Biologie Jahresarbeit LK 13

Männliches und weibliches Gehirn

Was Männer und Frauen im Kopf haben

Von Christine Biegert © 

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(FAZ 20.1.99)

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Differenzierung der Geschlechter

3. Organisation des Gehirns

4. Männliche und weibliche Intelligenz

5. Biologie oder Umwelt

6. Das größte Geschlechtsorgan

7. Krankheiten des Gehirns

8. Evolutionäre Grundlage

9. Zusammenfassung

10. Quellenverzeichnis


Einleitung

Männer sind intelligenter als Frauen. Zu dieser Erkenntnis kam man vor über hundert Jahren und bewies sie durch die Vermessung von Gehirnen Verstorbener. Das menschliche Denkorgan ist bei Männern schwerer und größer, und tatsächlich wiegt das männliche Gehirn 10 bis 15 Prozent mehr als das der Frauen. Gerne wurde diese Entdeckung vom männlichen Geschlecht als Beweis seiner Überlegenheit gewertet. Doch zur heutigen Zeit fand man heraus, daß das weibliche Gehirn trotz seines geringeren Gewichtes 11 Prozent mehr Neuronen

aus: Quellenverz. 1

enthält. Ein weiterer Grund für die Überheblichkeit der Männer ist, daß sie Frauen bei einigen kognitiven Fähigkeiten überlegen sind, wie zum Beispiel räumliches Vorstellungsvermögen, mathematische Schlußfolgerungen, Orientierung und zielgerichtete motorische Fähigkeiten. Jedoch besitzen auch Frauen einige Fähigkeiten, bei denen sie den Männern gegenüber im Vorteil sind. Sie verfügen über eine höhere verbale Gewandtheit und eine höhere Wahrnehmungsgeschwindigkeit, können besser zusammenpassende Objekte erkennen, sich besser an markante Punkte eines Weges erinnern und auch rascher manuelle Präzisionsaufgaben erledigen. Daraus können wir erkennen, daß Männer keineswegs intelligenter sind als Frauen, wie man früher annahm, doch daß es geschlechtsspezifische Begabungen gibt. Doch woher kommen diese Unterschiede? Und wann treten sie auf?

Differenzierung der Geschlechter

Höchstwahrscheinlich werden schon im Mutterleib die Grundsteine für die unterschiedlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen der Geschlechter gelegt, indem verschiedene Hormone das sich entwickelnde Gehirn beeinflussen. Doch dazu muß man zuerst die Entwicklung eines Embryos beobachten. Zwar bestimmen die Gene das Geschlecht eines Embryos, doch ausschlaggebend für die Entwicklung zu Mann oder Frau sind Geschlechtshormone. Zunächst könnte ein Embryo ebenso männlich wie weiblich werden. Er besitzt den Müller`schen Gang, der sich zu weiblichen Geschlechtsorganen entwickeln kann und das Wolff`sche System, das den Vorläufer zu Geschlechtsorganen darstellt. Nach etwa 2 Wochen entwickeln sich entweder Eierstöcke oder Hoden. Sind es Hoden, so entwickelt sich das Wolff`sche System weiter aufgrund der männlichen Geschlechtshormone - die Androgene, die von den Hoden produziert werden. Zudem setzen die Hoden das Anti-Müller-Hormon frei, das die Entwicklung des Müller`schen Ganges verhindert. Sind keine Hoden vorhanden oder produzieren sie keine männlichen Hormone, wird der Müller`sche Gang zu Eileiter und Gebärmutter. Auch die Entwicklung der äußeren Geschlechtsorgane, die im fünften bis sechsten Monat stattfindet, verläuft unter Einfluß von Geschlechtshormonen.

Nicht nur die Geschlechtsorgane, sondern auch Differenzierungen im Gehirn, die später für männliche bzw. weibliche Verhaltensweisen wichtig sind, entstehen durch hormonalen Einfluß. Da es nicht möglich ist, das hormonale Geschehen, besonders bei Embryonen zu manipulieren, sind wir hauptsächlich auf Ergebnisse von Untersuchungen an Tieren angewiesen.

Ratten paaren sich immer nach einem bestimmten Schema. Das Männchen steigt auf das Weibchen und umklammert es mit den Vorderbeinen. Das Weibchen biegt den Rücken und streckt sein Hinterteil empor, um dem Männchen das Eindringen zu erleichtern. Dies sind die typischen Verhaltensweisen, die man bei Ratten beobachtet, die sich normal entwickelt haben. Wird ein Männchen gleich nach der Geburt, zum Beispiel durch Kastration, seiner Androgene beraubt, wird es sich später weiblich verhalten, also ein Hohlkreuz machen, wenn es von einem anderen Männchen bestiegen wird. Werden dagegen einem Weibchen Androgene verabreicht, zeigt es als erwachsenes Tier männliche Sexualverhalten und versucht, andere Weibchen zu besteigen.

Ein weiteres Beispiel für geschlechtstypische Verhaltensweisen ist die bei Männchen und Weibchen unterschiedliche Art, sich zu orientieren. Muß sich ein Männchen in einem Labyrinth zurechtfinden, orientiert es sich nach den Himmelsrichtungen und legt sich eine Art Landkarte des Labyrinths zurecht. Weibchen dagegen orientieren sich an Hinweisen, wie farbigen Wänden oder Schildern. Werden diese Merkmale entfernt, ist es schwer für sie, durch das Labyrinth zu finden. Werden Männchen kastriert und haben somit weniger Testosteron im Blut, verhalten sie sich wie Weibchen. Umgekehrt nehmen Weibchen die Strategie der Männchen an, wenn sie zu viel Testosteron ausgesetzt waren.

