schüler machen ein paar Rechtschreibübungen am Bildschirm - ein paar Blatt Papier wären billiger. Das eigentliche Potenzial der neuen Medien - ihre Einsatzmöglichkeit im Projektunterricht, die Chance, mit ihrer Hilfe Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und eigenständiges Lernen zu trainieren -, all dies bleibt ungenutzt.

Die Pädagogen werden nach Ansicht des Wuppertaler Schulforschers Walter Thomann durch die neuen Medien nicht überflüssig. Denn die Cyber-Kids wollen reden über das, was sie im Netz entdecken. Sie suchen Orientierung, Wertmaßstäbe, sagt Thomann. "Kommunikation ist viel wichtiger als Belehrung." In Zukunft werde der Lehrer daher als Wissensmoderator fungieren, weniger als Wissensvermittler. Viele aus der ehemaligen Zunft der Schulmeister haben damit noch Probleme. "Ich bin's gewöhnt, jeden Arbeitsschritt zu kontrollieren", sagt der 54-jährige Kaifu-Lehrer Hannes Beecken, der seit Jahren neue Medien einsetzt. "Plötzlich soll ich zulassen, dass jemand seine Zeit verplempert, muss mich zurücknehmen. Und dann soll ich aushalten, dass ich immer der Idiot bin, wenn's nicht klappt."

Was muss geschehen, damit die Arbeit mit Computern genauso zum Schulalltag gehört wie heute das Klingeln der Pausenglocke? Erziehungswissenschaftler Tulodziecki plädiert für Verträge zwischen Pädagogen, Rektoren und Schulamtsvertretern aus einer Region. Die Lehrer würden sich verpflichten, gewisse Themen anzupacken, die Aufsichtsbehörde würde passende Fortbildungen organisieren - der Dialog käme in Gang.

Am meisten ließe sich bei der Lehrerausbildung erreichen. Demnächst gehen Zehntausende Lehrer in Pension - in Medienpädagogik besser ausgebildete Junglehrer könnten also ihr Wissen bald umsetzen. Doch dafür muss sich an den Hochschulen etwas bewegen. Im Wintersemester 1994/95 (neuere Zahlen gibt es nicht) hatten von den 4800 erziehungswissenschaftlichen Veranstaltungen an deutschen Unis nur vier Prozent die Medien zum Thema, davon wiederum nur ein Drittel die neuen Medien. Wegweisend ist eine Initiative in Paderborn: Hier haben erstmals alle an der Lehrerausbildung Beteiligten einen Lehrplan ausgetüftelt, der Medienpädagogik für jeden Studenten zur Pflicht macht - ein Novum.

Zugleich rufen die Experten nach den Politikern. Tulodziecki fordert einen "Innovationsfonds": Wer systematisch Medienpädagogik betreibt, soll Stellen kriegen. Auch Didaktikprofessor Hendricks setzt auf Druck. Bestimmte Fördermittel sollten nur die Universitäten bekommen, die angehende Lehrer am PC ausbilden.

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DIE ZEIT Nr. 52/1999

Tiefbohren im Infosalat

Wie werden Computer und Internet die Schule verändern?

Ein Gespräch mit der Medienexpertin Ingrid Hamm

DIE ZEIT: Frau Hamm, Sie leiten in der Bertelsmann Stiftung den Bereich Medien. Mit großem Aufwand fördert ihr Haus den Computer- und Medieneinsatz im Unterricht. Wird dadurch die Schule besser?

INGRID HAMM: Die Vorstellung, man brauchte nur einen Computer in den Klassenraum zu stellen, und der Unterricht verbessere sich, ist Unsinn. Wenn eine Schule nur neue Computer anschafft, ohne entsprechende pädagogisch-didaktische Konzepte zu entwickeln, an die richtige Software und die nötige Vernetzung zu denken, dann sind am Ende Schüler und Lehrer frustriert, und das Ganze wandert in die Abstellkammer. Wenn man die Medien dagegen klug nutzt, kann man erstaunliche Resultate erzielen: Die Leistung der Schüler verbessert sich ebenso wie ihre Fähigkeit zum eigenständigen Arbeiten.

ZEIT: Braucht man dazu überhaupt noch Lehrer? Am Computer sind die Schüler den meisten Pädagogen längst voraus.

HAMM: Es stimmt, mit dem Einsatz von Computer und Internet verliert der Lehrer ein Stück Autorität. Er ist nicht mehr wie früher der alleinige Besitzer des Wissens. Seine Rolle verändert sich eher zu einem "Wissensmoderator", der Orientierung geben muss, aber nicht notwendigerweise mehr weiß als seine Schüler. Dennoch kann man den Menschen nicht durch die Maschine ersetzen. Ein Werkzeug ist immer nur so gut wie der, der es benutzt.

