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Die großen Seuchen

Pest und Pocken

Beschreibung der Erreger, Krankheitsverlauf,

Geschichte der Krankheiten

Tamilische Pockengöttin Mariyamman

Tamilische Pockengöttin Mariyamman

Biologie- Jahresarbeit von Helena Bayer (Leistungskurs 13)

Inhaltsverzeichnis

1)

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Seuchen

2)

Die Pest

a) Der Krankheitserreger, - ein Bakterium und seine Übertragung

b) Die Entdecker und der Verlauf der Krankheit im Hinblick auf die verschiedenen Arten der Pest
c) Die Krankheitsgeschichte vom Mittelalter bis zur Neuzeit
d) Die sozialen, medizinischen und religiösen Auswirkungen der Pest

3)

Die Pocken
a) Der Krankheitserreger - ein Virus, und die verschiedenen Virusarten
b) Der Krankheitsverlauf der Pocken
c) Impfgeschichte, Vorgang der Impfung und die möglichen Komplikationen
d) Die Geschichte der Pocken vom Altertum bis in die Neuzeit

4)

Literaturverzeichnis

5)

Definitionen

6)

Zusammenfassung

1) Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Seuchen

Pest und Pocken sind beide gemeingefährliche und quarantänepflichtige Krankheiten, die auch als epidemische Krankheiten bezeichnet werden. Um diesen Begriff zu verstehen, muß man sich den Begriff „Epidemie" genauer betrachten. Die Definition besagt, daß Epidemie eine im Volk häufig vorkommende Krankheitin örtlicher und zeitlicher Begrenzung ist. Das Wort leitet sich vom griechischen Wort „epos - Wort, Erzählung" ab.

Beide Seuchen wurden mit vielen verschiedenen Bezeichnungen versehen; so nannte man die Pest im Mittelalter auch „den schwarzen Tod" oder „das große Sterben" und die Pocken waren den meisten Menschen auch unter dem Namen „die bösen Plattern" bekannt. Diese Bezeichnungen zeigen deutlich , wie gefürchtet beide Seuchen waren. Tatsächlich kann man sagen, daß Pest und Pocken die schlimmsten Krankheiten waren, von denen die Menschheit je heimgesucht wurde.

Trotzdem unterscheiden sie sich in vielerlei Hinsicht. Der größte Unterschied liegt wohl im Krankheitserreger selbst, denn die Pest, die schwerste aller mittelalterlichen Seuchen, wird von Bakterien verursacht und die Pocken sind eine Virusinfektion. Auch das Zeitalter, in dem die beiden Seuchen wüteten, ist ein anderes. So war die Pest vor allem im Mittelalter präsent, während die Pocken eine Krankheit unseres Zeitalters sind, besonders des 18. Jahrhunderts. Man kann also sagen, sie lösten das Übel der Pest ab, das die Menschen des Mittelalters in immer wiederkehrenden epidemischen Wellen bedrohte, denn als der schwarze Tod plötzlich von der Bildfläche verschwand, waren es die bösen Plattern, die anfingen ihre Spuren auf den Gesichtern der Menschen zu hinterlassen. Die Pocken entwickelten sich zu einer ständigen Bedrohung, die sich in viel kürzeren Abständen, als die Pest, zeigte. Sie begannen zu einer der gefürchtesten Krankheiten der damaligen Zeit zu werden.

Da der schwarze Tod die Menschen innerhalb von maximal 7 Tagen töten kann, forderte er erheblich mehr Opfer als die Pocken, die zwar auch gefährlich sind, aber keine so hohe Letalität aufweisen. Bei der Pest gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man überlebte sie, oder man starb an ihr. Bei den Pocken verhielt sich das ein bißchen anders. Viele Menschen überlebten die Virusinfektion, trugen aber auf jeden Fall die Narben im Gesicht davon. Schlimmere Folgekrankheiten waren auch Erblindung, Taubheit, Lähmungen. Da die Medizin zu Zeiten der bösen Plattern schon bedeutend weiter fortgeschritten war als im Mittelalter der Pest, war es auch möglich gegen diese Krankheit einen Impfstoff herzustellen. Das führte dazu, daß die Pocken heutzutage für die Menschheit keine Bedrohung mehr darstellen, und die Pockenviren nur noch in bestimmten Labors zu Versuchszwecken aufgehoben werden. Leider gibt es für die Pest, die auch in unserer Zeit noch eine ernstzunehmende Bedrohung ist, keine wirksame Impfungsmethode. Wird die Krankheit aber früh genug erkannt, kann man mit Antibiotika den Patienten schnell von dem Übel befreien.

Da die Gemeinsamkeiten und Unterschiede jetzt genauer genannt wurden, kann ich damit beginnen, die beiden Krankheiten und ihre Geschichte genauer unter die Lupe zu nehmen.

2) Die Pest

a) Der Krankheitserreger - ein Bakterium, und seine Übertragung:

Der Erreger der Pest ist das gramnegative, plumpe Bakterium Yersinia pestis ,das keine Sporen besitzt und stäbchenförmig ist. Stoffwechselphysiologisch ist es den 

Der Pesterreger darmbewohnenden Bakterien (Enterobacteriaceae) nahestehend, und seine Größe beträgt nicht mehr als zwei Mikrometer. Das natürliche Reservoir von Yersinia pestis sind Nagetiere. Das Bakterium kann auch unter weniger günstigen Bedingungen sehr lange überleben. Vor Austrocknung geschützt, bleibt es im Erdboden, in Sputum, Kot oder in Tierkadavern monatelang vermehrungsfähig und virulent. Im Wasser bleibt Yersinia pestis tage- und wochenlang erhalten, in Staub und Erdreich monatelang. Deshalb sagte man dem Erreger in der Vergangenheit auch nach, daß er „an Gebäuden hafte."

 

Die Übertragung des Erregers erfolgt über Flöhe auf Ratten und Menschen. Die Anhänger der alten Theorie halten den Rattenfloh Xenopsylla cheopis für den wichtigsten Überträger. Es handelt sich dabei um ein Insekt von 2 bis 3 Millimetern Länge, das als Schmarotzer im Fell der Ratte lebt. Er springt das hundertfache seiner Körperlänge und kann mehrere Monate ohne Nahrung überleben. Außerdem kommt er als Überträger in die engere Auswahl, weil er, im Gegensatz zu anderen Floharten und Nagetieren, einen Vormagen besitzt. Der Rattenfloh saugt nämlich Erreger in hoher Konzentration in seinen Vormagen. Diese verklumpen dort und verstopfen denselben.  Der Rattenfloh / Pestfloh

Dadurch verspürt der Floh noch immer Hunger und sticht erneut- diesmal vielleicht ein anderes Opfer. Trotzdem sind die Flöhe nicht die einzigen Pestüberträger, denn es gibt eine Reihe von weiteren Faktoren. Auf einer Vielzahl von Insekten hat man Pesterreger gefunden, und auch unsere geliebten Haustiere können als Überträger in Frage kommen, denn sie tragen die Bakterien im Fell ohne selbst an der Seuche zu erkranken. Außerdem sind die Erreger auch in Tierkot, Staub und Schmutz zu finden, alles Faktoren, die die Ausbreitung besonders in einer unhygienischen Zeit wie dem Mittelalter begünstigten.

Doch wie kommen die Erreger vom Rattenfloh auf den Menschen?? Der Floh mag das Blut der Ratten besonders, in extremen Notzeiten begnügt er sich aber auch mit Menschenblut. Genau so eine „Notzeit" tritt ein, wenn viele Ratten an der Pest erkrankt sind, denn genauso wie bei den Menschen, sterben auch die Ratten nach einigen Tagen an den gleichen Symptomen. Da Flöhe aber sehr empfindlich auf kalte Temperaturen reagieren, sind sie gezwungen, den toten und kalten Rattenkörper zu verlassen und sich ein nächstes Opfer zu suchen. Da schon fast alle Ratten an der Pest gestorben sind, befällt der Floh den Menschen. Ein indisches Sprichwort erklärt diese Übertragungskette treffend mit den Worten: Wenn die Ratten zu fallen beginnen, ist es Zeit, das Haus zu verlassen.