Organisation des Gehirns

Paul Broca, ein französischer Neuroanatom, fand heraus, daß Sprache in einem Teil des Gehirns lokalisiert ist. Zu diesem Ergebnis kam er durch die Untersuchung der Gehirne von Patienten mit Sprachstörungen. Er fand heraus, daß sie alle eine Gemeinsamkeit hatten, und zwar eine Schädigung der linken Hemisphäre. Bei diesen Patienten konnten auch Probleme beim Verstehen von Sprache und bei gelernten Bewegungsabläufen auftreten, wie beim Zähneputzen oder beim Schuhebinden.

Später fand man heraus, daß auch die rechte Seite auf bestimmte Fähigkeiten spezialisiert ist. Menschen mit Schädigungen der rechten Hemisphäre schnitten bei räumlich-visuellen Tests, bei denen sie zum Beispiel Puzzles legen oder Gegenstände in Gedanken drehen sollten, schlechter ab.

Die meisten Wissenschaftler kommen zu dem Schluß, daß die linke Hemisphäre analytische Fähigkeiten besitzt, die sich unter anderem in Sprache äußern. Die rechte Seite dagegen arbeitet eher ganzheitlich, zumindest wenn sie räumliche Aufgaben löst. Es gibt auch Hinweise darauf, daß die Neurotransmitter, Botenstoffe im Gehirn, unterschiedlich in den beiden Hälften verteilt sind. Dopamin, das vor allem in der linken Hemisphäre vorhanden zu sein scheint, könnte wichtig für die Spezialisierung auf komplexe motorische Operationen wie Sprache sein. Noradrenalin, das rechts in größerer Konzentration auftritt, trägt zur Aufmerksamkeit bei und könnte helfen, neuartige visuelle Reize zu erkennen. Man ist sich noch nicht im klaren darüber, was diese Unterschiede genau bedeuten. Man darf auch nicht vergessen, daß bei allen Aufgaben beide Hemisphären beteiligt sind, wenn auch nicht in gleichem Maße.

Aus diesem Grund müssen Informationen zwischen den Gehirnhälften ausgetauscht werden. Dies geschieht über ein Bündel von Nervenfasern, dem Balken. Christine de Lacoste, eine amerikanische Wissenschaftlerin, untersuchte diesen Balken und entdeckte, daß er bei Frauen und Männern unterschiedlich ist. Am hinteren Ende des Balkens befindet sich eine Verdickung, das Splenium, welches bei Frauen größer und breiter zu sein schien. Die meisten Forscher vermuten, daß Männer bei bestimmten Aufgaben eine Hemisphäre mehr benutzen als die andere, daß sie also stärker lateralisiert sind. Sie müssen nicht so viele Informationen zwischen den beiden Hälften austauschen und müßten daher mit einem kleineren Splenium zurechtkommen. Doch sicher sind sich die Forscher dabei nicht.

Die amerikanische Wissenschaftlerin Laura Allen untersuchte einige Versuchspersonen durch Kernspin-Tomographie und bestätigte, daß Männer wirklich ein kleineres Splenium besitzen. Weiter fand sie heraus, daß es auch bei Frauen Unterschiede gibt. Frauen mit einem besonders großen Splenium schnitten bei Tests, bei denen sie sprachliche Aufgaben absolvieren mußten, besser ab. Sie sollten zum Beispiel Synonyme oder Wörter, die mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben beginnen aufzählen. Diese Frauen sprachen nicht nur mit der linken Hälfte, sondern auch die rechte war aktiv. Die beiden Hemisphären teilen sich also die Aufgaben. Somit sind Frauen zumindest teilweise bei der Sprache weniger lateralisiert als Männer.

Abbildungen aus: Quellenverz. 4.

Doreen Kimura machte eine weitere Entdeckung. Sie streitet zwar nicht ab, daß Frauen ihre rechte Gehirnhälfte bei sprachlichen Aufgaben mehr benutzen als Männer, doch sie vermutete, daß es zusätzlich zu der Asymmetrie zwischen den Hemisphären Geschlechtsunterschiede bei der Organisation innerhalb einer Hemisphäre gibt. Sie fand heraus, daß Frauen eher unter einer Sprachstörung (Aphasie) leiden, wenn der vordere Bereich des Gehirns verletzt worden ist. Da örtlich begrenzte Schädigungen innerhalb einer Hemisphäre, zum Beispiel durch einen Schlaganfall, bei Männern und Frauen meistens im hinteren Bereich des Gehirns liegen, war sie der Meinung, dies erkläre, warum Frauen seltener von Aphasien betroffen sind. Die Sprachfunktionen sind demnach bei Frauen mit geringerer Wahrscheinlichkeit betroffen, weil ihre Sprachzentren anders angeordnet sind, also weiter vorne im Gehirn liegen und deshalb seltener verletzt werden. Ähnliches entdeckte Doreen Kimura bei Untersuchungen von gezielten Handbewegungen. Bei Frauen traten Apraxien, Schwierigkeiten angemessene Handbewegungen zu wählen, eher auf, wenn vordere Areale des Gehirns verletzt waren, bei Männern dagegen bei Schädigungen im hinteren Bereich. Es scheint für die feinmotorischen Fähigkeiten von Frauen von Vorteil zu sein, daß sich die motorische Rinde direkt hinter dem Motorikwahlsystem befindet. Bei Männern scheinen die motorischen Fertigkeiten, also die Zielbewegungen in die Ferne, begünstigt zu werden, da die zuständige Rindenregion nah bei der Sehrinde im hinteren Teil des Gehirns liegt.