ZEIT: Was können denn die Lehrer ihren im Internet surfenden Schülern noch beibringen?

HAMM: Gerade beim Arbeiten mit dem Internet müssen die Schüler viel lernen: Wie finde ich, was ich suche? Woran erkenne ich, ob eine Quelle glaubwürdig ist? Welchen Informationswert haben Bilder im Vergleich zum Text? Worauf kommt es bei einer Nachricht an? Da wissen Lehrer noch eine Menge mehr als ihre Schüler. Der alte Begriff der Medienerziehung bekommt mit dem Internet eine neue Qualität. So wie man heute Grammatik oder Textanalyse lernt, muss man künftig auch die Sprache der Medien beherrschen. Man muss wissen, wie man Text und Bild sinnvoll kombiniert. Sonst erzeugt man nur nichtssagenden Datensalat.

ZEIT: Das heißt aber, dass die Werkzeuge auch die Inhalte verändern - und auf lange Sicht den Lehrplan.

HAMM: Wenn man konsequent mit den neuen Medien arbeitet, gibt es tatsächlich eine starke Veränderung im Unterricht. Man geht beispielweise nicht mehr durch einen Lehrstoff von A bis Z, sondern bohrt exemplarisch in die Tiefe, behandelt ein Thema ausführlich im Projektunterricht mit verschiedenen Medien und streift dafür andere Themen nur. Wir brauchen also ein gestrafftes Kerncurriculum.

ZEIT: Erlaubt das denn der jetzige Lehrplan?

HAMM: Jein. In Nordrhein-Westfalen gibt es inzwischen große Freiheit, was den Lehrplan betrifft. In anderen Bundesländern ist man vielleicht noch strikter. Im Allgemeinen können sich die Schulen heute jedoch mehr Spielraum nehmen, als viele glauben.

ZEIT: Viele Eltern und Lehrer denken beim Thema Internet nicht nur an neue Chancen, sondern auch an die Gefahren, Stichwort Pornografie oder rechtsradikales Gedankengut. Sind die Befürchtungen übertrieben?

HAMM: Das Problem ist real. Sowenig wie man in der Schulbibliothek den Playboy auslegen darf, sowenig darf man Zugang zu entsprechenden Web-Seiten anbieten. Die Schulen brauchen gute Filtersysteme - die gibt es aber derzeit noch nicht. Die heute angebotene Software filtert entweder zu viel oder zu wenig heraus. Das müssen wir verbessern, und die Bertelsmann Stiftung engagiert sich in diesem Bereich. Ein weiteres Problem: Das Internet eignet sich zum extremen Mobbing. Mit so genannten hate-mails lassen sich Schüler oder Lehrer terrorisieren, ohne dass die Absender selbst in Erscheinung treten. Die Anonymität im Netz ist durchaus verlockend.

ZEIT: Schadet das Internet mehr, als es nutzt?

HAMM: Nein. Ich glaube, die Frage stellt sich anders. Das Internet hat sich schneller durchgesetzt als jedes andere Medium zuvor. Brauchte das Fernsehen noch 50 Jahre, um zum Massenmedium zu werden, so reichten dem Internet weniger als fünf Jahre. Dieses Medium hat einen so starken Sog, dass wohl in zehn Jahren jeder Haushalt einen Internet-Anschluss haben wird. In den USA haben heute schon fast alle Schüler Zugang zum Netz. Wenn wir Verantwortung sichern wollen, müssen wir mit dieser Geschwindigkeit mithalten. Besonders wichtig ist dabei die Qualifikation der Lehrer. Diese Aufgabe ist weder in den USA noch hier gelöst.

ZEIT: In Deutschland aber sind bislang nur 20 Prozent aller Schulen am Netz.

HAMM: Das ist beschämend wenig, und es gibt eigentlich keine Entschuldigung dafür. In England sind 80 Prozent aller Schulen ans Internet angeschlossen, in den USA 85 und in Schweden 90 Prozent. Was vergleichbare Länder geschafft haben, müsste in Deutschland auch möglich sein. Wenn es hier überzeugende Konzepte gäbe, würde wohl auch die Industrie mehr investieren.

ZEIT: Wie müsste ein sinnvolles Unterrichtskonzept aussehen?

HAMM: Die von uns geförderte Modellschule in Gütersloh hatte zunächst nur einen Internet-Raum, den die Klassen nacheinander nutzten. Internet-Recherche ist aber viel sinnvoller, wenn man die Möglichkeit jederzeit in den Fachunterricht einbauen kann, nicht nur in einer speziellen Internet-Stunde. Daher haben wir im nächsten Schritt in Modellklassen Laptops für die Schüler angeschafft, damit sie jederzeit recherchieren können. Das hat sich sehr bewährt, und Schüler und Eltern fordern heute schon Laptops für alle. Doch das können wir noch nicht anbieten. Derzeit bekommen jeweils die siebten Klassen Laptops, sodass das Konzept durch die Schule langsam durchwächst.