Ist die Seuche erst einmal beim Menschen angelangt, sind keine Flöhe mehr nötig, um für eine starke Verbreitung der Erreger zu sorgen, denn die Menschen stecken sich gegenseitig durch vielerlei Möglichkeiten an. Sehr häufig ist die Ansteckung über natürliche Eintrittspforten, z.B. durch Wunden oder Läsionen im Mund- und Rachenraum, durch Verletzungen in der äußeren Haut, durch fäkal- orale Übertragung, wenn ein Kranker die Erreger in großen Mengen ausscheidet und sie in die Nahrung oder ins Trinkwasser eines anderen gelangen.

Bei der Lungenpest kann die Krankheit auch durch die sogenannte aerogene Übertragung, auf dem Luftweg, weitergegeben werden, wenn der Kranke durch Sprechtröpfchen die Erreger verbreitet. Bei so vielen Übertragungsmöglichkeiten kann man sich leicht vorstellen, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis fast jeder dritte Bewohner einer mittelalterlichen Stadt an der Pest erkrankte.

 

b) Die Entdecker und der Verlauf der Krankheit im Hinblick auf die verschiedenen Arten der Pest:

Die moderne, medizinische Forschung über die Pest begann erst kurz vor der Jahrhundertwende. Der Grund war eine schreckliche Pestepidemie in Ostasien, die im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wütete. Viele Ärzte aus verschiedenen Ländern reisten in den Osten, um zu helfen, und um genauere Forschungen zu betreiben.

1894 entdeckten in Hongkong unabhängig voneinander zwei Forscher den Pesterreger. Der eine war der Japaner SHIBASABURO KITASATO, ein Mitarbeiter von KOCH und BEHRING, und der andere war der Franzose ALEXANDRE YERSIN, nach dem der Erreger Yersinia pestis benannt wurde, ein Mitarbeiter von PASTEUR und ROUX. Tagelang forschten beide unter Zeitdruck, denn jeder wollte den Sieg davontragen. Schließlich fand Yersin den Erreger in den Beulen und Kitasato im Blut der Erkrankten. Als Datum der Isolierung wurde der 20. Juni 1894 festgelegt.

 

Alexandre Yersin

Alexandre Yersin

Obwohl das Bakterium jetzt gefunden war, wußte man immer noch nichts über den Übertragungsweg. Doch 1897 fand Paul-Louis Simond heraus, daß der Erreger von Flöhen weitergegeben wird. Er setzte eine erkrankte Ratte in einen Glasbehälter und neben den Behälter stellte er einen Drahtkäfig mit einer gesunden Ratte. Die Ratten hatten keinerlei Kontakt zueinander und trotzdem erkrankte die gesunde Ratte bald darauf. Der Grund waren die Flöhe, die von einem Käfig zum anderen gesprungen waren.

Die Ratten und der Mensch weisen den gleichen Krankheitsverlauf auf. Das Bakterium dringt durch Hautverletzungen oder die Atemwege in den Körper ein. Es erfolgt eine Einschwemmung in die Blutbahn und ein Ansiedeln in verschiedenen Organen.

Bei der häufigen Erscheinungsform, der Beulenpest, bricht die Krankheit zwei bis zehn Tage nach der Infizierung aus. Weil die Flohstiche meistens an den Beinen vorkommen, schwellen die Lymphdrüsen der Leiste bis zur Größe eines Eies oder eines Apfels an. Sie verhärten sich und beginnen zu pulsieren , was sehr schmerzhaft ist. Es können auch die Drüsen der Achselhöhlen, des Halses oder des Nackens betroffen sein. Es kommt schlagartig zu einem Fieberanstieg bis 40.° Celsius. Oft haben die Erkrankten Schüttelfrost und dazu heftige Kopf- und Gliederschmerzen, die einhergehen mit Erbrechen, Husten und Atemnot. Sie weisen körperliche Schwäche auf und sind lichtscheu. Weiter Symptome sind Durchfall und ferner eine lallende Sprache und ein taumelnder Gang, der an einen Betrunkenen erinnert. Die Kranken sind sehr unruhig und lassen sich schwer im Bett behalten. Die Haut und die Schleimhäute beginnen sich bläulich zu verfärben. Bei den dunklen Flecken auf der Haut handelt es sich um nekrotische Läsionen, die sich um die Einstichstellen der Flöhe bilden. Außerdem kann es zu intravaskulärer Koagulation mit Granärbildung kommen. Auch diese Stellen, meist an den Beinen, sehen dann schwärzlich aus. In 50-80 % der Fälle sterben die Infizierten dann an einer Sepsis, Herz- und Nierenversagen, Lähmung des Zentralnervensystems oder an einer generalisierten Blutgerinnungsstörung.

Pestkranker

Während die Inkubationszeit bei der Beulenpest mehrere Tage beträgt, sind es bei der zweiten Form der Infektion, der Lungenpest, nur wenige Stunden. Zwischen 95- 100 % der Betroffenen sterben nach kurzer Zeit. Man unterscheidet zwischen einer primären und einer sekundären Lungenpest. Ein Kranker, der an der Lungenpest leidet, versprüht mit seinen Sprechtröpfchen Pesterreger. Wer sich bei diesem Kranken dann ansteckt, zieht sich eine primäre Lungenpest zu. Hat ein Erkrankter aber so viele Bakterien im Blutkreislauf, daß sie sich in verschiedenen Organen niederlassen - vor allem der Lunge, leidet er dann an einer sekundären Lungenpest, weil er ja am Anfang an der Bubonenpest erkrankte. Besonders die primäre Lungenpest gilt als hochkontagiös. Sie beginnt mit einer Bronchitis und kurze Zeit später hustet das Opfer Blut. Der Patient stirbt oft an Herzinsuffiziens sowie toxisch bedingtem Kreislaufversagen. Die letzte Form der Pest ist die „abortive Pest", eine klinisch milder verlaufende Variante, bei der es nur zu leichtem Fieber kommt.

Die Beulenpest hat eine Letalität von 50-80 %. Die Letalität bezeichnet den Anteil der Verstorbenen, die einer bestimmten Krankheit erlagen. Das heißt, daß 50 bis 80 von je 100 Beulenpest- Kranken an dieser Krankheit starben. Bedeutend niedriger als die Letalität ist stets die Mortalität, denn dieser Begriff bezieht sich auf die gesammte Population und nicht nur auf den Anteil der Verstorbenen aus der Gesammtbevölkerung.

c) Die Krankheitsgeschichte der Pest vom Mittelalter bis zur Neuzeit

Die erste große Pestwelle beginnt im Jahre 541 nach Christus. Nach der Ansicht von Zeitgenossen wurde sie aus Äthiopien eingeschleppt, griff aber schnell auf das Nildelta über und verseuchte Alexandrien. Dann wälzte sie sich über Syrien und Antiochia und erreicht schließlich 542 Konstantinopel, wo seinerzeit Justianus herrschte. Davon kommt auch die Bezeichnung „Pest des Justianus" oder „justianische Pest", die man dieser Epidemie des Frühen Mittelalters gab. Konstantinopel verlor 1000 Menschen pro Tag. Drei Jahre später, also im Jahre 545, war die Seuche soweit abgeklungen, daß Justianus sogar ihr Ende proklammierte. Leider war das nur eine Atempause, denn schon 557 brach die Pest erneut in Antiochia und dann wieder in Konstantinopel aus.

Gallien und Germanien war 545/546 vom schwarzen Tod betroffen. Von da an wütete sie bis zum 8. Jahrhundert im Abstand von 12 Jahren, grassierte zwei oder drei Jahre lang in einem bestimmten Gebiet und schwächte sich dann wieder ab, ohne daß man eine Erklärung für den eigenartigen Rhythmus finden konnte. Der Volksmund spricht nicht umsonst „vom Unglück, das selten allein kommt", denn durch die Pest wurden die Nahrungsmittel dezimiert und die Transportwege brachen zusammen, so daß Hungersnöte der Seuche stets folgten und das Leid der Menschheit noch verschlimmerten. Historischen Aufzeichnungen zufolge manifestierte sich die Seuche zum letzten Mal 750 in Palästina und 767 in Neapel.

Die zweite große Pestwelle sollte die Menschheit 1347 bis 1532 heimsuchen, und raffte jeden dritten Bürger Europas dahin.

