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Backstage:
Leipzig - Berlin
"Geh doch rüber in die
DDR..." - eine deutsch-deutsche Geschichte
Studienfahrt der Jahrgangsstufe 12
Von Ayla Schulz |
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Aktualisiert am: 04.05.10 |
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Vor ziemlich genau 20 Jahren galt das Prinzip : Aus zwei mach eins !
Deutschland wurde wiedervereinigt, die Mauer fiel, der Kommunismus hatte
versagt und der Kapitalismus ergriff nun seinerseits den fremden deutschen
Osten.
Doch wie genau war das damals eigentlich in der DDR ?
Wer hat regiert? Wie sah der Alltag, wie das Schulleben aus ?
Wie wurde Widerstand geleistet ?
Und wo sind die Politiker der damaligen Zeit eigentlich geblieben ?
Zwei Schülerinnen der JSG 12 (Francisca Wölfle und Ayla Schulz) machten sich
mit 35 anderen Teilnehmern der Backstage-Reihe LeipzigBerlin (Angebote der
landespolitischen Bildungszentrale Freiburg) auf den Weg, diese Fragen zu
beantworten.
Nicht alles war toll, damals, in der DDR; ich denke, da sind wir uns alle
einig. Aber war deswegen alles schlecht ?
Die unterschiedlichsten Persönlichkeiten breiteten vor uns ihre Geschichte
über den Osten und den Westen aus und nahmen uns mit auf eine Reise in die
deutsch-deutsche Vergangenheit.

Der Hauptbahnhof in Leipzig
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Sonntag, 4 a.m. :
Hundemüde schälten wir uns aus den Decken. Während
unsere Freunde vermutlich noch im Nachtwerk Lahr das Ende der
Abitursprüfungen feierten und nicht im entferntesten an Schlaf dachten,
mussten wir aufstehen, um gegen 6 Uhr früh in Freiburg zu sein.
Nachdem wir geduscht hatten, uns den letzten Rest Schlaf aus den Augen rieben,
Essen für die 8-stündige Busfahrt richteten und die letzten Sachen in den
Trolli warfen, während wir unseren münden Körper und die brennenden Augen
auf später vertrösteten, fuhren wir endlich, endlich los nach Freiburg.
Hier sollte unsere politische Reise in die deutsche Vergangenheit beginnen.
Um 5.45 Uhr in der Früh (es wurde gerade hell) erreichten wir das Konzerthaus
Freiburg, an welchem wir kurz nach 6 Uhr abfuhren.
Nach 8 Stunden Busfahrt (unterbrochen von Toiletten- und Raucherpausen, nicht
zu vergessen viiiiiiel Schlaf und einer Grenzkontrolle [wir erreichten ja
DDR-Gebiet]) kamen wir schließlich leicht verschlafen und mit knacksenden
Gelenken und eingeschlafenen Beinen in LEIPZIG an.
Kurz nach unserer Ankunft (wir fuhren nicht einmal vorher ins Hostel), bekamen
wir eine zweistündige Stadtführung per pedes (eine Bustour wäre eine Zumutung
gewesen) durch das historische und DDR-geprägt Leipzig.

Der Bus, mit dem wir nicht gefahren sind

Nicolaikirche

Das Leipziger Rathaus. Der Turm steht in der Mitte des Platzes, nicht in der
Mitte des Rathauses
Völlig erledigt checkten wir gegen 19 Uhr in der Jugendherberge ein,
bezogen in Windeseile die Zimmer, um dann das wohlverdiente Abendessen
einzunehmen.
Danach begann der gemütliche und entspannte Teil des Abends. Wer wollte,
konnte noch einmal in die Innenstadt fahren und sich den Platz vor der
Nikolai-Kirche, der mit bunten Lichterpflastersteinen versehen ist, ansehen
oder ein Eis zu essen oder einfach noch mal durch Leipzig laufen, wenn auch
bei Nacht.
Manch einer blieb auch im Hostel, genoss die Ruhe und tauschte mit
Zimmergenossinnen Lebenserfahrungen aus, bis schließlich alle in ihren Träumen
versanken.
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Montag, 7.30 a.m. :
Nach einem kurzen Frühstück und dem Räumen der
Zimmer verließen wir unser Hostel und fuhren mit unserem Bus in die Stadt, um
dem Schulmuseum und deren Leiterin einen Besuch abzustatten.
Nach einer kurzen Einführung mutierten wir zur Klasse 3c und hatten
Heimatunterricht. Frau Elke Urban, die Leiterin des Schulmuseums, spielte eine
sehr authentische Lehrerin der damaligen Zeit. Sie ließ uns am eigenen Leib
spüren, wie es war, wenn man sich von der Masse abhob oder über den Westen
redete und von dort Güter konsumierte.
Nach dieser sehr eindrücklichen und auch lustigen Unterrichtsstunde
verließen wir Leipzig und machten uns auf den Weg nach BERLIN.