ZEIT: Manche Schüler haben zu Hause Zugang zum Internet, andere nicht. Entsteht da nicht eine Zweiklassengesellschaft?

HAMM: Diese Frage müssen wir in den nächsten Jahren lösen. Alle Schüler müssen freien Zugang zum Internet haben. Nun kann nicht der Staat jedem einen Internet-fähigen PC zur Verfügung stellen. Aber es muss ausreichend Zugänge über öffentliche Einrichtungen geben. Ähnlich wie heute die Bibliotheken allen einen Zugang zum Buchwissen garantieren, muss dies morgen auch für die elektronischen Medien möglich sein - beispielsweise durch Schulen, Bibliotheken oder Gemeindezentren.

ZEIT: Dennoch werden auch in Zukunft manche Eltern ihren Kindern einen Laptop finanzieren können, andere nicht.

HAMM: Im Gütersloher Gymnasium haben wohlhabende Eltern einen anonymen Fonds für weniger begüterte eingerichtet; das funktioniert schulintern sehr gut. Ich glaube, man kann sehr weit kommen mit klugen Finanzierungsmodellen für diejenigen, die sich aus eigener Kraft keinen Laptop leisten können. Dafür kann man auch die Industrie oder den Staat um Mithilfe bitten.

ZEIT: Aber mit dem Internet-Zugang alleine ist es in einer Schule ja nicht getan. Auch Software und Vernetzung kosten Geld.

HAMM: Wenn es in einer großen Schule demnächst 1000 Computer gibt, dann geht das nicht ohne intensive EDV-Betreuung. Dafür braucht man nach unserer Erfahrung zwei volle Stellen für EDV-Techniker. Und man muss mit Technikinvestitionen von mehreren tausend Mark pro Klassenzimmer für die Vernetzung rechnen. Das ist nur durch staatliche Investitionen zu lösen. Die Kommunen werden sich dieser Aufgabe auf Dauer nicht entziehen können. Eine weitere Hürde sind die Telekommunikationskosten. Wir brauchen, ähnlich wie in den USA oder England, Sondertarife für alle Bildungseinrichtungen.

Die Fragen stellten Martin Spiewak und Ulrich Schnabel

© beim Autor/DIE ZEIT 1999 Nr. 52 All rights reserved.

 

DIE ZEIT 1997 Nr. 17

Neue Serie: Computer und Schule

Die elektronische Revolution rollt, doch noch fehlen Computer und Konzepte

Wie sollen Kinder in der Medienwelt lernen?

Pädagogen, Programmierer und Politiker streiten über Mittel und Wege.

Ulrich Schnabel

Man stelle sich vor, Wesen von einem fremden Stern landeten auf der Erde und gerieten zufällig in eine Schule. Wie würden sie ihre Eindrücke beschreiben? "Sie würden sagen: Dort sehen junge Menschenwesen alten Menschenwesen beim Arbeiten zu", glaubt Michelle Riconscente. Die Mediendesignerin vom amerikanischen Center for Children and Technology war eigens aus New York ins schwäbische Bad Boll eingeflogen, um dort Pädagogen zu verkünden, wie man diesen leidigen Zustand beenden kann: Multimedia lautet ihr Zauberwort. Internet, Video oder Lernprogramme am PC sollen aus passiven Schülern "kreative Schöpfer" machen und die Isolation der Lehrer durchbrechen.

Schöne neue Medienwelt. Kaum irgendwo sonst klingen die Versprechen so vollmundig, erscheint die (Bildungs-)Zukunft so strahlend. Doch kaum ein Thema sorgt auch für so viel Unsicherheit. Während das Bild der Bildung derzeit düsterer wirkt, entfachen die neuen Medien die tollsten Hoffnungen. Auf Tagungen wie in Bad Boll wird über Sinn und Unsinn elektronischer Lernhilfen gestritten; keine Pädagogenzeitschrift, die dem Thema nicht einen Schwerpunkt widmete, keine Schulmesse mehr ohne Multimediazone (siehe nächste Seite). Schulcomputer und Lernprogramme werden von den einen als notwendiges Rüstzeug für den Unterricht gepriesen, von den anderen als unheilvolle Technisierung menschlicher Beziehungen verdammt. Was fehlt, sind klare Konzepte für den Einsatz von Video, Computer oder Internet im Unterricht.