Sie beginnt an einem sonnigen Herbsttag in Kaffa auf der Krim. Nach jahrelanger Belagerung durch den Feind, machten die Einwohner der Stadt eine schreckliche Entdeckung. Die Belagerer hatten tote Pestopfer über die Stadtmauern katapultiert. Sofort grassierte die Seuche in der ganzen Stadt und viele Menschen suchten die Flucht. Viele flohen übers Meer, um der Pest zu entkommen und nahmen so die Krankheit mit auf die Schiffe. Die Galeeren, die mit Kranken überhäuft waren, liefen den Hafen von Messina an. Die Einwohner erkannten das Übel zu spät, das die Hilfesuchenden im Schlepptau hatten. Binnen weniger Wochen hatte sich die Pest in ganz Sizilien ausgebreitet. Bis zum Dezember hatte sie ganz Italien und Südfrankreich befallen. In Venedig starben täglich 600 Menschen, Florenz mußte die Seuche mit der Hälfte der Bevölkerung bezahlen.

Obwohl die Alpen im Norden für eine Zeit lang als natürliche Barriere dienten, hatte die Pest nach einem Jahr weite Teile Europas und Nordafrikas erreicht, und war per Schiff bis nach Großbritannien und Irland vorgedrungen. 1350 griff sie nach Skandinavien über und drang im Osten tiefer nach Rußland vor. Nach 6 Jahren des Wütens erreichte sie wieder ihren Ausgangsort Kaffa auf der Krim. Deutschland wurde in den Jahren 1349 und 1350 von der Seuche erfasst. Besonders hart traf es Norddeutschland.

Für die Ursachen der Pest wurden einmal verdorbene Winde, ein anderes Mal eine schlechte Sternenkonstellation verantwortlich gemacht. Das berühmte Pariser Gutachten von 1348 erklärte das Auftreten der Sterne damit, daß am 20. März des Jahres 1345 die drei oberen Planeten im Hause des Wassermanns zusammentraten, um eine besonders feuchte und gefährliche Ausdünstung auszustrahlen, die sich in der Lunge zu einer giftigen Materie zusammenballte, die die Pest erzeugen sollte. Andere Mediziner glaubten, daß die Pest wüte, weil es „Frösche und andere Reptilien" geregnet habe.

Insgesamt scheint Europa in der Pestpandemie von 1347 bis 1351 ein gutes Drittel seiner Bevölkerung verloren zu haben. Nach 1356 brach die Seuche erneut in etlichen französischen Städten aus, und bis 1670 gab es nicht ein Jahr, in dem nicht mehrere Orte Frankreichs von der Krankheit heimgesucht worden wären. Manche Gebiete blieben ganz verschont, andere entrichteten der Pest periodisch ihren Tribut.

Im 15. Jahrhundert zeigt sich die Pest auch in Deutschland noch nicht auf dem Rückzug. Sie durchzog in immer wiederkehrenden Wellen das Land: 1449 bis 1453, in den Jahren 1463/64, zwischen 1480 und 1486, von 1494 bis 1499 und im 16. Jahrhundert setzten sich diese Bewegungen fort. Während des Sommer 1665 wurde die Stadt London von der Pest ergriffen. Auch der damals erst 5-jährige Daniel Defoe war Augenzeuge des großen Sterbens. 1772 erschien dann sein Buch „A Journal of the Plague Year (Die Pest zu London).Das ganze öffentliche Leben lag darnieder und die Stadt verlor während diesem Angriff rund 70000 Menschen.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts begann man in Italien richtige Pestlazarette einzurichten, die aber erst um 1500 auch diesen Namen erhielten. Venedig war die erst Stadt, die im Jahre 1423 ein eigenes Spital speziell für Pestkranke errichtete, um die Kranken zu isolieren und sie bis zu Ihrer Genesung oder ihrem Tod zu versorgen. Leider war öfters das Zweite der Fall, denn in den Spitälern konnte sich der Erreger ungehindert ausbreiten, und so kam fast niemand lebend aus solchen Einrichtungen wieder hinaus.

Im selben Jahrhundert beginnt man auch in Deutschland die Pest als eine regelmäßig wiederkehrende Erscheinung zu betrachten und die Städte beginnen sich zur Wehr zu setzten. Die Stadt Basel erläßt gegen 1400 zum Beispiel ein Seuchengesetz, das allen von Beulenpest, Lungenschwindsucht, Epilepsie, Krätze, Antoniusfeuer, Milzbrand und Aussatz befallenen Personen verbietet, ihren Mitbürgern Nahrungsmittel anzubieten. Zuwiderhandeln wird mit Ausweisung bedroht. 1678/79 flackert die Pest erneut in Wien auf, und zwar in den Teilen der Leopoldstadt, die häufig von Hochwasser überflutet wurden. Als man am Ende des Jahres Bilanz zog, da bemerkte man, daß Wien niemals mehr Menschen verloren hatte. Auch das alte Volkslied vom lieben Augustin entstand übrigens während dieser Pest („Oh, du lieber Augustin, alles ist hin")

In England gab es nach der Pest zu London von 1667 keine Epidemie mehr, in Skandinavien mordete der schwarze Tod noch einmal 1712 in Malmö und in Mitteleuropa tauchte er zuletzt 1716 in Österreich auf. Frankreich hatte 1720 und 1786 ein letztes Mal mit der Pest zu kämpfen, und zwar beide Male in Marseille. Die Bedrohung durch die Krankheit aber hielt an. Im Orient grassierte die Seuche weiterhin und die Menschen wußten, daß sie von dort aus wieder nach Europa übergreifen konnte. Und das tat sie dann auch: 1816 schlug sie in Bai, 1819 in Mallorca und 1828 in Odessa zu.

1851 wurde dann endlich in Paris eine Internationale Gesundheitskonferenz abgehalten, bei der man sich auf ein Abkommen zur Verhütung epidemischer Fieber einigte. Mit nur wenigen Staaten begonnen, kamen zu der Konferenz bald Teilnehmer aus allen fünf Kontinenten. Das einzige Ziel der Konferenz war die gegenseitige Angleichung der Quarantänebestimmungen. Ausgedehnte internationale Handelsbedingungen sorgten gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die Ausbreitung der Pest in der ganzen Welt. 1896 tauchte die Krankheit in Bombay auf, 1897 dann in Suez, 1899 in Südafrika, 1900 in San Francisco und 1920 gab es Tote in Paris und Marseille, obwohl es in Frankreich zu keiner Epidemie kam.

Auch heute ist die Pest nicht ausgerottet und es Besteht immer noch ein immenses Pestreservoir in den Bauen der Nagetiere Zentralasiens, und seit einigen Jahren sind auch die Muridae (mausartige Nagetiere) des amerikanischen Kontinents infiziert. Dennoch kann die Pest in unserer heutigen Zeit nicht mehr solchen Schaden anrichten wie im Mittelalter, denn ein internationales Informationsnetz, Gesundheitsbestimmungen in der Luft- und Seefahrt, Isolierungs- und Quarantänemöglichkeiten an allen wichtigen Knotenpunkten zu Wasser und zu Land und eine umfassende Entrattung der Schiffe verhindern eine erneute Pestepidemie.

d) Die sozialen, medizinischen und religiösen Auswirkungen der Pest

Das Auftreten von Seuchen beeinflußt das gesamte individuelle, soziale, psychologische und religiöse Weltbild der betroffenen Generation bzw. der betroffenen Generationen. So war es natürlich auch bei der Pest, die ja eine der größten Seuchen der Menschheitsgeschichte darstellt. Die Pest änderte vor allem auch in den sozialen Bereichen des Mittelalters viele Dinge. Durch die Pflege von kranken Angehörigen wußten viele Menschen, wie ansteckend die todbringende Krankheit ist, die Folge war ein Verweigern der dringend benötigten Hilfe und ein Zerfall der sozialen Bindungen. Die Menschen mußten also mit anschauen, wie die familiären und gesellschaftlichen Bindungen zerbrachen und damit auch die wohltuende Ordnung, auf die man doch so stolz war. Damit rief die Pest bei den Menschen nicht nur die eigene Vergänglichkeit wieder ins Gedächtnis, sondern sie zeigte ihnen auch nur zu deutlich, wie bedroht sogar die sozialen Strukturen sind, die eigentlich das Leben des Einzelnen in einem feindlichen Universum schützen sollten.

