Totentänze im südwestdeutschen Raum

 

Die Beinhauskapelle in Bleibach

Im Jahre 1350 wurde erstmals eine Kirche in Bleibach gebaut. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde sie am Längsschiff erweitert. Außerdem wurde ein spätgothischer Chor und eine Sakristei zugefügt. Der Friedhof wurde mit einer Mauer umgeben, um den Toten im Schutze der Kirche die endgültige Ruhe zu geben. Zu dieser Zeit besuchte man die Gräber, besonders nach den Gottesdiensten, an Sonn- und Feiertagen, oft, da der Tod in das Leben bewußt eingebaut worden war. Doch schon bald wurde der Friedhof zu klein, ohne dass Pestepedemien auftraten. Aus diesem Grund beschloß man, die ältesten Gräber auszugraben und die Überreste der Toten in der Kirche aufzubewahren.

Im Jahre 1720 ließ Johann Martin Schill die sog. Beinhauskapelle bauen. Diese wurde zwar geweiht, doch es wurde kein Patron (Schutzherr) ausgebildet, sich der Gräber anzunehmen. So wurde ein Totengräber oder eine Frau beauftragt, die ausgegrabenen Gebeine zu säubern und zu sortieren. Diese wurden im hinteren Teil der Kapelle nach Arm-, Bein- und Schädelknochen sortiert und gestapelt. In der Kapelle wurden Betstunden und Andachten abgehalten und für kleinere Gruppen Messen gelesen.

1878 löste sich die Bleibacher Pfarrkirche vom Barock und erhielt ein neugothisches Inneres; so wurden alle Statuen und Plastiken in die Kapelle verlagert. Im Laufe der Jahre wurde die Bausubstanz durch Feuchtigkeit, Erschütterungen und natürliche Veränderungen beschädigt und oft nur auf unzulängliche Weise repariert. Schließlich wurde im Jahre 1935 durch Bürgermeister Fackler die Kapelle trockengelegt und eine bessere Belüftung eingebaut. Später, in den Jahren 1976/77 wurde die Kapelle von Grund auf renoviert: Der Innenraum erhielt einen neuen Boden und der Altar und die Bänke wurden herausgeräumt, um den Totentanz besser zum Ausdruck zu bringen. Der Bildhauer Helmut Lutz ließ einen Lebensbaum anbringen um u.a. an die Vergänglichkeit des Lebens zu erinnern. Er stellte aber auch verschiedene heilige Statuen wie z.B. den Heiligen Johannes als Symbol für die Offenbarung auf, um sie zu ehren.

 

Totentänze und ihre Deutung

Am Anfang des Totentanzfreskos ist der Tod, in der Form eines Skeletts, mit Alten und Jungen, Geistlichen und Weltlichen abgebildet, welche versuchen, sich durch Geld, Kostbarkeiten o.ä. das weitere Leben zu erkaufen. Doch nach dem Motto: „Würdig bin ich die Krone zu tragen und alle Welt zu beherrschen. Euch nur will ich, nicht Eure Reichtümer!" weist dieser einen nach dem anderen ab. In der zweiten Darstellung, führt ein Skelett in den Sockelbildern, als Diener des Todes, Männer verschiedenen Standes und Alters zum Tanz. Das weibliche Geschlecht hat der Künstler einer späteren Darstellung vorbehalten. Im weit geöffneten Tor, aus dem die Männer kommen, werden im Hintergrund auch weibliche Köpfe sichtbar.

Mitte des 15.Jahrhunderts war der Totentanz ein beliebtes Thema für biblische Darstellungen auf Kirchhöfen , in Beinhäusern, in Kirchen und in Gebetbüchern. Hinsichtlich der Entstehung der Totentänze ist vieles bis heute noch ungeklärt geblieben, sicher ist aber, daß die Pest, die ganze Dörfer ausrottete, eine große Rolle spielte. Die meisten Totentanzdarstellungen entstanden nach Pestjahren, wie auch der berühmte Basler Totentanz, der nach dem besonders schlimmen Pestjahr 1439 gemalt wurde.

 

Der (Groß-) Basler Totentanz

Der (Groß-) Basler Totentanz ist um 1440 entstanden und gehört zur oberdeutschen Linie der Totentänze. Er ist der berühmteste monumentale Totentanz des deutschsprachigen Raums. Man malte ihn auf die Innenseite der Friedhofsmauer, die 58 Meter lang war und die den Laien-Gottesacker des Dominikanerklosters gegen die St.-Johannis-Vorstadt abgrenzte. Er zeigte eine mittelalterliche Tradition des Tanzmotives. Der Künstler, der den Totentanz gemalt hat, ist unbekannt. Es waren etwa lebensgroße Figuren (ca. 150cm groß) abgebildet und der Aufzug der Toten war entgegengesetzt, sie bewegten sich also von rechts nach links. Es besteht dadurch eine Verbindung zu der „Verkehrten Welt", dem Narrentum. Der Totentanz bestand ursprünglich aus 37 Tanzpaaren, wurde später jedoch auf 39 Paare erweitert. Beinhausmusik und Prediger, sowie auch ein Sündenfall wurden noch hinzugefügt. Normalerweise waren 24 Standesvertreter auf einem Totentanz abgebildet, aber Basel weicht hiervon ab. Die Standesvertreter waren normale Bürger, Weltliche also gebildete Bürger und Geistliche. In der Nacht des 5. August 1805 erfolgte die Niederlegung der Friedhofsmauer auf dem der (Groß-) Basler Totentanz gemalt war. Es gab damals schon einige Kopien und man kann heute noch 19 Orginalfragmente des Totentanzes im historischen Museum in Basel besichtigen.