Männliche und weibliche Intelligenz

Rationale Intelligenz ist, wenn jemand unter anderem Schlüsse ziehen, Probleme lösen, abstrakt denken und planen kann. Bei Intelligenztests werden die sogenannten kognitiven Fähigkeiten gemessen, aus denen der Intelligenzquotient errechnet wird. Ein IQ von 100 gilt als durchschnittlich, ein IQ von über 130 als hochbegabt. Nun stellt sich die Frage, wer beim Intelligenztest besser abschneidet. Männer oder Frauen. Nur durch den IQ läßt sich nichts über unterschiedliche Intelligenz der beiden Geschlechter sagen, denn der liegt bei Frauen und Männern im Durchschnitt gleich hoch. Unterschiede erkennt man erst, wenn man die einzelnen kognitiven Fähigkeiten untersucht. Die größten Differenzen stellt man bei der Sprache, der räumlich-visuellen Wahrnehmung und der Fähigkeit zu rechnen, fest. Bei der Sprache sind die Frauen im Vorteil. Es steht fest, daß sie die Sprache besser beherrschen als Männer. Wenn die Fähigkeit, mit Sprache umzugehen getestet wird, erreichen sie im Durchschnitt höhere Punktzahlen als Männer. 

Abbildung aus: Quellenverz. 4.

 

Sie sind besser in Grammatik, Lesen, Rechtschreibung und Verständnis, sie haben einen größeren Wortschatz, finden schneller Synonyme und können schneller Aufgaben lösen, wie zum Beispiel: „Finde 5 Substantive, die mit „S" beginnen!" Diese Unterschiede bemerkt man schon bei Kindern, denn Mädchen sind zwischen einem und fünf Jahren sprachlich fitter als Jungen. In der Pubertät wird der sprachliche Unterschied zwischen den Geschlechtern noch einmal verstärkt. Jungen fällt es auch schwerer, Lesen zu lernen, und sie stottern häufiger. Wenn bei einem Schlaganfall die sprachlichen Zentren im Gehirn verletzt werden, erholen sich Männer langsamer als Frauen. Man sieht also, daß Frauen was Sprache angeht, den Männern eindeutig überlegen sind.

Zu dem Bereich räumlich-visuelle Fähigkeiten schrieb Jeanne Rubner:

„Als ich studierte, spielten viele meiner Kommilitonen (alle Physiker und Mathematiker) zwischen den Vorlesungen eine Runde Schach. Blitzschach, bei dem zwischen den Zügen immer eine Uhr läuft, war besonders beliebt, und ich war voller Bewunderung für Spieler, die innerhalb von Sekunden über ihren Zug entschieden. Noch eindrucksvoller fand ich „Blindschach"- eine Variante, die gespielt wurde, wenn kein Brett vorhanden war. Die Beteiligten hatten das Brett und die Figuren im Kopf und sagten einfach „Rössel von e8 auf d6". Seitdem ist Blindschach für mich der Inbegriff „räumlich- visueller Fähigkeiten"." (1)

(1) Jeanne Rubner, Was Frauen und Männer so im Kopf haben, S.144

Unter räumlich- visuellen Fähigkeiten versteht man, sich Gegenstände im Kopf vorstellen zu können und Bilder sowohl in ihrem Zusammenhang zu erkennen, als auch bestimmte Details herauszusuchen.

Räumlich- visuelle Tests enthalten Aufgaben, bei denen man zum Beispiel ein dreidimensionales Objekt in der Vorstellung drehen muß, um es mit anderen Objekten vergleichen zu können.

 

Bei einem weiteren Beispiel befindet sich ein Loch in einem gefalteten Blatt und man muß die Position der Löcher bestimmen, wenn das Blatt aufgeklappt ist.

Die Ergebnisse bei solchen Tests sind nicht immer gleich, doch im allgemeinen schneiden Männer besser ab als Frauen.

Es ist meßbar, um wieviel ein Geschlecht besser ist, als das andere. „Das läßt sich mit einer Zahl ausdrücken, d genannt, welche die Größe von Geschlechtsunterschieden in kognitiven Fähigkeiten mißt. Für jene, die sich in Statistik auskennen: d ist die Zahl der Standardabweichung, die zwischen den mittleren Punktzahlen liegt, die Männer und Frauen bei einer bestimmten Aufgabe erzielen. Für jene, die lieber nichts mit Statistik zu tun haben wollen, reicht es aus zu wissen, daß der Wert von d mit der Größe der Unterschiede zusammenhängt. Wenn d gleich null ist, dann heißt das: Es gibt keine Geschlechtsunterschiede. Unterschiede zwischen Männern und Frauen gelten als gering, wenn d kleiner als 0,25. Diese Zahl folgt übrigens nicht aus irgendeiner Formel, sondern ist eher eine allgemein akzeptierte Daumenregel. Ist d größer als 0,8, dann sprechen Experten von einem großen Unterschied." (1)

Bei den sprachlichen Fähigkeiten ist der Unterschied mit d gleich 0,25 nicht so groß wie bei räumlich- visuellen Tests mit d gleich 0,8.

Die dritte Sparte, in der die größten Geschlechtsunterschiede bekannt sind, ist das Rechnen, was von Experten als quantitative Fähigkeit bezeichnet wird. Mädchen können zwar reine Rechenaufgaben, wie 14 mal 3 minus 17 plus 52 besser lösen, doch Jungen sind dagegen besser, wenn räumliches Vorstellungsvermögen verlangt ist oder es sich um Textaufgaben handelt, wie zum Beispiel: "Wenn nur 60 Prozent aller Setzlinge überleben, wie viele muß man pflanzen, um 660 Bäume zu erhalten." Diese unterschiedlichen Fähigkeiten von Mädchen und Jungen in Mathematik wurden von einer Studie der amerikanischen Psychologin Camilla Benbow bestätigt.

(1) Jeanne Rubner, Was Frauen und Männer so im Kopf haben, S.147

Abbildung aus: Quellenverz. 4.

 

Biologie oder Umwelt

Nun gibt es zwei Theorien, worauf all diese Unterschiede zurückzuführen sind. Die erste sagt aus, daß alles biologisch festgelegt ist. Das Gehirn entwickelt sich durch Geschlechtshormone entweder weiblich mit einem ausgeprägten Sprachzentrum, oder männlich, das heißt die rechte Gehirnhälfte, die für mathematische Fähigkeiten zuständig ist, ist besonders gut entwickelt.