Es spielten sich regelrechte Horrorszenen ab. Todgeweihte, die noch lebten, wurden ihrer Kleider und ihres Schmuckes beraubt, vor den Blicken der Kranken wurden die Häuser geplündert und oft wurden die halbverwesten und stinkenden Kadaver erst nach einigen Tagen gefunden und dann begraben. Schnell brach die Infrastruktur der Städte zusammen, weil Bäcker, Metzger oder Feldarbeiter erkrankt oder schon gestorben waren. Die Straßen waren übersät mit Leichen und boten einen grausigen Anblick. Schlimm war auch noch, daß den Pestepidemien auch noch Hungernöte folgten, weil Nahrungsmittel dezimiert wurden und Transportwege zusammenbrachen. Und weil eine Krankheit andere Krankheiten nicht ausschließt, wurde die geschwächte Bevölkerung auch noch von anderen Epidemien heimgesucht.

Da die Menschen des Mittelalters sich das Auftreten der Pest nicht erklären konnten, mußte ein Sündenbock dafür gerade stehen. Der Zorn der Bevölkerung richtete sich gegen Ausländer, Krüppel, Bettler, Zigeuner, Hexenmeister und einmal mehr gegen die Juden. Im September 1348 wurde eine Gruppe von Juden nahe dem Genfer See angeklagt, den Brunnen vergiftet zu haben. Daß die Juden selbst an der Pest erkrankten und auch starben, galt kaum als Beweis für deren Unschuld.

Es gab natürlich auch soziale und ökonomische Folgen, die nicht so verheerend waren. So konnten z.B. Menschen aus weniger betroffenen Gebieten in die leerstehenden Häuser von Verstorbenen einziehen und die Nachfrage an Arbeitskräften war natürlich in Gebieten, in denen die Pest viele Menschen dahingerafft hatte, auch besonders groß. Diese Migrationen schufen in wenigen Jahren ein Völkergemisch, wie es Europa seit den großen Barbareninvasionen nicht mehr gesehen hatte. Vielerorts kam es zu einer Vermögenskonzentration.

Nicht nur im sozialen , sondern auch im medizinischen Bereich war die Pest der Motor des Umbruches. Daß wir heute in der Lage sind, viele Infektionskrankheiten wirkungsvoll zu bekämpfen, mag paradoxerweise ein Verdienst der Pest sein und auch das Entstehen einer Lehre von den Volkskrankheiten, der Epidemiologie, war nur möglich, weil die Menschen eine weitere Zeit des Schreckens und des Todes verhindern wollten.

Nach dem Abflauen der Pestepidemien wurde deutlich, daß die Mediziner auf ganzer Linie versagt hatten. Viele waren selbst an der Pest erkrankt und gestorben, so daß an den Universitäten viele Lehrstühle frei wurden. Das schaffte Freiräume für neue Ideen und ungewöhnliche medizinische Ansätze. Es erschienen immer mehr Fachtexte in der jeweiligen Landessprache, anstatt in Latein. Die gesamte medizinische Wissenschaft veränderte sich grundlegend. Man versuchte z.B. bessere hygienische Bedingungen zu schaffen und langsam entwickelte sich daraus der Begriff der Quarantäne. Die gesundheitspolitischen Maßnahmen zielten zunächst auf eine möglichst schnelle Leichenbestattung und Kadaverbeseitigung. Man versuchte die Kranken so gut es ging zu isolieren. Es wurden Pestlazerette errichtet. In Venedig wurde nach einem Pestausbruch sogar ein magistrato della sanita ernannt, dessen Tätigkeitsfelder sich von der Lebensmittelüberwachung bis zur Armenfürsorge und zur Kontrolle über die Prostituierten erstreckte.
Arzt bei der Incision von Bubonen, 1482 Die Medizin des Mittelalters fußte weitgehend auf den Anschauungen der antiken griechischen Medizin. Eine Seuche entstand daher durch Verunreinigungen (griechisch: miasmata), die sich unter bestimmten klimatischen Bedingungen in der Luft befinden und durch das Atmen in den Körper gelangen. Schuld an solchen pesterzeugenden Stoffen waren starke Sonneneinstrahlung, faulende organische Stoffe und Sümpfe. Die Pest war also nach dieser Miasma-Lehre mit einer Massenvergiftung gleichzusetzten. Das beste Schutzmittel aus medizinischer Sicht war demnach eine Flucht vor der verseuchten Luft in eine andere Landschaft.

Besonders stark wurde die Religion von der Pest beeinflußt. Pest und Tod waren zu der damaligen Zeit eine große Bedrohung. Vielleicht waren sie es die das 15. Jahrhundert zu einem so gläubigen Jahrhundert gemacht haben. In dieser Zeit tauchten an den Mauern der Kirchhöfe und Klostern immer häufiger die 

Totentänze auf, die in Bild und Wort dem Betrachter einhämmern, was er sowieso nicht vergessen kann: memento mori. Die Totentanzbilder zeigen gut die Mischung aus Religiosität und Unruhen, die zu der damaligen Zeit herrschten. Die Religion bot vielen Menschen eine Erklärung für die Pest, denn der heilige Text der Apokalypse nannte unter allen Plagen, die die frühere Welt in Schach hielten, auch die Pest nannte, sah man in ihr das Strafgericht Gottes. Flagellanten zogen gruppenweise durch die Straßen und geißelten sich selbst, viele Randgruppen, wie z. B. die Juden wurden von der Kirche verfolgt, weil sie als Sündenböcke herhalten mußten. Die Menschen dachten, sie hätten Gott durch ihre Sünden erzürnt und versuchten ihn durch Psalmengesang, Prozessionen, Weihen, Bußübungen und Bittgottesdienst wieder freundlich zu stimmen. Doch es half anscheinend alles nichts und die Verzweiflung, die unter den Menschen geherrscht haben mußte, wird auch in der westlichen Literatur des Mittelalters und der Neuzeit deutlich. Von Boccaccio bis Camus hat es zahlreiche Autoren gegeben, die der Pest in ihrer Literatur einen wichtigen Platz einräumten.

Auch die Politik blieb nicht verschont. In allen Staaten Europas wankten Throne und Gutsherrlichkeiten. Die Schatzkammern waren leer und die Truppen zersprengt. Sogar der Streit, der die Herrenhäuser Frankreichs und Englands lange Zeit entzweite, ruhte für einige Jahre.

Krieg und Pest traten oft gemeinsam auf, wobei der Ausgang einer Schlacht oder sogar des Krieges von der Pest beeinflußt werden konnte und auch wurde. Je nachdem, ob nun die Aggressoren oder aber die Überfallenen infiziert wurden, kam es zu überstürzten Rückzügen oder unerwarteten Siegen, brach der verseuchte Feind eine Belagerung plötzlich ab oder konnte der gesunde Angreifer sich ganz problemlos einer Stadt bemächtigen. Oder aber die egalisierende Pest hinterließ auf beiden Seiten die gleichen stinkenden Leichenfelder.

Im großen und ganzen kann man sagen, daß die Pest nicht nur Menschen Scharenweise dahinraffte, sonder auch das ganze mittelalterliche Leben völlig umkrempelte und veränderte, was vielleicht auch dazu beigetragen hat, daß die Pest früher und auch heute noch als die schlimmste und bekannteste Seuche aller Zeiten angesehen wird.

 

3) Die Pocken

a) Der Krankheitserreger, - ein Virus, und die verschiedenen     Virusarten

Die Pocken sind eine Viruserkrankung, die durch Vertreter der Familie Poxviridae hervorgerufen wird. Es handelt sich dabei um ein Orthopoxvirus, die größte tierische Virusart, das 200-400 nm groß ist. Die Pockenvirusgruppe ist in quaderförmige, ovale oder zylindrische Virusarten zusammengefasst. Sie enthalten alle DNS und haben ein gemeinsames Antigen. Im Gegensatz zu den kleineren Virusarten, läuft die Virussynthese bei den Pockenviren nicht über den Zellkern ab, sondern über eigene Synthesezentren, die sich im Plasma befinden. Das Pockenviruselementarteilchen besitzt vier wichtige Anteile: eine umhüllende resistente Membran, eine periphere Eiweißschicht, ein ringartiges, DNS- haltiges Kernäquivalent und einen Doppelkörper.