Die ZEIT widmet daher eine lose Artikelreihe dem "Lernen in der Medienwelt". Unbeschadet dessen, daß die pädagogische Debatte noch lange nicht zu einem Konsens geführt hat, dringen die neuen Medien unaufhörlich in unsere Alltagswelt vor. Kinder gehen zu Hause selbstverständlich mit Video und Nintendo um, hantieren spielerisch mit PCs und CD-ROMs und wissen darüber mitunter besser Bescheid als ihre Eltern oder Lehrer. "Das Einstiegsalter für die Benutzung der elektronischen Medien sinkt ständig", sagt Joachim Thoma von der Berliner Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport. Die Schule, so spüren viele Pädagogen, kann sich diesem Wandel auf Dauer nicht verschließen. Die Frage ist nur: Wie kann sie damit Schritt halten?

Thomas Antwort darauf ist beispielsweise das "Comenius-Projekt", das vor einem Jahr initiiert wurde und fünf Berliner Schulen über ein Hochgeschwindigkeitsnetz verbindet. In einer virtuellen Welt soll den Schülern "kommunikatives Lernen" vermittelt werden. Die Erfahrungen, die bisher mit dem hochkomplexen System gemacht wurden, sind allerdings typisch für viele Multimediaprojekte: "Wir haben sehr lange gebraucht, um die Technik in den Griff zu bekommen. Pädagogische Aspekte hatten dabei erst einmal das Nachsehen", gibt der Schulrat zu.

Die Reihenfolge ist bezeichnend: Zuerst kommt die Technik, dann die Moral. Kein Wunder, schließlich wurde die heftige Debatte um neue Medien in der Schule auch nicht von Pädagogen oder Bildungspolitikern angestoßen, sondern von Computerherstellern und Interessenten wie etwa der Bertelsmann Stiftung, die Modellversuche finanziert; von Schulbuchverlagen, die Software propagieren, oder auch von der Telekom mit ihrem Projekt "Schulen ans Netz".

Bis zum Jahr 2000 soll die Telekom-Aktion, gemeinsam initiiert mit dem Bildungsministerium (und unterstützt von Apple Computer, Bertelsmann, Compuserve und anderen Nutznießern), rund 10 000 Schulen einen vorerst kostenlosen Internet-Anschluß bescheren. Schüler und Lehrer würden damit "topfit für das Computerzeitalter" gemacht, wie Bundesbildungsminister Jürgen Rüttgers gemeinsam mit Telekom-Chef Ron Sommer wirbt. Der Verdacht liegt nahe, daß sich auch die Telekom topfit machen möchte, sichert sie sich doch so künftige Kunden. Und welche Kosten kommen auf die Schulen zu, wenn die Einführungsphase beendet ist?

3500 Schulen haben in der ersten Bewerbungsrunde im vergangenen Jahr eine Zusage erhalten. Für manche Lehrer begann der erhoffte Einstieg ins multimediale Zeitalter allerdings mit einer herben Enttäuschung. "Wir haben unsere Internet-Anschlüsse im Mai beantragt, tatsächlich kamen sie dann zu Weihnachten", beschreibt Peter Jöckel vom Josef-Albers-Gymnasium in Bottrop typische Lehrererfahrungen. "Deshalb konnten die beantragten Kurse nicht wie geplant stattfinden. Außerdem kommt an meiner Schule ein Rechner auf 1200 Schüler."

Sind die technischen Probleme einmal überwunden, folgen die inhaltlichen. Wie findet man etwa eine Schule in den USA, mit der sich ein Kommunikationsprojekt aufbauen ließe? Und wie verständigt man sich dabei über Lerninhalte? So mancher merkt erst, wenn die Anschlüsse ans globale Netz installiert sind, daß pädagogische Konzepte nicht automatisch mitgeliefert wurden. Oder er stellt fest, daß clevere Schüler per Internet eben mal ins Rotlichtviertel von Amsterdam surfen; schon muß die weltweite Informationsfreiheit wieder zensiert und kontrolliert werden.

Allen Problemen zum Trotz gibt es mittlerweile auch durchaus positive Beispiele. Dazu gehören nicht nur E-Mail-Projekte wie das vielzitierte "Aurich meets Bronx", in dem nordfriesische Schüler mit New Yorker Kids kommunizieren und so Englisch lernen. Auch in anderen Fächern kann der Unterricht durch das Internet spannender werden, etwa wenn man in Geographie Satellitenbilder aus dem Netz auswertet oder in Physik nach den neuesten Bildern des Kometen Hale-Bopp sucht und diese analysiert. Das funktioniert freilich nur, wenn die Lehrer bereit sind, starre Unterrichtskonzepte zu verändern.