Unsere Gruppe vor dem Schulmuseum in Leipzig

Elke Urban
Montag, 3.00 p.m. :
Wir erreichten Berlin. Um genau zu sein, Ost-Berlin, Hauptstadt der DDR.

Um
uns gleich auf die Thematik einzustellen, liefen wir durch den strömenden
Regen (der mittlerweile die Sonne abgelöst hatte) zum DDR-Museum an der
Spree. Von dort aus ging es, nach einem kurzen Grußwort des
DDR-Museumsleiters, zu den wichtigsten Teilen des DDR-Regierungsviertels.
Allerdings wurde diese Führung wegen des Regens sehr früh abgebrochen.
Zurück im Museum, betrachteten wir die DDR näher und erlebten sie mit allen
Sinnen.
Nach einem ganz kurzen Zwischenstopp im (H)OSTEL betraten wir die
Eingangshallen der Zeitung "Neues Deutschland" in Ost-Berlin.
"Neues Deutschland" war zur Zeit der DDR das Zentralorgan der SED
und verlor nach der Wende die Mehrzahl ihrer Leserschaft.
Von diesem Schlag hat sie sich bis heute nicht erholt und einiges an
Mitarbeitern und Leserschaft eingebüßt.

Die DDR ein Unrechtsstaat ? Nein, das weist der stellvertretende Chefredakteur
Hübner vehement von sich. Die DDR hatte ihre guten Seiten. Von Kontrolle und
Überwachung will er nichts wissen. "Neues Deutschland" habe immer
berichtet, was geschah, auch wenn die Artikel von der Stasi und der SED
gegelesen und kontrolliert wurden. Schrieb man etwas, was einer von beiden
Seiten nicht passte, war man seinen Job los und Hübner wisse bis heute nicht,
was mit einigen Kollegen geschehen sei. Sie seien einfach weg gewesen.
Heute ist die Zeitung "Neues Deutschland" eine eher
links-orientierte Zeitung.
Nach zwei Stunden war dieses Interview vorbei und wir gingen mit dem
Gedanken, dass die DDR vielleicht doch nicht so schlecht war, wie alle
dachten...
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Dienstag, 8.00 a.m.:
"Für die DDR oder für Deutschland im Weltall?" Unter dieser Frage
verlief unser Dienstagmorgen, an dem wir Dr. rer.nat. Sigmund Jähn im roten
Rathaus in Berlin trafen.

Sigmund Jähn war der erste deutsche Kosmonaut im Weltall. Er flog mit den
Sowjets zur russischen Raumstation und verbrachte dort eine Woche, bevor er
den Heimflug gen Heimatplanet Erde antrat.


Sigmund Jähn erzählte uns von seinen Erlebnissen in der DDR, die sich nicht auf
einer politischen, sondern auf einer naturwissenschaftlichen Ebene bewegten und
deshalb alles andere als kritisch klangen. Man kann sogar sagen, dass Jähn
die DDR aus der Vogelperspektive betrachtet. Sie hat ihm ermöglicht, in einer
gewissen Form berühmt zu werden. Die DDR verhalf ihm zu dem, was er wollte.
Er ging zum Militär und dort zur Luftwaffe, studierte Physik, flog ins All
und wurde berühmt. Somit verdankt er der DDR seine Karriere und dennoch
äußert er sich eher vorsichtig zur Politik. Weder Kritik noch Befürwortung
lassen sich in seinen Worten festlegen. Die Wende und den Fall der Mauer hat
er ebenfalls nicht direkt mitbekommen und auch nicht so freudig begrüßt, wie
die meisten Bürger der DDR. Für ihn war es einfach eine Grenzöffnung in der
Welt der Menschen.