Pockenviren sind relativ resistent gegen Wärmeinaktivierung. Weil die Viren sich mit dem Blut im Körper verbreiten, spricht man von einer zyklischen Krankheit. Pockenviren vermehren sich nur in menschlichen oder tierischen Zellen. Die Vermehrung führt zur Schädigung bis zur Zerstörung der Wirtszelle. Die Vermehrung läuft in fünf Phasen ab: In der 1. Phase, der Adsorption, bindet das Virus an die Oberfläche der Zelle nach dem Schlüssel- Schloß- Prinzip. Die 2. Phase wird Injektion genannt, wobei die DNS in die Zelle eingeschleust wird. Danach wird das Virus in der Zelle tätig. Während der Latenzphase wird der Stoffwechsel der Wirtszelle umgestellt und das Zellchromosom umgebaut. Es werden einzelne Virusbestandteile produziert, die während der Reifungsphase zusammengebracht werden. Schließlich platzt die Wirtszelle in der 5. Phase (Freisetzung) auf und die Viren werden freigesetzt.

Von den Pocken gibt es zahlreiche Typen, Varianten, Mutanten und unterschiedliche Stämme, wie z. B. Menschenpockenviren (Variolavirus und Alastrimvirus), Vacciniavirusstämme, Affenpockenvirus Geflügel- oder Vogelpockenviren, Kaninchen-, Pferde-, Esel-, Mauleselpocken, Mäusepockenvirus, Schafpocken, Schweinepocken und Ziegenpocken. Aber trotz der Unterschiede im klinischen Ablauf der einzelnen Pockenarten, haben sie doch gemeinsame morphologische, biologische und chemisch- physikalische Eigenschaften. Besonders das Variola- und das Vacciniavirus stimmen in vieler Hinsicht überein, so haben sie z. B. eine immunologische Verwandtschaft, was auch die Möglichkeit der Pockenschutzimpfung erklärt.

Beim Menschen gibt es zwei Arten von Pockenerkrankungen. Variola major hat eine Letalität von 20 - 50 Prozent und wird durch das Variolavirus hervorgerufen, Variola minor hat eine Letalität von 1 - 5 % und wird durch Alastrimvirus erzeugt.

Affenpocken Bei den Affenpocken handelt es sich um eine pockenähnliche, seltene Erkrankung von geringer Kontagiosität und Letalität, die durch das Affenpockenvirus hervorgerufen wird. Das Affenpockenvirus gehört, wie des Menschenpockenvirus zu den Orthopoxviren. Es kommen nur wenig menschliche Erkrankungen vor und bei der Mensch- zu-Mensch-Übertragung reißt die Infektionskette schnell ab. Als Reservoir werden Affen und Rotschenkelhörnchen verdächtigt.

Außer den Affenpocken gibt es noch die Tanapocken, eine milde fieberhafte Erkrankung mit wenig pockenähnlichen Effloreszenzen am Oberkörper, Hals und Kopf. Obwohl das Tanapockenvirus morphologisch gesehen zu den Orthopoxviren gehört, besteht doch keine biologische und serologische Verwandtschaft, so daß keine krankheitsmildernde Wirkung durch eine frühere Schutzpockenimpfung zu erwarten ist.

Es wird vermutet, dass der Biozyklus zwischen Affen und Mücken in Kenia und Zaire abläuft.

Außer den genannten Virusarten, die die Pocken oder pockenähnliche Krankheiten hervorrufen, gibt es noch die Rickettsienpocken, die aber nur selten und sporadisch auftreten und durch ein windpockenähnliches Exanthem gekennzeichnet sind.

 

b) Der Krankheitsverlauf der Pocken:

Die ersten, sehr genauen Beschreibungen der Krankheitserscheinungen fand man in Schriften um 900 n. Chr. von einem Arzt namens IBN ZAKARJA RAZI, der von Arabien stammte. Von dort kommt auch die Pockenkrankheit, deren wichtigster Träger der Infektion der Mensch ist. Epidemiologisch gesehen gibt es zwei Übertragungsmöglichkeiten: die direkte Infektion von Mensch- zu- Mensch, die keinen Zwischenwirt oder Überträger braucht, und den Übertragungsweg von Krankheiten, die zuerst an ein Tier und von diesem Träger dann zufällig an den Mensch weitergegeben werden. Die Übertragung bei den Pocken erfolgt durch eine Tröpfcheninfektion mit der Atemluft von Mensch- zu-Mensch. Bei jedem Hustenstoß des Kranken werden massenhaft Erreger ausgeschleudert und von anderen Personen eingeatmet. Neben diesem wichtigsten Infektionsmodus gibt es noch die Möglichkeit durch eine Inhalation von Staub an den Pocken zu erkranken. Die Pocken sind auch deshalb so ansteckend, weil Pusteleiter an Kleidern und Bettzeug monatelang infektiös bleiben kann.

Das Virus gelangt durch die Nase und Mund in die Lunge, dringt dort durch das Gewebe in die nahegelegenen Lymphknoten ein, um sich dort zu vermehren. Der Krankheitsverlauf von Variola major beginnt mit einem 10 - 15 tägigen Inkubationsstadium. Danach treten im Initialstadium die ersten Krankheitserscheinungen auf. Die Krankheit beginnt mit plötzlichem hohem Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Nasenbluten, sowie katarrhalischen Erscheinungen (Schnupfen, Husten) Am zweiten Tag tritt dann meistens ein Initialexanthem auf und nach neuerlichem treppenförmigem Temperaturanstieg setzt das Eruptionsstadium ein. Es entstehen erste Pockeneffloreszenzen

im Gesicht, am Kopf, an den oberen Extremitäten und zuletzt an Unterschenkeln, Füßen und dem Rumpf. Die örtliche Verteilung des Pockenexanthems folgt einer Gesetzmäßigkeit. Es gibt Körperstellen, die nie befallen werden, wie z. B. das Schenkeldreieck, und Regionen, die immer befallen werden, wie z. B. der Kopf.

Pockenkranker in Indien

Handinnenflächen und Fußsohlen, das Nagelbett sowie die Schleimhäute der Atemwege und Genitalorgane sind befallen. Die Hautentzündungen bereiten spannende Schmerzen und beim Abheilen der Pusteln Juckreiz. Der Erkrankte stinkt entsetzlich auf dem Höhepunkt der Infektion, denn die klarflüssige, Viren enthaltende Flüssigkeit in den Pusteln wird durch eintretende tote Leukozyten milchig, bis schließlich alle Effloreszenzen mit Eiter gefüllt sind. Man unterscheidet zwischen einer Variola abortiva, discreta, semiconfluens und confluens, die die Dichte des Pustelausschlags und die Schwere des Verlaufs kennzeichnen.

Die Pusteln werden zu Krusten und Schorfen, die nach dem Abfallen tiefe und häßliche Narben hinterlassen. Auf weißer Haut ist das Narbenfeld deutlich gerötet, auf schwarzer Haut erscheinen die Narben wie eine weiße Pigmentierung der Haut. Verläuft die Krankheit sehr schwer, dann sind oft Folgeschäden zu erwarten. Es können Augenschäden bis zur Erblindung auftreten, Taubheit, Lähmungen und Hirnschäden. Im schlimmsten Fall muß der Patient mit dem Tode rechnen.

Auch andere Komplikationen und Begleitkrankheiten sind nicht selten. So kann der Patient zusätzlich zu den Pocken noch Haut- und Schleimhauteiterungen und Augenaffektionen durch bakterielle Superinfektionen bekommen. Möglich sind auch noch Erkrankungen an Osteomyelitis, einer Knochenmarksentzündung, mit der meist eine Knochenentzündung einhergeht, an Bronchpneumonie, einer Entzündung, die von den Broncholen auf die peribronchalen Alveolen übergreift, und an Enzephalomyelitis, einer Entzündung von Gehirn und Rückenmark.

Vom typischen Krankheitsverlauf gibt es Abweichungen, so z. B. bei den hämorrhagischen Pocken, auch „schwarze Blattern" genannt, die immer innerhalb von 48 h nach einsetzen der Hämorrhagien tödlich verlaufen. Es sind aber auch mildere Formen der Pocken bekannt. Das Alastrimvirus ruft eine gutartige Erkrankung mit pockenartigem Ausschlag hervor, der rasch und narbenlos wieder abheilt. Bei Variola minor (Alastimvirus) ist die Sterberate niedriger und auch die Folgeerscheinungen sind nicht vorhanden.