Lernen am Computer, mit dem Videorecorder oder in einem Tonstudio setzt fast immer Gruppenarbeit voraus. Auch lassen sich solche Medienprojekte meist nicht mehr in ein enges 45-Minuten-Korsett pressen. Das liegt nicht nur am technischen Aufwand, sondern auch an der größeren Freiheit, die man Schülern beim Arbeiten etwa mit dem Internet zugestehen muß. Wer das "Netz" oder einen Computer lediglich wie ein Arbeitsheft oder Schulbuch nutzt, so rügt Medienkritiker Neil Postman zu Recht, sollte besser die Finger von den elektronischen Lernhilfen lassen. Sinn machen sie oft nur dann, wenn dadurch Fächer miteinander verbunden werden, die vorher nichts miteinander zu tun hatten: wenn etwa Deutsch und Kunst sich bei einer Spielfilmanalyse vor dem Videorecorder treffen oder, noch besser, die Schüler in einem Gemeinschaftsprojekt eine eigene Homepage oder einen Film erstellen.

Das setzt aber eine große Offenheit im Kollegium voraus. Ist die vorhanden, so hoffen Fürsprecher wie etwa Wolfgang Weber vom Institut für Schule und Weiterbildung in Soest, können "Lehrer dadurch aus der Rolle des reinen Informationsvermittlers herauskommen und Schüler selbständiger lernen". Der von Weber eingerichtete "Bildungsserver" soll dabei als eine Art elektronisches schwarzes Brett dienen, über das Schulen miteinander in Kontakt treten und Erfahrungen und Ideen austauschen können. Daß die neuen Medien vor allem Kommunikationsmedien sind, haben jene Schüler, die sich via Internet gegenseitig bei den Hausaufgaben helfen, übrigens schon lange begriffen.

Der Einsatz neuer Medien wirft daher im Grunde weniger neue als vielmehr alte pädagogische Fragen auf: Welchen Unterricht wollen wir? Wieviel Freiheit gestehen wir Schülern zu? Wie kooperieren Lehrer mit Schülern und ihren Kollegen? Neu ist, daß diese Fragen unter dem Druck der Kommunikationsindustrie brennender auf eine Antwort drängen als je zuvor. Von den traditionellen Bildungsinstitutionen aber kommen diese Antworten kaum. Wer sich etwa bei einer Bewerbung für "Schulen ans Netz" vom Bildungsministerium klare pädagogische Vorgaben oder auch nur Konzepte erhofft, wird enttäuscht. Auch im Bereich der Lernsoftware hält sich der Staat mit Empfehlungen, wie es sie etwa für Schulbücher gibt, vornehm zurück.

Allerorten fehlt es an klaren Orientierungen für die verunsicherten Lehrer. Das betrifft auch das trübe Kapitel der Lehrerausbildung. "An der Universität stellt man sich nur ganz marginal auf dieses Thema ein", weiß Walter Thomann vom Institut für Schulforschung und Lehrerbildung an der Universität Wuppertal. Er fürchtet daher, daß Schulcomputer und Internet-Anschlüsse - wie die alten "neuen Medien" Sprachlabor oder Schulfernsehen, die in den siebziger Jahren auch mit großer Euphorie in die Schule eingeführt wurden - "dort nicht zuletzt wegen mangelnder Lehrerausbildung verstauben".

Die Ratlosigkeit der Institutionen schafft freilich auch Spielraum für Initiativen in den Schulen. PC und Internet-Anschluß allein werden den Schulunterricht nicht revolutionieren. Doch sie können bestenfalls dazu führen, daß sich ein Lehrerkollegium von neuem über pädagogische Konzepte verständigt, andere Formen des Unterrichts wagt. Der Lehrer verliert dabei als Bezugsperson keineswegs an Wichtigkeit - nur seine Bedeutung ändert sich: Vom Wissens vermittler wird er zum Wissens moderator, der unterschiedliche Lehrmittel verknüpfen und beim Schüler ein kritisches (Medien-)Bewußtsein zur Entwicklung bringen soll. Mit den Medien allein ist es nicht getan: Aber das Nachdenken über ihren sinnvollen Einsatz könnte den Schulunterricht wirklich verändern.

Walter Thomann rät: "Wir müssen lernen, mit den Medien als Autodidakten umzugehen." Das meint ausgerechnet ein Lehrerausbilder. "Und wir sind gut beraten, wenn wir uns zusammen mit den Kindern die Inhalte aneignen. Wahrscheinlich können die das sowieso viel schneller als wir."

Nächste Folge: Im elektronischen Klassenzimmer

© beim Autor/DIE ZEIT 1997 Nr. 17 All rights reserved.

 

DIE ZEIT 1997 Nr. 39

"Der Computer ist nur Knecht. Er darf nicht zum Schulmeister werden."

Lernen in der Medienwelt - die Position des Pädagogen Hartmut von Hentig

Hartmut von Hentig

Warum ist es pädagogisch sinnvoll, trotz mangelnder Konzepte die Computer jetzt schon in großem Maßstab in den Schulunterricht zu bringen?"