In krassem Gegensatz dazu verlief der Nachmittag.
Nach den Interviews mit zwei DDR-Befürwortern trafen wir bei der
Mauergedenkstätte "Bernauer Straße" auf die vehementen Gegner der
DDR.
Steffi Lemke und Rainer Eppelmann waren für diesen Nachmittag geplant.
Beide lebten in der DDR und während Steffi Lemke auf Demostrationen unterwegs
war und nach dem Fall der Mauer überrascht war, wie anders der Westen doch
war, entstand der Widerstand in Rainer Eppelmann durch die Geburt seines
Kindes.
Er ist Pfarrer und war einer der großen Widerständler in der DDR.

Nach einer hitzigen Diskussion mit diesen beiden verabschiedeten wir sie und
kurz danach empfingen wir Karin Gueffroy.
Sie ist die Mutter des letzten Mauertoten, Chris Gueffroy, der im Februar 1989
mit einem Freund den Fluchtversuch über die Mauer wagte und dabei sein Leben
ließ.

Das Gespräch war sehr bewegend und ihre Geschichte eine der dramatischsten,
die wir jemals gehört hatten. Dennoch überzeugt diese Frau, trotz des
Verlusts ihres jüngsten Sohnes durch eine unglaubliche Präsenz und Stärke.

Der Grenzübergang Ost-West vom Aussichtsturm des Museums

Berlin bei Nacht
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Mittwoch, 7.30 a.m.:
Den Vormittag des Mittwochs verbrachten wir im Gefängnis.
Die Gedenkstätte Hohenschönhausen zeigt, wie es damals war, ein
Staatsgefangener der DDR zu sein - auch wenn man eigentlich nichts verbrochen
hatte.
Wir wurden durch alte Folterkammern und Gefängniszellen geführt, die
teilweise noch Orginale sind.



Auf die Frage an den Direktor der Gedänkstätte, Hubertus Knabe, ob sich bis
jetzt einer der damaligen Wächter gemeldet oder entschuldigt habe für
das, was er getan hatte, antwortete er : "Darauf warten wir noch
heute.... Bis jetzt haben wir einmal einen Zettel auf dem Klo gefunden, auf
dem stand : 'Ich schäme mich, für das was ich getan habe.'"

"Archiviert und vergessen" - was geschah eigentlich mit den Akten,
die die Stasi über die Bürger der DDR gesammelt hatte?
160 km Papier liegen beim Informations- und Dokumentationszentrum der
Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen (BStU).
Frau Marianne Birthler erzählte uns von der mühseligen Arbeit, alle
Dokumente der Stasi zusammenzusuchen, die zerstörten Unterlagen wieder
zusammenzuflicken und alle Anfragen zu bearbeiten.

Je nachdem, was in den eigenen Stasi-Akten erwähnt wird, bekommt man einfach
eine Kopie zugeschickt oder man wird aber auch aufgefordert, nach Berlin zu
kommen, um seelischen Beistand zu erhalten.
Teilweise erfährt man aus solchen Akten, dass die engsten Freunde oder der
eigene Partner jahrelang für die Stasi gearbeitet haben.
Die BStU ist somit ein sehr wichtiges Archiev für die Vergangenheit der DDR.
Da wir ja nun soviel über die DDR wussten, machten wir uns in einem
Mauerspaziergang als Kleingruppe auf die Suche nach dem "Eisernen
Vorhang".


Ein Symbol der sinkenden Mauer


Reichstag aus Schokolade
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Donnerstag, 8.00 a.m.:
Thomas Krüger, heute Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung,
stand als abschließender Gesprächspartner auf unserer Liste der
DDR-Zeitzeugen.
Er war in der DDR in der Kirche aktiv und war 1989 ein Gründungsmitglied der
SPD in der DDR.

Großes Aufsehen erregte er durch ein Wahlplakat, auf welchem er völlig nackt
abgebildet war und mit dem Slogan "Eine ehrliche Haut" für die SPD
warb.
Ob er so ein Wahlplakat wieder machen würde? Ideen habe er genug, da es
vor allem drauf ankomme zu provuzieren, allerdings würde er sich nicht
noch einmal für die SPD ausziehen.
Heute ist er der Präsident der Landeszentrale für politische Bildung und das
Gespräch mit ihm als unser Veranstalter, war ein gelungener Abschluss.

Unsere Leitung =)
Damit war unsere Reise in die Vergangenheit beendet und wir traten, reicher an
Erfahrung und Wissen, den Heimweg nach Süd-West-Deutschland an.
Und wir sagten: "Tschüss Berlin, bis bald !"
Noch ein paar Bilder :








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