Das Variolavirus ist auf Affen übertragbar, diese sind aber weniger empfänglich für die Krankheit und sie scheint bei ihnen leichter zu verlaufen, denn Affen weisen nur eine kurze Inkubationszeit und ein rasch ablaufendes Stadium des Exanthems vor.

c) Impfgeschichte, Vorgang der Impfung und die möglichen Komplikationen

Die Möglichkeit einer Pockenschutzimpfung hat die Menschheit einer Lady und einem englischen Landarzt zu verdanken. Die Lady war Mary Montagu, der englische Landarzt Edward Jenner. Lady Montagu war die Frau eines Diplomaten, der zum Botschafter in der Türkei ernannt wurde. Eines Tages erzählte ihr ein Freund, wie man in der Türkei die Pocken zu bekämpfen wußte. Man schütze nämlich die schönen Sklavinnen des Harems vor den Pockennarben, indem man ihnen mit einem Messer Eiter aus einer Pockenpustel in den Arm ritze. Er erzählte Lady Montagu auch, daß man in China den Kindern Pockenschorf in die Nase reibe. So komme es nur zu einer leichten Pockenerkrankung mit vereinzelten Pusteln, die aber ohne Narbenbildung verheilen würden.

Als sie von dieser Impfmethode hörte, ließ sie im Herbst 1717, trotz einiger Angst, ihren Sohn Edward impfen. Edward überlebte die Impfung und erkrankte sein Leben lang kein einziges Mal an den Pocken.

1721 kehrt Lady Montagu nach England zurück und war fest entschlossen, das Impfen in ihrem Heimatland publik zu machen. Der erste, der die Impfung vornehmen ließ, war König Georg I. Er entschied sich dazu sieben zum Tode verurteilte Verbrecher impfen zu lassen. Die Verbrecher überlebten die Impfung und wurden frei gelassen. Um auf Nummer sicher zu gehen wurden auch noch einige Kinder im Waisenhaus geimpft und auch diese überlebten es. Nach diesen zwei Prüfungen wurden schließlich die Enkel des Königs der Impfung unterzogen und waren so gegen die Pocken immun. Nach dem Okulieren" der Enkel des Königs brach geradezu ein Impffieber aus, und es wurden sogar einige Inokulationshäuser eingerichtet. 1730 geriet die Variolation wieder außer Gebrauch, aber 1760 war sie wieder populär und verbreitet. In Deutschland ging das Einpfropfen der Pocken nur sehr zögerlich voran. Zwar hatten schon manche Ärzte Schriften über die Variolation veröffentlicht, aber richtig auszubreiten begann sich die „Einpockung" erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Die Variolation, das Einimpfen echter Menschenpocken, war auch in England noch recht umstritten und wurde von den meisten Ärzten noch abgelehnt. Doch dies sollte sich ändern als Edward Jenner (1749 - 1832), der Sohn eines Geistlichen, der in dem kleinen Flecken Berkeley geboren wurde, am 14. Mai 1796 ein Experiment durchführt, das in die Geschichte einging. Er infizierte den kleinen James Phipps, mit dem Einverständnis des Vaters, mit Kuhpocken, die er aus einer Pustel an der Hand der jungen Melkerin Sarah Nelmes gewann. Phipps beginnt wenige Tage danach zu Fiebern, aber das Fieber klingt bald wieder ab. Nur die zwei Narben vom Einritzen am Arm bleiben dem Jungen erhalten. Danach infiziert Jenner den Jungen mit echten Menschenpocken, um zu schauen, ob der Junge nun gegen die Pocken immun ist. Das Infizieren wird mehrmals durchgeführt, aber der Junge bleibt gesund.

Da die „Royal Society" seine vorgelegten Erkenntnisse nicht beachtete, veröffentliche Jenner auf eigene Faust eine Arbeit mit dem Namen „An inquiry into the causes and the effects of the variolae vacciniae". Jenners Folgerungen in diesem Buch lauteten: 1) Man darf Menschen nicht mit den viel gefährlicheren Menschenpocken impfen, sonder nur mit Kuhpockenlymphe und 2) Man kann die Kuhpockenlymphe von Mensch zu Mensch übertragen.

Nach dieser Veröffentlichung kam endlich der Durchbruch. Das Unterhaus lobte den Arzt und Jenner selbst konnte sich vor Impfwilligen kaum retten. 1790 war das Impfen in der Oberschicht der Städte weit 

verbreitet. Dennoch verbreitete sich die Impfungsmethode nur schleppend, denn die immensen Kosten einer Impfung konnte sich nur die reiche Oberschicht leisten. Für viele Arbeiter und Bauern war die Vakzination einfach zu teuer. Auch viele Ärzte waren Impfgegner und ihre Argumente schienen einleuchtend zu sein: Sie argumentierten, um nur einige Beispiele zu nennen, daß die Unmöglichkeit an den Kuhpocken zu sterben nicht 100 % bewiesen sei, daß die Einimpfung nicht jedesmal hafte und deshalb mehrmals durchgeführt werden müsse, was dem Geimpften mehrere Narben zufüge, und daß auch andere Giftstoffe mit dem Kuhpockengift in die Haut und somit in den Organismus des Patienten gelangen könnten. Denn obwohl die Vakzination viel weniger gefährlich war als die Variolation, bei der die Infizierten oft doch eine schwere Pockenerkrankung erlitten und manchmal sogar daran starben, waren Komplikationen oder Sekundärkrankheiten nicht selten, was früher auch an der mangelnden Hygiene lag, die ja mit den Jahren verbessert wurde.

Obwohl die Argumente der Impfgegner als richtig angesehen werden können, weiß heute jeder, daß Jenner durch seine Forschungsergebnisse zum Begründer der experimentellen Immunologie, der Lehre von den natürlichen Abwehrkräften im Körper und den Mitteln, sie bewußt in den Dienst der Gesundheit zu stellen, wurde. Durch die Vakzination, also das Einimpfen von Kuhpocken, war der Weg frei für die Präventionsmedizin und für all das, was heute die neue Medizin ausmacht.

 

Die Angst vor den Pocken war in der damaligen Gesellschaft einfach zu groß und so traten am Anfang des 19. Jahrhundert die ersten Impfgesetze in Kraft. 1803 erließ die preußische Regierung ein Reglement, das besagte, daß die Förderung der Pockenschutzimpfung zukünftig ein besonderer Schwerpunkt der Regierung und der Medizin darstelle. Bayern war wiederum der erste Staat, der 18037 die erste Impfpflicht einführte. Noch im selben Jahr folgte Hessen, im Jahr darauf Österreich. Baden schrieb 1815 und Württemberg 1818 allen Neugeborenen die Erstimpfung vor. Nachdem 1870 -1873 in Deutschland eine Pandemie herrschte, die 100 000 Todesfälle in Deutschland forderte, stellte sich heraus, daß eine einmalige Impfung nicht genügt, um sicher vor den Pocken geschützt zu sein. Nur eine Zweitimpfung, die Revakzination, schützt zuverlässig und dauerhaft vor einer Erkrankung. Also wurde pflichtgemäß eine Erst- und Wiederimpfung eingeführt und im Reichsgesetz von 1874 verankert. Bis zum zweiten Lebensjahr mußten alle Kinder zum ersten Mal und mit zwölf Jahren zum zweiten Mal geimpft werden

Bei der Vakzination wird entweder mit einer Pinzette oder mit einer Nadel das Vacciniavirus eingebracht. Nach einer anfänglichen traumatischen Reaktion, die kurz darauf wieder abklingt, werden am dritten Tag aus den geröteten Impfschnitten schmale Pappeln. Nach zwei weiteren Tagen werden perlmuttfarbene Bläschen daraus. Am siebten Tag schließlich zeigt sich am Oberarm eine ovale, prallgefüllte Effloreszenz mit wallartigem Rand, die auch Impfpustel genannt wird. Am 9. und 10. Tag ist der Höhepunkt der Reaktion erreicht und am Oberarm hat sich eine handflächengroße, hyperämische Zone von dunkelrotem Farbton entwickelt, die sogenannte Area. Der seriöse Inhalt der Impfpustel trübt sich durch Leukozyteneinwanderung und die Pustel beginnt zu verkrusten. Durch das treppenförmig ansteigende Fieber, das die  Erstimpfreaktion am 7. Tag

Reaktion begleitet, fühlt sich der Geimpfte während der ganzen Zeit sehr schwach und krank. Doch bald nach der Verkrustung fällt die Borke ab und die Impfung ist überstanden.