Diese Bundesminister Rüttgers von der ZEIT gestellte Frage kommt mir wie eine tückische Falle vor. Warum etwas "pädagogisch sinnvoll" ist, kann er doch nur sagen, wenn beide, er und der Leser, wissen, was pädagogisch sinnvoll ist! Und darf er nicht erst einmal erklären, warum er es überhaupt für notwendig hält, Computer in die Schule zu bringen - auch ohne die peinlichen Bedingungen: subito (was bei der natürlichen Langsamkeit des Bildungswesens nie so recht überzeugt), in "großem Maßstab" (10 000 Schulen werden in drei Jahren angeschlossen, was für die Elektronikwirtschaft Peanuts sind und pädagogisch eine Hochstapelei ist), ohne ein rechtes Konzept (was man sonst nur seinen Gegnern unterstellt, um sie verächtlich zu machen)? Muß er da nicht auf die Nase fallen?

Es ist also nicht nur verständlich, es ist gut für die Kontroverse, daß er sich nicht hat einengen lassen, daß er beherzt weit ausgreift, es ist gut, denn damit offenbart er, wie er sich den Widerstand, die Gegnerschaft zu seinem Programm vorstellt, und was ihm zur Sache alles nicht in den Sinn kommt, was ihm auch nur zu fragen entbehrlich scheint.

So sehr es mich lockt, meine eigenen Vorstellungen vom Wandel in unserer Welt, vom Auftrag der Schule und von der Verwendung der Medien in ihr danebenzustellen; auf dem begrenzten Raum beschränke ich mich auf das, worüber gestritten werden muß: unsere Bewertung des Wandels und unsere pädagogischen Möglichkeiten, auf ihn zu antworten.

Also erstens: Sehen wir die Neuen Medien und die durch sie machtvoll geförderten Tätigkeiten und Einstellungen als dienstbare Mittel zum Zweck oder als ein unaufhaltsames Kulturereignis, am Ende ein Kulturmerkmal (dem man zum Opfer fällt, wenn man sich ihm nicht anbequemt)? Und zweitens: Kann die Pädagogik, wenn sie die Neuen Medien auch zu ihren Mitteln macht, zugleich zur Freiheit gegenüber diesen Mitteln erziehen und wenn ja, wie erreicht sie dieses Kunststück? Kann es genügen zu sagen: durch eine sogenannte Medienkompetenz? Muß man nicht auch sagen, worin die besteht und wie man sie erlangt? Und kann das ohne begründete Vorstellung, also "ohne Konzept" überhaupt geschehen?

Ungern wird sich nun Jürgen Rüttgers anhängen lassen, er kapituliere vor den Verhältnissen. Er dürfte sagen: Die Neuen Medien sind nicht Schicksal, sondern von den Menschen aus guten Gründen gewollt. Ich bin überzeugt, daß alle positiven Erwartungen sich nur erfüllen, wenn wir gleichzeitig die Probleme sehen und benennen, die die Neuen Medien uns bringen - und auch für sie Sorge tragen. Nehmen wir die drei geläufigsten Preisungen:

Der Einbruch der "Wissensgesellschaft". Wissen hat den Homo sapiens ausgezeichnet, seit es ihn gibt, und immer hat er es zu nutzen, weiterzugeben, zu verbessern, auszubauen verstanden: als Ergebnis ständiger Auswahl, klügerer Ordnung, eingehenderen Verstehens, also durch Aneignung und Integration in den Köpfen der Menschen. Wenn uns nun das Wissen ("inflationär") über den Kopf wächst, dann ist das eine Folge der durch die Elektronengehirne genährten Vorstellung, Wissen sei schon Wissen, wenn einer es als solches in einen "Speicher" eingäbe; dann könne man es sich dort abholen, wenn man es brauche.

Wer im Internet unter "Schule ans Netz" das Stichwort "Medienkompetenz", wie es Rüttgers formuliert, aufsucht, der wird sein graues Wunder erleben: tabellenförmiges Chaos, ein jeder Sachlogik spottendes Menü mit mehrfachen Untermenüs, deren Bezeichnungen so vage sind, daß man sie alle durchprobieren muß, um herauszufinden, daß das Gesuchte hier jedenfalls nicht steckt. Kein Verlag gäbe dem in erbärmlicher Sprache verfaßten Text mehr als fünf Minuten Aufmerksamkeit. Von verschiedenen Autoren geschrieben, unkoordiniert aneinandergereiht, von niemandem gezeichnet und an niemanden gerichtet, durch die Nutzung von Icons, Kästen, Spiegelstrichen in eine imponierende Scheingliederung gebracht. Diese Art von Textherstellung verführt zu Hochstapelei, Oberflächlichkeit, ertötender Redundanz, zu Verantwortungslosigkeit. Je mehr wir wissen, um so mehr müssen wir denken. Und nicht in der Hoffnung auf big brother in den Computer eingeben, was das Zeug hält. Denken aber - wie lernt man das?