Die zweite Theorie besagt, daß alles von der Umwelt abhängig ist, da schon männliche und weibliche Babys unterschiedlich behandelt werden. Zum Beispiel wird mit Mädchen mehr geredet, daher sind sie sprachlich weiter als Jungen. Diese dagegen werden dazu ermuntert mit Bauklötzen zu spielen, wodurch ihr räumliches Vorstellungsvermögen geschult wird. Außerdem wird von Mädchen praktisch erwartet, daß sie schlecht in Mathematik sind, weshalb sie sich selbst oft von vorne herein unterschätzen.

Die meisten Experten sind sich darüber einig, daß eine Mischung aus diesen beiden Theorien die Ursache für die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ist. Wissenschaftler, die mehr auf der biologischen Seite stehen, suchten lange vergeblich nach einem Gen als Verursacher. Inzwischen ist man davon abgekommen und beschäftigt sich intensiv mit den Unterschieden im Gehirn, die aufgrund von Geschlechtshormonen entstanden sind. Wie bereits erwähnt, ist der Fötus zuerst geschlechtslos und wird dann durch Hormone männlich oder weiblich. Durch einen genetischen Defekt, die Nebennierenrinden- Hyperplasie, kann es passieren, daß zu viele Androgene produziert werden und der Fötus zuviele männliche Hormone mitbekommt. Handelt es sich um einen männlichen Fötus, ist das kein Problem, denn die Hormone schaden ihm nicht. Doch Mädchen können bei einer solchen Überdosis mit männlichen Geschlechtsorganen geboren werden. Nach der Geburt werden die männlichen Geschlechtsorgane zwar schnell entfernt und die weiblichen wieder hergestellt, so daß das Mädchen völlig normal leben kann, doch das Gehirn wurde unwiderruflich durch die Hormone beeinflußt. Somit müßten diese Mädchen bei den geschlechtsuntypischen kognitiven Fähigkeiten im Vorteil sein. Da sie ganz normal als Mädchen leben, werden sie auch als solche behandelt und erzogen, wodurch sie ein gutes Beispiel sind, um zu untersuchen, wie weit geschlechtstypisches Verhalten auf Umwelt oder Biologie zurückzuführen ist.

Schon in den siebziger Jahren wurden Mädchen mit dem Hormondefekt von Forschern beobachtet, und sie bemerkten, daß sich diese Mädchen eher jungenhaft verhielten. Diese Studien wurden aber nicht anerkannt, da die Wissenschaftler wußten, daß es sich um Mädchen mit dem Hormomdefekt handelt und sie daher möglicherweise Vorurteile hatten.

Die amerikanischen Wissenschaftlerinnen Melissa Hines und Sheri Berenbaum führten deshalb diese Untersuchungen ebenfalls durch. Hier wurden sowohl Jungen und Mädchen, die an Nebennierenrinden- Hyperplasie litten, sowie Jungen und Mädchen ohne Erkrankung gefilmt, währen sie in einem Zimmer spielten, wo es typische Mädchensachen wie Puppen, Jungenspielzeug wie Autos und Bauklötze und neutrale Sachen wie Bücher und Puzzles gab. Personen, die nicht wußten welche Kinder erkrankt waren und welche nicht, sahen sich die Aufzeichnungen an und sollten beobachten mit welchen Spielsachen die Kinder sich beschäftigten. Das Ergebnis war, daß die Mädchen mit den Hormonproblemen wesentlich mehr mit dem typischen Jungenspielzeug spielten, als die anderen Mädchen. Die Jungen mit dem Hormondefekt spielten ganz normal wie die gesunden Jungen. Um eine Beeinflussung durch die Umwelt auszuschließen, wurden die Eltern der Mädchen befragt, ob sie ihre Tochter ermutigten, sich wie ein Mädchen zu verhalten. Sowohl die Eltern der Mädchen mit Nebennierenrinden- Hyperplasie, wie auch die Eltern der Mädchen ohne Defekt, bestätigten dies weitgehend.

Es gibt weitere Studien, die belegen, daß sich Testosteron auf das Gehirn auswirkt, und unter anderem räumlich- visuelle Fähigkeiten begünstigt. Es gibt Frauen, die den Genen nach Männer sein müßten, da ihr Körper aber nicht auf Androgene anspricht, weiblich Geschlechtsorgane besitzen. Diesen Frauen fällt es extrem schwer räumlich- visuelle Aufgaben zu lösen.

 Genauso verhält es sich bei den sogenannten Turner- Frauen mit nur einem X- Chromosom, die weder Hoden noch Eierstöcke besitzen und somit nur sehr wenig Geschlechtshormone abbekommen. Als Folge daraus können sie nur sehr schlecht Landkarten lesen und schneiden bei Tests, in denen räumliches Vorstellungsvermögen gefragt ist, besonders schlecht ab. Somit wird deutlich, daß Testosteron die „männlichen" Fähigkeiten wie Karten lesen oder die Fähigkeit geometrische Figuren im Kopf zu drehen, eindeutig unterstützt.

Bisher wurden nur die Auswirkungen, die Testosteron vor der Geburt auf das Gehirn ausübt, beschrieben. Noch einmal zusammenfassend: Männliche Föten besitzen mehr Testosteron als weibliche, und das Hormon bremst womöglich das Wachstum der linken Hemisphäre.

 

Abbildung aus: Quellenverz. 4.

Dadurch wird die rechte Hälfte stärker, wodurch sich die Gehirnregionen für räumlich- visuelle Aufgaben besser entwickeln können. Möglicherweise findet auch so etwas wie ein Wettkampf zwischen den beiden Gehirnhälften statt. Bei weiblichen Babys breiten sich die Sprachzentren auf beiden Seiten des Gehirns aus, wodurch weniger Platz für die räumlichen Fähigkeiten vorhanden ist.