Durch die Einführung der Erst- und Zweitimpfung nahmen die Krankheitsfälle erheblich ab, auf nur noch wenige hundert pro Jahr. Nach 1930 gab es nur noch einzelne Krankheitsfälle. Die USA ist nun schon seit 1954 pockenfrei und 1975 trat in der Bundesrepublik Deutschland der letzte Pockenfall bei einem Moslem aus Jugoslawien in Hannover auf. 1975 wurde in Deutschland die Impfpflicht für Kleinkinder und 1976 die Pflicht zur Wiederimpfung der zwölfjährigen Kinder aufgehoben.

Ein weltweites Ausrottungsprogramm kam 1967 in Gang, und schon 1977 ist aus Somalia die letzte Pockenerkrankung dokumentiert. Die Massenimpfungen engten die ökologische Nische beispiellos ein, um sie schließlich völlig zuzumauern. Weil das Pockenvirus kein Tier als Wirt besitzt und so ausschließlich im Menschen lebt, wurde ihm durch die generell erzielte Immunität die Fortpflanzungs- und Übertragungsmöglichkeiten genommen. Bei den Pocken genügt es beispielsweise, wenn 40 % der Bevölkerung geschützt sind, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Erreicht dieser Anteil sogar 60 %, so hat die Krankheit keine Verbreitungschance, da die Bevölkerungsdichte für eine massive direkte Ansteckung dann nicht mehr ausreicht. Bei ihrer Vollversammlung am 8. Mai 1980 stellte die WHO feierlich fest, daß die Erde frei von endemischen Pocken ist. Somit ist keine Pockenschutzimpfung mehr erforderlich und seit 1983 ist kein Impfstoff mehr erhältlich..

Heute gibt es Pockenviren zu Forschungszwecken nur noch bei der amerikanischen Seuchenbehörde (Centers of Disease Control and Prevention in Atlanta, Georgia) und am russischen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie (Kolzowo bei Nowosibirsk). Allerdings wird darüber diskutiert, die noch vorhandenen Pockenviren zu vernichten.

d) Die Geschichte der Pocken vom Altertum bis in die Neuzeit

Die Pocken sind eine uralte Krankheit, so alt, daß die Anfänge ihrer Geschichte im Dunkel liegen. Aus alten Schriften weiß man, daß die Krankheit schon 1122 vor Christus in China bekannt war und ein chinesisches Sprichwort besagt, daß nur derjenige richtig geboren ist, der die Pocken überlebt hat. In Indien gibt es schon seit 1500 vor Christus Pockengöttinnen. Eine dieser Pockengöttinnen heißt Mariyamman ( siehe Deckblatt). Die Inder glaubten, daß der, der erkrankt war, von der Göttin besucht wurde. Der Patient bekam kühlende Margosa - Blätter auf den Körper gelegt und man hängte auch ein paar Blätter an die Tür, um der Göttin zu zeigen, daß das Haus von den Pocken befallen war. Der Kranke mußte „heiße" Tätigkeiten, wie z. B. frittieren oder sexuelle Verbindungen vermeiden, weil er sonst den Zorn der Göttin heraufbeschwor.. Die Narben, die der Patient oder die Patientin davontrug, galten in Indien nicht als Schönheitsfehler, sondern waren etwas Besonderes und verliehen der Person noch eine gewisse Schönheit, denn die Narben waren ein Zeichen dafür, daß der Patient von der Pockenschutzgöttin ausersehen war. Stellte sich aber heraus, daß der Patient schwerere Schäden wie Erblindung oder Taubheit davontrug, war er geächtet, weil klar war, daß er die oben genannten „heißen" Tätigkeiten nicht gemieden hatte.

Die Sarazenen brachten die Pocken anscheinend im 711 nach Christus nach Spanien und Constantin Africanus soll im 9. Jahrhundert den Pocken den Namen Variola gegeben haben. Man vermutet, daß die Pocken dann auch von Arabien aus Europa überfluteten. Die Kreuzzüge im 11 - 13. Jahrhundert trugen erheblich zur Weiterverbreitung der Variolaviren bei und ab dem 15. Jahrhundert kann man die Pocken als epidemische Krankheit bezeichnen. Im Jahre 1517 z. B. schleppt ein spanisches Schiff die Krankheit nach San Domingo ein. Von dort aus verbreitet sich die Krankheit über Kuba und Mexiko in ganz Süd- und Nordamerika. Nach Nordamerika gelangt die Krankheit vor allem durch die zahlreichen Sklavenschiffe. Von den Anfängen Amerikas, also seit der Entdeckung 1492 durch Kolumbus, weiß man wenig. Man ist jedoch sehr gut über die Krankheitsgeschichte des 5. Kontinents, nämlich Australien, unterrichtet und kann diesen Kontinent beispielhaft für alle neu entdeckten Kontinente und Kolonien heranziehen.

Von 1789 an kam es unter den Ureinwohnern durch mehrere Pockenepidemien zu einem Massensterben. Jede neue Flottenankunft von Schiffen der Eroberer bedeutete eine neue Infektion, denn die Gesundheitskontrollen wurden in England sehr lasch gehandhabt, und an Bord herrschten katastrophale Zustände, weil die Passagiere auf engstem Raum zusammengepfercht waren. Die Einwanderer zerstreuten sich nach der Ankunft auf dem Kontinent über riesige Landflächen und bildeten zahlreiche, isolierte Gruppen. Sobald sich aber größere Gruppen und Siedlungen bildeten, brachen Seuchen aus.

Müsste man das 18. Jahrhundert mit einer einzigen epidemisch auftretenden Krankheit bezeichnen, dann müßte man es wohl das Zeitalter der Pocken nennen. Die Pocken töteten in diesem Jahrhundert jährlich schätzungsweise 400000 Europäer. Sie waren so verbreitet, daß Kinder erst nach dem Überleben der Pocken zur Familie gerechnet wurden. Wo die Krankheit neu war und die Menschen noch keine Immunität gebildet hatten, wüteten die Pocken entsetzlich. Die Pocken waren eine demokratische Krankheit- dank ihrer hohen Kontagiosität vermochte keine soziale Schicht sich wirksam gegen sie zu schützen. Durch Dienstboten, Mätressen und Hauslehrer kamen die Fürsten mit dem einfachen Volk in Berührung und damit zwangsläufig auch mit den Pocken. So kam es in Intervallen von 4 -6 Jahren immer wieder zu Pockenepidemien und die Pocken hatten einen großen Anteil an der Säuglings- und Kindersterblichkeit. Genaugenommen waren sie die häufigste Todesursache von Kindern und weil fast jeder die Pocken durchmachte, wurden sie zu einem festen Bestandteil des alltäglichen Lebens.

Auch in den europäischen Herrscherdynastien gab es berühmte Pockenfälle: Die englische Königin Anne schenkte elf Kindern das Leben. kein einziges überlebte. Auch der habsburgische Kaiser Leopold I verlor 1662/63 während einer Pockenepidemie zwei Sprößlinge. Viele berühmte Menschen wie z.B. Haydn, Mozart und Beethoven, alle Komponisten des späten 18. Jahrhunderts, wurden von den Pocken heimgesucht und waren danach gezeichnet. Wenn auf Portraits die Pockennarben nicht zu sehen sind, dann liegt das daran, daß die Maler den Auftrag hatten, derartige Details zu übersehen. Noch im 20. Jahrhundert ließ Joseph Stalin, der als Kind die Pocken durchmachte, Photographien von sich retuschieren.

Berühmte Seuchenopfer

Berühmte Seuchenopfer

 

Im Jahre 1713 wütete in Paris eine fürchterliche Pockenepidemie, die 20000 Menschen das Leben gekostet haben soll. Auch in Deutschland traten die Pocken jetzt vermehrt auf .Es schien, als wollten sie in bezug auf Schrecken und Verheerungen die Rolle der Pest übernehmen, denn sie waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der schwersten, vielleicht die schwerste Volkskrankheit. Schätzungsweise jedes neunte Kind starb an ihnen, bevor es das zehnte Lebensjahr vollendet hatte. Besonders die großen Städte wurden epidemisch von den Pocken heimgesucht. Das Land verlor innerhalb von drei Jahren, Zwischen 1794 und 1796 rund 200 000 Menschen an der Krankheit.