Eine andere Preisung: Die Förderung der Kommunikation. Diese ist für viele Menschen ein Teil ihrer Berufstätigkeit: Man bespricht eine Sache mit einem Partner, und die Elektronik erleichtert es ihnen. Für viele andere wird die Förderung der Kommunikation durch die gleiche Technik zur Plage, gegen welche sie sich beispielsweise durch die subtilen Lügen ihres Anrufbeantworters zu schützen trachten; für viele andere Menschen wiederum ist sie eine Weise, eine einsame Leere mit geteilter Leere auszufüllen. Ist das die erstrebte "Kommunikationsgesellschaft"?

Die Kids am Internet kommunizieren mit Kids am Internet über das Kommunizieren am Internet. Im Modellversuch, welchen Minister Rüttgers fördert, produzieren sie am laufenden Band Homepages, aktualisieren diese ständig. Und die Kids freuen sich, daß ihre elektronischen Seiten "weltweit von jedermann betrachtet werden" können - Selbstdarstellung an sich. Gibt es in Deutschland keine Nachbarn mehr?

Wenn Telekom-Chef Ron Sommer Schulen ans Netz zu bringen hilft, dann kann ich das verstehen: Er verkauft einen Lebensstil, zu dem dieses Kommunizieren um seiner selbst willen gehört. Aber daß der Bundesminister für Bildung dies fördert, mißhagt mir. Er müßte, bitte, genauer hinsehen, was da in seinem Auftrag und mit unserem Geld geschieht.

Schließlich: Die Demokratie könnte vom Internet profitieren - aufgrund der Möglichkeit direkter Anfrage und Entgegnung, was man Interaktivität nennt. Aber auch hier "killt" das Mittel seine eigene Wirkungsmöglichkeit. Noch haben erst 2,5 Millionen Deutsche einen Zugang zum Internet, und schon wird das Konrad-Adenauer-Haus monatlich von 350 000 elektronischen "Besuchern" heimgesucht. Wer beantwortet deren Fragen? Wer nimmt ihre Anregungen auf? Wer kann sich auf die Person und die Lage der sich solchermaßen Beteiligenden einlassen?

Am Ende wird man die elektronische Bürgersprechstunde wohl dem Computer übertragen; man wird bei dem alten amerikanischen Psychoanalytiker-Witz enden: Der Arzt trifft seinen Patienten auf der Straße in eben der Stunde, zu dem die Analyse vereinbart war. "Alles in Ordnung, Doktor", beruhigt der Patient. "My talking machine is talking to your talking machine!"

Mit anderen Worten: Eine so große, nicht steuerbare Veränderung wie die, die uns mit den Neuen Medien ins Haus steht, "betreibt" man nicht, man wartet sie aufmerksam und aufgeschlossen ab und denkt aus diesem Anlaß über die eigene Vorstellung vom guten Leben nach. Man macht sich ein "Konzept" - man "schmeißt sich nicht ran".

Für Bundesminister Rüttgers freilich sind solche Sätze nur Fluchtbewegungen (Schule als "Refugium") eines "kulturkritischen Bußpredigers". Und wenn etwas an dessen Zweifeln dran ist: Eben dazu soll es ja "Medienkompetenz" geben.

Worin die besteht, sagt der Minister nicht ausdrücklich. Er empfiehlt statt dessen dem interessierten Leser, sich unter dem Stichwort "Medienkompetenz" durch den "Schulen-ans-Netz-Server" im Internet diese Kunst selbst anzueignen. Was wir eben schon versucht haben! Ach, täte es der Minister doch auch! Er träfe auf eine Liste von Sendungen, die im weiteren Umkreis des Themas in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten gelaufen sind. Ein "Grundkurs" im Südwestfunk bietet - da ist sie endlich! - auch eine Sendung über "Medienkompetenz". Aber um zu erfahren, was es mit der auf sich hat, müßte man die Sendung am 14. Juli 1997 eingeschaltet und aufgezeichnet haben.

Die typischen Verben der "Vorschau" verheißen pädagogisches Blabla: Dies rege zur Diskussion an und ermögliche, das Medienverhalten der Schüler zu thematisieren, Funktionen wie Teleworking, Audio- und Videokonferenzen übers Internet als Werkzeuge für netzbasierende Zusammenarbeit zu erlernen und zu nutzen, differenziert Stellung zu nehmen, das Gesehene vor- und nachzuarbeiten und so fort. Und das alles in winziger Schrift, die auch auf dem hochauflösenden 20-Zoll-Bildschirm nicht lesbar ist, es erst durch den Ausdruck wird. Warum also nicht gleich drucken?