Inzwischen gibt es Studien, die die Wirkung von Geschlechtshormonen nach der Geburt auf das Gehirn untersuchen. Doreen Kimura und Cathrine Gauchie bestimmten bei männlichen und weiblichen Versuchspersonen den Testosterongehalt im Speichel. Danach ließen sie sie Aufgaben zum räumlichen Vorstellungsvermögen, zum mathematischen Schlußfolgern und zur Wahrnehmungsgeschwindigkeit machen. Dabei stellte sich heraus, daß Männer mit wenig Testosteron ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen hatten, als Männer mit viel Testosteron. Bei den Frauen bedeutete dagegen mehr Testosteron bessere Leistungen. Daraus könnte man schließen, daß es für das räumliche Vorstellungsvermögen eine optimale Menge an Testosteron gibt. Bei der Wahrnehmungsgeschwindigkeit konnten bei Frauen und bei Männern keine Unterschiede zwischen Personen mit unterschiedlich hohem Testosteronspiegel festgestellt werden. Für das mathematische Schlußfolgern war das Ergebnis bei den Männern ähnlich, wie beim räumlichen Vorstellungsvermögen. Die Männer mit wenig Testosteron erreichten höhere Testwerte, wogegen bei den Frauen kein Unterschied bemerkbar war.

Wissenschaftler, die die Theorie vertreten, daß sich Kinder durch den Einfluß der Umwelt geschlechtstypisch verhalten, sind der Meinung, daß ein Baby praktisch „geschlechtslos" geboren wird und erst durch Eltern, Geschwister, Freunde usw. zum Mädchen oder Jungen gemacht wird. In der Tat werden männliche und weibliche Babys schon kurz nach der Geburt unterschiedlich behandelt. Jungen werden häufiger auf den Arm genommen und mit Mädchen wird mehr gesprochen. Später werden die Kinder durch die Spielsachen beeinflußt, die sie geschenkt bekommen, da Mädchen meistens mehr Puppen und Jungen eher Autos und Bauklötze erhalten. Auch durch die Eltern bekommen die Kinder typische Geschlechterrollen vorgespielt, da sich die Mutter meist um sie kümmert, einkauft, putzt, bügelt, während der Vater arbeiten geht und die Familie ernährt. Genauso ist es beim Fernsehen, wo die typischen Verhaltensweisen oft noch verstärkt dargestellt werden. In der Schule ziehen dann die Jungen durch auffälligeres Verhalten die Aufmerksamkeit auf sich und die Mädchen treten automatisch in den Hintergrund, wodurch sie von den Lehrern, ob diese es nun wollen oder nicht, unterschiedlich behandelt werden. Manche Forscher erklären sich die Unterschiede in den kognitiven Fähigkeiten auf diese Weise. Sicherlich vermischen sich die Theorien der Umwelt und der Biologie stark, doch es scheint etwas mehr auf der Seite der Biologie zu stehen.

Das größte Geschlechtsorgan

Das Gehirn ist das größte Geschlechtsorgan des Menschen, denn es gibt schon im Erbgut Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen, die wahrscheinlich für die sexuelle Neigung zum anderen Geschlecht hin verantwortlich sind. Eine viel gestellte Frage ist, ob auch Homosexualität angeboren ist und im Gehirn ein Beweis dafür gefunden werden kann. Dazu untersuchte man zuerst einmal wieder das Sexualverhalten von Ratten. Wie bereits erwähnt, gibt es ein geschlechtstypisches Verhalten. Das Männchen besteigt das Weibchen, worauf dieses den Kopf hebt und den Rücken krümmt. Ein Männchen, das man kurz nach der Geburt kastriert hat, wird jedoch das Verhalten der Weibchen annehmen. Findet die Kastration erst nach ein paar Monaten statt, hat sie keine Wirkung auf das Sexualverhalten. Als man das Gehirn, genauer gesagt den Hypothalamus untersuchte, entdeckte man Kerne aus Nervenzellen, die zuvor noch nicht aufgefallen waren.

Einer dieser Kerne ist beim Männchen etwa zwei bis dreimal so größer als beim Weibchen. Diesen Kern nennt man SDN- Sexually Dimorphic Nucleus. Er entwickelt sich noch im Mutterleib und hat etwa zehn Tage nach der Geburt seine volle Größe erreicht. Bei Männchen, die gleich nach der Geburt kastriert wurden, ist der SDN genauso klein wie beim Weibchen. Weibchen, die kurz nach der Geburt Hormonspritzen bekamen, haben einen SDN, der dem der Männchen entspricht.

Natürlich läßt sich die menschliche Sexualität nicht mit der von Ratten vergleichen, da viel mehr Komponenten daran beteiligt sind. Wenn ein Mensch durch erotische Bilder oder Geschichten erregt wird, schickt die Hirnrinde Signale zum Hypothalamus, es bildet sich praktisch ein Schaltkreis zwischen Hirnrinde und Hypothalamus. Die Gesamtaktivität dieses Schaltkreises ist der Schlüssel zur Sexualität. Auf der Suche nach der Ursache für die sexuellen Varianten bei manchen Menschen, fand man Unterschiede im Hypothalamus, genauer im präoptischen Bereich. Verschiedene Wissenschaftler entdeckten 3 verschiedene Kerne aus Nervenzellen, die im weiblichen und männlichen Gehirn unterschiedlich groß waren. Man gab ihnen die Namen INAH-1 bis INAH-3, was für „Interstitial Nucleus of the Anterior Hypothalamus" steht.

Simon Le Vay, selbst homosexuell, fand nur den INAH-3, der am wahrscheinlichsten das Geschlechtszentrum im Hypothalamus darstellt. Er untersuchte die Gehirne von Frauen und heterosexuellen Männern, sowie von homosexuellen Männern, die an AIDS gestorben waren, unter dem Elektronenmikroskop. Das Ergebnis war, daß der INAH-3 bei den Homosexuellen zwei bis dreimal kleiner war, als bei den heterosexuellen Männern und somit etwa die gleiche Größe hatte, wie der der Frauen. Le Vay führte diese Untersuchung noch einmal bei heterosexuellen und homosexuellen Männern durch, die nicht an AIDS gestorben waren, um ausschließen zu können, daß der INAH-3 durch die Viruserkrankung geschrumpft war.