Die Bevölkerung wußte sich nicht zu helfen. Die Heilmittel waren empirisch gewonnen, man versuchte dies und das, aber nichts half richtig. Die Landbevölkerung, so heißt es, verwendete einen aus Schaf- und Gänsekot gepreßten Saft und genoß ihn mit Korn oder Brandwein vermengt. Eine weitere Methode war natürlich der sehr beliebte Aderlaß. Außerdem ließ man die Fenster während der Krankheit, und bis zu zwei Wochen danach, geschlossen, denn man versuchte die Kranken so warm, wie möglich zu halten.

In enger besiedelten Gegenden waren die Pocken eine Kinderkrankheit, die in regelmäßigen Abständen auftrat. In weniger besiedelten Gegenden war der Zeitabstand zwischen den Epidemien größer. In Wien z. B., einer Stadt, in der die Menschen auf engem Raum lebten, traten die Pocken in Abständen von 4 - 6 Jahren auf. Auch die Stadt Zürich war vor den Pocken nicht sicher. Im Winter des Jahres 1864/65 wütete unter anderem eine Epidemie, die 350 Menschen das Leben kostete.. In Island aber, wo die Menschen weit auseinander lebten, lagen zwischen den einzelnen Ausbrüchen der Krankheit meistens bis zu 25 Jahre.

In der jüngeren Geschichte der Pocken fallen drei Perioden auf. Die erste Periode ist gekennzeichnet durch Epidemien in den Randgebieten des Mittelemeeres. Diese Epidemien hingen noch mit den Kriegsereignissen zusammen. In der zweiten Periode führte der aufkommende Flugverkehr 1946 zur Ausbreitung der Pocken in England, Portugal und Frankreich. In der dritten Periode, die ab dem Jahr 1953 beginnt, organisiert sich die Abwehr. Am 25. 5 1951 treten die internationalen Gesundheitsvorschriften der Weltgesundheitsorganisation in Kraft. Die Tage der Pocken waren gezählt. Die letzten Pockenepidemien in Europa wüteten 1950 in Glasgow, 1954/55 in Vannes, 1957 in Hamburg, 1963 in Polen, 1966 in England und 1967 in der Tschechei.

So sind die Pocken bis heute die einzige Infektionskrankheit, die völlig ausgerottet ist.

 

4) Literaturverzeichnis

 

  • Geschichte der Medizin, Wolfgang Eckart, Springer Verlag
  • Geschichte der Medizin in Schlaglichtern, Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinrich Schipperges, Meyers Lexikon Verlag
  • Die Rückkehr der Seuchen, Hans Schadewaldt, vgs Verlagsgesellschaft Köln
  • Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit, Jacques Ruffié / Jean- Charles Sournia, Klett- Cotta
  • Die Kranken im Mittelalter, Heinrich Schipperges, Verlag C.H. Beck München
  • Pest, Not und schwere Plagen, Manfred Vasold, Verlag C.H. Beck München
  • Das große Sterben - Seuchen machen Geschichte, Hans Wilderotter / Michael Dorrmann, Veröffentlichung des deutschen Hygienemuseums Dresden, Jovis
  • Die Pocken: Erreger, Epidemiologie und klinisches Bild I. Auflage, von Prof. Dr. A. Herrlich / unter Mitarbeit von Doz. Dr. med. vet A. Mayr, Georg Thieme Verlag, Stuttgart

  • Die Pocken: Erreger, Epidemiologie und klinisches Bild II. Auflage, Prof. Dr. A. Herrlich / Prof. Dr. med. vet. A. Mayr / Dr. med. vet. E. Munz, Georg Thieme Verlag, Stuttgart
  • Über die Pocken und die Schutzmittel gegen dieselben mit besonderer Berücksichtigung der Pockenepidemie der Jahre 1864/65 in Zürich, von Georg Seiler vorgelegt der hohen medizinischen Fakultät der Universität Bern, Druck von J. Schabelitz, Zürich 1867
  • Anatomische Beiträge zur Lehre von den Pocken von Dr. Carl Weigert, I. Heft: Die Pocken der äusseren Haut, Verlag von Max Cohn und Weigert, Breslau 1874

Dieser Artikel, bei uns gespiegelt

  • Medizin heute vom Dezember 1994, mh-Medizin: Pest in Indien
  • Deutsches Ärzteblatt 91, Heft 41, vom 14. Oktober 1994, Themen der Zeit Die Reportage, Die Pest: Außerordentliche Bilder und beruhigende Worte
  • Infektions- und Tropenkrankheiten, Aids, Schutzimpfungen, Taschenbücher Allgemeinmedizin, Springer Verlag
  • Tropen- und Reisemagazin, Jürgen Knobloch, Gustav Fischer Verlag
  • Tropenmedizin in Klinik und Praxis II. aktualisierte Auflage, Werner Lang, Georg Thieme Verlag Stuttgart - New York

 

5) Definitionen

gramnegativ      

nach dem dänischen Bakteriologen GRAM (1853-1938), nach dem gramschen Färbeverfahren sich rot färbend
Läsionen Verletzung oder Störung der Funktion eines Organs oder Körperglieds
nekrotisch Absterben von Gewebe
intravaskulär innerhalb der Blutgefäße gelegen
Koagulation Ausflockung, Gerinnung eines Stoffes
Granärbildung Bildung von Körnchen in Zellen
hochkontagiös hochansteckend
Quarantäne räumliche Isolierung Ansteckungsverdächtiger oder Absperrung eines Infektionsherdes von der Umgebung als Maßnahme gegen Verschleppung von Seuchen
Kontagiosität Ansteckung
Effloreszenzen krankhafte Hautveränderungen z.B. Pusteln, Bläschen, Flecken
Exanthem ausgedehnter, meist entzündlicher Hautausschlag
okulieren Einritzen der Haut und damit Einbringen des Pockenimpfstoffes unter die Haut

 

6) Zusammenfassung

Im Großen und Ganzen kann man sagen, daß Pest und Pocken die schlimmsten Krankheiten waren, von denen die Menschheit je heimgesucht wurde. Die Pest wird von Bakterien und die Pocken von Viren hervorgerufen. Die Menschen in unserer Zeit sehen diese Krankheiten nur noch als Gespenster der Vergangenheit an, wobei sie bei den Pocken auch Recht haben, denn die Pockenviren sind ausgerottet und kommen nur noch in bestimmten Labors vor. Aber auch hier diskutiert man darüber, ob man die letzten Viren nicht vernichten soll.

Bei der Pest kann man allerdings nicht von „ausgerottet" reden, denn die Pestbakterien kommen immer noch in Entwicklungsländern mit schlechten Hygienebedingungen und in bestimmten Teilen Amerikas vor. Dort leben Nager, die sie als Zwischenwirt im Körper tragen und in diesen Gegenden, auch Pestreservoirs genannt, kommt es heute noch manchmal vor, daß Menschen erkranken. Eigentlich ist eine Pesterkrankung nicht weiter schlimm, wenn man sie als solche erkennt, denn man kann sie leicht durch Einnahme von Antibiotika bekämpfen. Leider ist die Diagnose bei der Pest nicht so einfach, denn die Anfangsstadien der Krankheit können leicht mit anderen Infektionen verwechselt werden und oft erkennt der behandelnde Arzt zu spät, daß es sich um Pestbakterien handelt und es kann passieren, daß man dem Patienten dann nicht mehr helfen kann.

Trotz des Unheils, das die Pest und die Pocken über die Bevölkerung brachten, hatten die Epidemien auch ihre guten Aspekte. Durch die Pest wurde die Medizin im Mittelalter stark vorangetrieben, da die Menschen nicht mehr an die alten Heilungsmethoden glaubten und dadurch offen für Neues waren.

Durch die Pocken wurden die Ärzte des 19. Jahrhunderts dazu angetrieben auf verschiedenen medizinischen Gebieten vertieft zu forschen. Schließlich entwickelte Jenner die erste Impfmethode durch Einritzen der Haut und infizieren des Organismus mit Kuhpocken. Diese Impfung brachte den Stein ins Rollen und heutzutage hat jeder Mensch einen Impfpass und muß seine Impfungen regelmäßig auffrischen lassen.

Zusammenfassend kann man sagen, daß Pest und Pocken die wohl bekanntesten Seuchen in der Geschichte der Menschheit sind, die die Welt lange Zeit in Atem hielten.


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