Läßt man sich, von alldem entnervt, gegen eine Gebühr von fünf Mark von der Bund-Länder-Kommission das Heft 44 "Orientierungsrahmen" für die Medienerziehung in der Schule schicken, bekommt man einen ordentlichen Text von freilich hoher Abstraktion und Allgemeinheit. Die Autoren empfehlen: langfristige Planung, ein "integratives" Konzept, eine Schule, die sich nicht als bloße Unterrichtsanstalt, sondern als Lebens- und Erfahrungsraum versteht. Man sieht, warum der Minister darauf nicht warten will.

In der Praxis freilich hat die Pädagogisierung und die Didaktisierung längst voll eingesetzt, das "Konzept" des Machbaren anstelle des Benötigten oder Gemeinten. Die Lehrer aus dem Schule-ans-Netz-Projekt berichten, wie sie "Lernprozesse optimieren und effektivieren"; sie stellen Begriffs-, Aufgaben-, Mittelkataloge und Systeme auf; sie werden bald den alten Unterricht durch den neuen "Austausch von E-Mail", durch Meinungsbörsen und Newsgroups ersetzen und mit Schulen in Hoboken oder Sidney "in direkten Kontakt" treten. Wie der Minister sagt: "Die Medienwelt entwickelt sich zu einer eigenen Erziehungs- und Bildungswelt." Aber das ist ganz gegen den öffentlichen Auftrag der Schule; es antwortet gerade nicht auf die öffentlichen Klagen, die auch Jürgen Rüttgers aufführt; es macht keinen Schüler tüchtiger für unsere schwierige Welt.

Hier die Skizze eines Gegenkonzepts für den Einsatz des Computers in der Schule: Alle Lehrer lernen in ihrer akademischen und praktischen Ausbildung mit dem Computer und dem Internet zu arbeiten, weil der Minister recht hat, daß die Schule kein "Hort" ist, der die Schüler gegen die böse Wirklichkeit abschirmt und weil Abstinenz aus Angst das schlechteste Motiv für den Nichtumgang mit dem Computer ist. Den Schülern gibt die Schule einen reichen Vorrat an geistigen und sinnlichen Primärerfahrungen. Sie führt die neuen mediengebundenen Kulturtechniken dann ein, wenn diese bei der Lösung eines gegebenen Problems Hilfe versprechen, wie sie eigentlich auch die anderen Kulturtechniken nur in dieser Funktion und nicht "an sich" lehren sollte. Nachdem die Schüler schreiben und rechnen gelernt haben und verstehen, wie das zugeht, kann der Computer - im vierten oder fünften Schuljahr - als "Textverarbeitungsgerät" eingeführt werden: Etwa in der gleichen Zeit wird auch der Taschenrechner benutzt, um die Schüler von den untergeordneten Rechnungen zu entlasten.

Über die Medien, ihre Machart und Wirkung zu reden, geben die Kinder täglich Anlaß; der mit diesen Techniken vertraute Lehrer wird verständig darauf eingehen: daß er die Apparate im geeigneten Fall aufsucht (im Medienraum) und an ihnen veranschaulicht, worum es geht, ist pädagogisch selbstverständlich.

Im Sachunterricht legt man Wert auf alles, was hilft, Probleme zu erkennen, sich Gedanken über die Lösungen und ihr Zustandekommen zu machen; das ist die beste, die eigentliche Vorbereitung auf den Computer: Der junge Mensch lernt diesen und die Kommunikations- und Informationssysteme für seine Zwecke dienstbar einzusetzen. Wer keine Probleme hat oder seine Probleme nicht versteht, kann den Knecht Computer nicht für sich arbeiten lassen, der bedient diesen nur.

Der Computer wird also erst in den oberen Klassen als problem solver eingeführt, nachdem man selber zum problem raiser geworden ist. Die Bedienungskompetenz erwerben Schüler innerhalb von zwei Wochen (Lehrer brauchen etwas länger): Die Einübung sollte nahe am Gegenstand und am Zeitpunkt der Anwendung geschehen - das jeweils letzte Schuljahr genügt dafür.

In der Grundschule beginnen heißt nicht nur Zeit verschwenden, an Geräten und Systemen lernen, die in wenigen Jahren gar nicht mehr vorhanden sind - es heißt immer auch: schon das Kind auf den Computer konditionieren. Daß man unbedingt zehn oder dreizehn Schuljahre brauche, um unbefangen mit der Medienwelt umzugehen, widerlegen die von Rüttgers angeführten Nintendo-Kids, die ohne Anleitung "kleine Computer-Experten" geworden sind.

Die Schule dient nie nur der Einübung in die Gegebenheiten und Gesetze der Welt, sondern stärkt immer auch die Wahrnehmung, daß der Mensch der Herr über seine Geschöpfe ist. Das macht - nicht zum geringsten Teil - seine Würde aus.

© beim Autor/DIE ZEIT 1997 Nr. 39 All rights reserved.

 

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