Laura Allen fand eine weitere Struktur im Gehirn, die bei Männern und Frauen unterschiedlich ist. Außer dem Balken gibt es noch eine Verbindung zwischen den beiden Hemisphären, die sog. vordere Kommisur. Auch diese ist bei Frauen größer, genau wie ein Teil des Balkens, das Splenium. Die besondere Entdeckung war aber, daß die vordere Kommisur von Homosexuellen sogar etwa 20 Prozent größer ist als die von Frauen und somit um ein Drittel größer als die vordere Kommisur von Heterosexuellen. Welche Bedeutung diese Entdeckung hat, weiß man leider noch nicht, da die Aufgabe der vorderen Kommisur nicht genau bekannt ist.

Interessant ist auch, daß homosexuelle Männer bei Tests, die die sog. „männlichen" kognitiven Fähigkeiten testen, meistens schlechter abschneiden. Zum Beispiel sollten heterosexuelle Männer und Frauen sowie homosexuelle Männer bei Wassergläsern, die nicht senkrecht sondern unter verschiedenen Winkel gezeichnet waren, einzeichnen, wann ein Glas zu einem Drittel voll wäre. Das Ergebnis war, daß die Homosexuellen in etwa genau so schlecht waren wie die Frauen.

Krankheiten des Gehirns

Auch das Gehirn kann krank werden, genauso wie alle anderen Körperteile. Das Gehirn besteht aus einer knappen Billion Nervenzellen, die durch Fasern und Synapsen miteinander verbunden sind, die die Aufgabe haben, Reize und Signale weiterzuleiten. Fällt nur ein kleiner Teil dieses abgestimmten Apparates aus oder verändert sich, kann das schlimme Folgen haben.

Nervenzellen können absterben, weil sie nicht mehr mit Blut versorgt werden. Nervenfasern verlieren ihre Fähigkeit, Reize zu leiten, chemische Botschaften und auch die Synapsen versagen ihren Dienst. So können Geisteskrankheiten entstehen, die für die Betroffenen und auch die Außenstehenden sehr schlimm sind, da sie die Persönlichkeit eines Menschen oft völlig verändern, und er nicht mehr fähig ist, ein normales Leben zu führen. Auffallend ist, daß an manchen Krankheiten sehr viel häufiger Männer leiden oder sie stärkere Symptome zeigen, doch es gibt auch Geisteskrankheiten, die scheinbar typisch für Frauen sind.

Eine der rätselhaftesten Krankheiten des Gehirns ist der Autismus. Ein autistisches Kind beginnt sich erst ganz normal zu entwickeln, es gibt keine äußerlichen Anzeichen dafür, daß es nicht „normal" sein könnte. Es beginnt erst im Verlauf des ersten oder zweiten Lebensjahres, sich seltsam zu benehmen und zeigt kein Interesse an anderen Menschen, auch nicht an seinen Eltern. Ein autistisches Kind bleibt meistens auf dem Sprachniveau eines zweijährigen Kindes stehen. Ab einem gewissen Alter zeigt ein Autist auch Interesse an sozialen Kontakten, er hat zum Teil sogar Probleme, Distanz zu anderen Menschen zu bewahren, doch er wird nie lernen, sich normal zu verhalten. Die Ursachen für Autismus sind derzeit leider noch nicht bekannt. Da die Störungen sehr unterschiedlicher Art sind und manchmal mehr oder weniger stark vorhanden sind, fällt es den Forschern ziemlich schwer, das Problem zu erkennen. Es sind einige Hypothesen im Umlauf, die die Krankheit erklären sollen: Störungen des Stoffwechsels, Schädigungen bestimmter Hirnteile und Überschuß gewisser chemischer Botenstoffe. Das Kleinhirn von Autisten scheint im Vergleich zu gesunden Menschen etwas geschrumpft zu sein, und man stellte fest, daß weniger Zellen vorhanden sind. Viele an Autismus erkrankte Menschen haben eine erhöhte Konzentration des Botenstoffs Serotonin im Blut, doch auch die Senkung des Serotoninspiegels verbessert die Symptome nicht bei allen. Eine interessante Entdeckung ist, daß viermal mehr Jungen als Mädchen an Autismus leiden. Es gibt eine Theorie, warum das so sein könnte, doch man ist sich nicht einig, ob die Krankheit wirklich etwas damit zu tun hat. Jungen und Männer sind stärker lateralisiert, d.h. sie sind mehr auf eine Gehirnhälfte spezialisiert. Da sie auch häufiger Linkshänder sind, ihre rechte Hirnhälfte also die bevorzugte Hand steuert, scheint ihre rechte Hemisphäre praktisch die stärkere zu sein. Diese Vermutung vertieft sich noch, da Jungen überdurchschnittlich oft an Sprach-, Schreib- und Lesestörungen leiden, alles Funktionen, die in der linken Gehirnhälfte angesiedelt sind. Nun wird vermutet, daß bei männlichen Babys häufiger die linke Hemisphäre unterentwickelt ist und dies vielleicht zum Autismus führt. Doch bis jetzt fand man nichts, was diese Theorie bestätigt.