Der Basler Totentanz galt damals schon und auch heute noch als Prototyp also als Vorgänger der echten, spätmittelalterlichen Totentänze z.B. Bleibach. Doch gerade über diese Aussage gibt es eine Diskussion, denn einige behaupten der Ulmer Totentanz sei schon 1440 und der (Groß-) Basler Totentanz erst 5 Jahre später (1445) entstanden.

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Der Bleibacher Totentanz

 

Den Bleibacher Totentanz ließ ein kunstsinniges Mitglied des Waldkircher Stiftes in das schmucklose, hölzerne Tonnengewölbe des Beinhauses aus 34 Bildern in Öl malen. Man darf wohl annehmen, daß dies der am 13.10.1683 in Waldkirch geborene Bäckerssohn Johann Martin Schill gewesen war, der von 1715 bis 1728 in Bleibach als Stiftskaplan seelsorgerisch wirkte. Wer dieses Kleinod barocker Kunst gemalt hat, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Es ist aber klar, daß sowohl den Künstlern als auch dem Auftraggeber die Totentänze von Basel und Bern bekannt sein mußten, denn der Bleibacher Totentanz lehnt sich an diese Darstellung an. Kaufmann, Koch, Bauer, Tagelöhner, Spielmann und blinder Mann sind diesen Vorbildern nachempfunden. Der Maler hat lediglich die Gewandung der Personen der Mode des Jahres 1723 angepasst. Im Bleibacher Totenzanz fehlt der Hintergrund bei den Gemälden, weil hier der Mensch im Vordergrund steht. Der ständig als Skelett auf den Bildern wiederkehrende Tod nähert sich den Totgeweihten, die nach den Ständen der damaligen Zeit im Reigen geordnet sind, mit unterschiedlicher Gestik, ja Mimik. Einmal wirkt er väterlich, gütig, dann wieder dreist und zynisch, wenn er seine Hand anlegt. Durch alle Bilder und Texte des Bleibacher Totentanzes begleitet den Betrachter eine volkstümliche Darstellung christlicher Aufgeschlossenheit gegenüber Leben und Sterben. Gleichermaßen mit schwermütiger Elegie wechseln von Bild zu Bild in der Pose des Todes Siegesgewißheit mit Sarkasmus, Mitleid mit kicherndem Humor. Da sich der Totentanz, wie ein lebendiger Reigen durch das Tonnengewölbe bewegt, ließ der Auftraggeber Musikanten über den Reigenmahl. Sechs Sensenmänner spielen mit merkwürdigen, makabren Instrumenten die Waise vom Tod und aus einer Trompete erklingt nach dem Spruchband die Mahnung: „ Mein Trompetenschall bringt Freude oder Trübsal in Ewigkeit." Das Spruchband dieses Bildes lenkt den Blick auf das Fresko, das ebenfalls 1723 in Öl auf die Wand gemalt wurde. Der Auftraggeber wollte durch den Totentanz klarmachen, daß alle Menschen einmal sterben müssen und im Tod einander gleich sind. Dahingehend wollte er durch dieses Wandgemälde zeigen, daß jeder nach dem Tod vor dem ewigen Richter Rechenschaft ablegen muß. Der Tod, der symbolisch in der Gestalt eines Skelettes dargestellt ist, führt nun die Bürger in der absteigenden Reihenfolge der Ständeordnung zum Totentanz. Er beginnt mit dem Kind, dem er einen Apfel anbietet, und führt als Kontrast den Papst als nächsten dazu und fordert ihn auf, so tanzen wie das Kind. Indem er ihm seine Machtsymbole, die Tiara und den Hirtenstab wegnimmt, stellt er ihn auf die Stufe des Kindes. Die auf den Papst folgenden Adligen werden von ihm auf die gleiche Weise, mit der Wegnahme der Machtsymbole zum Todesreigen geführt. Er verschont auch die nicht, die sich gegen ihn wehren und glauben, daß ihre Zeit noch nicht umgelaufen ist. Die belehrt er eines Besseren und hält ihnen ihr Lebensglas vor. Den Bauern dagegen fordert er auf, die ganzen Sorgen und die ganze Arbeit zu vergessen. Bei den Frauen beginnt er mit der Jungfrau und umgarnt sie wie ein Liebhaber, der sie zum Tanzen ausführen will und fährt fort mit der Kaiserin bis hin zur Greisin. Dieses Fresko wurde mit großer Wahrscheinlichkeit von dem Waldkircher Kunstmaler Johann Jakob Winter (1663-1746) gemalt. Es ist allerdings schwer zu sagen, welcher Künstler die Sterbeszenen gemalt hat, da viele Restaurationen gemacht werden mußten und der Künstler auch kein Signum hinterlassen hat.

 

 

Quellen:

Der Totentanz in der Beinhauskapelle zu Bleibach von Hermann Trenkle

Tanz der Toten: Der monumentale Totentanz im deutschsprachigen Raum, Verlag J. H. Röll

 

Verfasser:

Juri Gemidji, Jürgen Busch, Hannah Weber, Viktoria Scharf, Christian Rose, Klasse 10c, SJ 89/99