Eine weitere Geisteskrankheit, bei der deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen erkennbar sind, ist die Schizophrenie. Ein typisches Symptom, mit dem die Krankheit beginnt, ist das Gefühl, beobachtet oder verfolgt zu werden, so hören Erkrankte Stimmen, die vom Himmel kommen oder von verstorbenen Personen, und sie glauben mit der Zeit, keinen Einfluß mehr auf ihre Gefühle und Gedanken zu haben. Andere Schizophrene zeigen gar keine Gefühle mehr, sie sprechen kaum noch und ziehen sich völlig zurück. Die Ursachen für Schizophrenie hat man bis jetzt nur teilweise entdeckt. Scheinbar ist der Botenstoff Dopamin im Gehirn von Schizophrenen überaktiv, denn durch Zufall fand man heraus, daß Neuroleptika die Angstzustände und Sinnestäuschungen lindern. Neuroleptika wirken, indem sie die Rezeptoren für Dopamin besetzen, wodurch sie verhindern, daß der Neurotransmitter sich an die Rezeptormoleküle heftet und seine Wirkung entfaltet. Doch die Dopaminhypothese kann nicht alles erklären, denn Neuroleptika blockieren die Dopaminrezeptoren innerhalb weniger Minuten, die Wirkung jedoch setzt erst nach Tagen oder Wochen ein. Umgekehrt hält die Wirkung noch 3 bis 6 Monate nach dem Absetzen der Medikamente an. Außerdem scheinen auch noch andere chemische Stoffe durcheinandergeraten zu sein, denn es gibt auch Neuroleptika, die sich nicht an den Dopaminrezeptor heften, sondern an andere Empfängermoleküle.

Schizophrene leiden nicht nur an chemischen Störungen im Gehirn, ihr Thalamus weist auch im Vergleich zum Gehirn eines gesunden Menschen Unterschiede auf, er scheint an einer Stelle geschrumpft zu sein. Der Thalamus empfängt Informationen von allen Sinnesorganen und leitet sie weiter an die Hirnrinde. Er ist vermutlich an der Aufmerksamkeit und am Bewußtsein beteiligt und zu ihm gelangen Informationen aus dem Limbischen System, das Gefühle verarbeitet. Außerdem steht er in Verbindung mit dem präfrontalen Cortex, das Handlungen plant und abstrakt denkt, was Schizophrenen große Mühe bereitet.

Eine Person, deren Thalamus geschädigt ist, würde mit Informationen überschüttet und von Reizen überflutet, könnte also unter Halluzinationen leiden. So könnte man Schizophrenie auch teilweise durch einen defekten Thalamus erklären. Doch eine andere Frage ist, warum Männer früher und schlimmer an Schizophrenie erkranken als Frauen. Unter den 15 bis 20 jährigen sind etwa doppelt so viele Männer wie Frauen betroffen, auch zeigen sie wesentlich stärkere Symptome. Der deutsche Wissenschaftler Heinz Häfner fand heraus, daß Östrogene, die weiblichen Sexualhormone, eine Art Schutz darstellen, denn sie bewirken, daß Frauen wesentlich schwächer an Wahnvorstellungen zu leiden haben.

Doch etwa ab einem Alter von 40 Jahren, wenn ihr Östrogenspiegel mit der Menopause sinkt, erkranken auch Frauen häufiger an Schizophrenie. Sogar mit dem Verlauf der Periode könne sich die Symptome bei schizophrenen Frauen ändern, denn während der zweiten Hälfte des Zyklus, wenn sie mehr Östrogene im Blut haben, geht es ihnen meistens besser. Bei Tierversuchen stellte man fest, daß Östrogene die Dopaminrezeptoren weniger empfindlich machen und damit die Überaktivität des Botenstoffs dämpfen.

Depressionen sind dagegen eine Krankheit, für die besonders Frauen anfällig sind. Als Depression bezeichnet man den Zustand, wenn jemand in eine Stimmung gerät, in der er körperlich und geistig völlig niedergeschlagen ist, alles „schwarz sieht" und aus eigener Kraft nicht mehr aus diesem Zustand herauskommt, nicht einmal durch Zuwendung von Familienmitgliedern und Freunden. Diese Krankheit tritt oft bei Menschen um die 40 auf, und 5 bis 9 Prozent aller Frauen und 2 bis 3 Prozent aller Männer leiden unter schweren Depressionen. Es gibt eine verwirrende Vielfalt von möglichen Auslösern von Depressionen. Wie auch bei der Schizophrenie wurde aus Zufall ein Medikament entdeckt, ohne daß die Ursache für Depressionen bekannt war- Das Medikament hemmt die Wirkung des Enzyms Monoaminoxydase, daß die chemischen Botenstoffe Monoamine zersetzt. Zu diesen Monoaminen gehören Dopamin, Noradrenalin und Serotonin. Das Medikament erhöht also die Menge dieser chemischen Botenstoffe im Gehirn, indem es ihre Zersetzung hemmt. Auch die Hormone sind bei Menschen mit Depressionen durcheinandergeraten. Viele Depressive haben erhöhte Mengen von Cortisol im Blut, einem Hormon, das ausgeschüttet wird, wenn der Körper unter Streß steht. Deshalb vermutet man, daß es eine Störung im Streßsystem des Körpers gibt, das aus dem Hypothalamus, der Hypophyse und der Nebenniere besteht.

In diesem System herrscht ein Gleichgewicht von elektrischen Signalen der Nervenzellen, von Hormonkonzentration sowie von Abwehrmechanismen des Körpers. Vermutlich entsteht eine Depression, wenn dieses Zusammenspiel gestört ist. Bei Frauen mit Depressionen spielen die Östrogene eine große Rolle, denn sie stehen auch im Zusammenhang mit dem Streßhormon Cortisol. Je mehr depressive Frauen davon im Körper haben, desto niedriger ist ihr Östrogenspiegel. Daher vermuten Hormonspezialisten, daß das Streßsystem bei Frauen empfindlicher ist als bei Männern. Kurz nach einer Geburt bewirkt ein starker Abfall von Östrogen und Progesteron die „Wochenbett- Depression". Durch das Absinken der Hormone nehmen auch Serotin, Dopamin und Noradrenalin ab, die wie schon bekannt, im Zusammenhang mit Depressionen sehr wichtig sind.

Doch auch die Psyche spielt bei Depressionen eine wichtige Rolle. Frauen fühlen sich durch Lebensereignisse viel mehr belastet als Männer, außerdem haben sie eine andere Art damit umzugehen. Männer versuchen sich abzulenken, indem sie zum Beispiel Sport treiben. Frauen grübeln dagegen über ihre Situation und kämpfen nicht so sehr dagegen an wie Männer.

Evolutionäre Grundlage

Die Gehirne von Männer und Frauen sind schon in einer frühen Entwicklungsphase nach unterschiedlichen Prinzipien organisiert. Es wurde entdeckt, daß kognitive Leistungen das ganze Leben lang durch hormonale Schwankungen beeinflußt werden. Frauen sind zum Beispiel, je nach Aufgabe, entweder während der ersten oder der zweiten Hälfte ihres Monatszyklus besser, da die Leistungen mit dem Hormonspiegel sinken oder fallen. Die Leistungen von Männern bei räumlichen Aufgaben, unterliegen einer jahreszeitlichen Schwankung. Sie sind im Frühjahr leistungsfähiger, wenn ihr Testosteronspiegel niedrig ist. Möglicherweise könnten diese Schwankungen auf eine Anpassungsfähigkeit hindeuten.

Die Geschlechtsunterschiede in kognitiven Fähigkeiten entstanden wohl, weil sie sich im Laufe der Evolution als vorteilhaft erwiesen. Das Gehirn, wie es jetzt aufgebaut ist, entstand über viele Generationen hinweg durch Auslese und muß schon vor etwa 50000 Jahren eine ähnliche Struktur gehabt haben wie heute. Die Menschen lebten damals in kleinen Gruppen zusammen und die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen war höchstwahrscheinlich sehr streng. Die Männer gingen auf die Jagd und mußten weite Strecken zurücklegen, sie waren für die Verteidigung gegen Raubtiere und feindliche Artgenossen, genauso wie für die Herstellung von Werkzeug und Waffen zuständig. Die Frauen blieben beim Lager, sammelten Nahrung und bereiteten sie zu, fertigten Kleider an und kümmerten sich um die Kinder. Durch derartige Spezialisierungen eigneten sich Männer und Frauen unterschiedliche Fähigkeiten an. Die Männer mußten sich auf große Entfernungen orientieren können, genauso wie sie gut zielen mußten, um genug Tiere zu erlegen. Für Frauen waren feinmotorische Fertigkeiten wichtig und sie mußten erkennen, wenn sich in der Umwelt oder am Verhalten der Kinder etwas änderte. So läßt sich verstehen, warum Männer und Frauen so unterschiedlich sind und oft unterschiedliche Fähigkeiten besitzen.

Zusammenfassung:

Das Gehirn ist das komplizierteste System, das uns Menschen bekannt ist. Mehrere hundert Milliarden Nervenzellen, die durch Billionen von Kontaktstellen verbunden sind, tauschen ihre Botschaften aus. Durch chemische Botenstoffe wandern Informationen von einer Zelle zur anderen. Auch Hormone geben Informationen weiter, nicht nur im Gehirn, sondern im ganzen Körper.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Geschlechtshormone. Sie sind dafür verantwortlich, daß die Natur männliche und weibliche Gehirne hervorbringt, denn bereits vor der Geburt werden die Föten von Hormonen überschwemmt. Durch ein Gen auf dem Y-Chromosom bekommt ein männlicher Embryo mehr Testosteron, dem männlichen Geschlechtshormon, ab, wodurch die Geschlechtsorgane reifen und das Gehirn geprägt wird.

Jungen und Männer sind anders als Mädchen und Frauen. Sie mögen wilde Spiele und sind aggressiver. Sie können besser Landkarten lesen und Figuren im Kopf drehen. Frauen können dagegen besser mit Sprache umgehen. Doch sind diese Fähigkeiten angeboren? Oder werden Kinder stark von der Umwelt beeinflußt? Die Untersuchungen von Mädchen, die vor ihrer Geburt einer Überdosis Testosteron ausgesetzt waren, weisen darauf hin, daß sich das Gehirn durch den Einfluß von Geschlechtshormonen männlich oder weiblich entwickelt. Später wird diese Entwicklung durch den Einfluß von Familie, Schule und Gesellschaft noch verstärkt.

Die individuellen Leistungen von Frauen und Männern werden zum Teil auch von den Geschlechtshormonen beeinflußt, denn je nach Testosteronspiegel steigt oder fällt die Leistungsfähigkeit; ebenso wie Testosteron möglicherweise dafür verantwortlich ist, daß Männer anfälliger für Autismus, Lese- und Rechtschreibschwäche sind. Dagegen sind Frauen eher von Depressionen betroffen. Wenn das Gleichgewicht der chemischen Botenstoffe, das auch von der Psyche beeinflußt wird, gestört ist, kann es passieren, daß das Gehirn monatelang in eine düstere Stimmung verfällt.

Bei Struktur und Aufbau des Gehirns gibt es auch Unterschiede zwischen den Geschlechtern, wie zum Beispiel der Kern im Hypothalamus, der bei Männern etwa doppelt so groß ist, oder das Splenium, das wiederum bei den Frauen ein größeres Volumen besitzt. Es gibt zwar viele Vermutungen, was diese Unterschiede bedeuten könnten, aber sicher ist sich noch niemand. Man ist jedoch optimistisch, der Lösung in den nächsten Jahren etwas näher zu kommen, da immer raffiniertere Methoden entwickelt werden, um das Gehirn zu studieren.

Quellenverzeichnis

1. Jeanne Rubner, Was Frauen und Männer so im Kopf haben, München 1996

2. Wunder der Wissenschaft, Das Gehirn

3. Rolf Degen, Der kleine Unterschied im Gehirn, FAZ 20.01.99

4. Doreen Kimura, Weibliches und männliches Gehirn, Spektrum der Wissenschaft, November 1992

5. Bild der Wissenschaft, Oktober 1992, Kleine Differenzen

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