Jan Nicolay

Scheffel-Gymnasium

Jahresarbeit im Grundkurs Deutsch

(Ulrich Wilhelm)

Die Motive„Aufbruch" und„Ankunft" in der Literatur Franz Kafkas als Spiegel seiner Psyche


Inhalt

Über Franz Kafka...
1. Psychogramm Kafkas
2. Der Aufbruch
Der fremdbestimmte Aufbruch
Der Aufbruch in den sicheren Tod
3. Die Ankunft
Die „Ankunft" als Nicht-Ankunft
Die Ankunft als selbstverschuldete Nicht-Ankunft
Die Ankunft als fremdverschuldete Nicht-Ankunft
4. Die Motive des Aufbruchs und der Ankunft bei Kafka und anderen Autoren im Vergleich
Literaturverzeichnis

Über Franz Kafka...

Kurt Tucholsky: Franz Kafka. Wer das ist, wissen leider noch viel zu wenige... Er ist ein Großsohn von Kleist- aber doch selbständig. Er schreibt die klarste und schönste Prosa, die zur Zeit in deutscher Sprache geschaffen wird.

Albert Camus: Wir werden hier an die Grenzen des menschlichen Denkens versetzt. Ja, an diesem Werk ist im wahrsten Sinne des Wortes alles wesentlich. Jedenfalls stellt es das Problem des Absurden in seiner Gesamtheit dar... Es ist das Schicksal und vielleicht auch die Größe dieses Werkes, dass es alle Möglichkeiten und keine bestätigt.

André Gide: Der Realismus seiner Bilder übersteigt ständig die Vorstellungskraft, und ich wüsste nicht zu sagen, was ich mehr bewundere: Die „naturalistische" Wiedergabe einer phantastischen Welt, die durch minuziöse Genauigkeit der Bilder glaubhaft wird, oder die sichere Kühnheit der Wendung zum Geheimnisvollen.

Hermann Hesse: Ich glaube, dass zu jenen Seelen, in welchen die Vorahnung der großen Umwälzungen schöpferisch, wenn auch qualvoll zum Ausdruck kam, für immer auch Kafka wird genannt werden.

Rainer Maria Rilke: Ich habe nie eine Zeile von diesem Autor gelesen, die mir nicht auf das eigentümlichste mich angehend oder erstaunend gewesen wäre.

Thomas Mann: Er war ein Träumer, und seine Dichtungen sind oft ganz und gar im Charakter des Traumes konzipiert und gestaltet; sie ahmen die alogische und beklommene Narretei der Träume, dieser wunderlichen Schattenspiele des Lebens, zum Lachen genau nach. Bedenkt man aber, dass das Lachen, das Träne-Lachen aus höheren Gründen, das Beste ist, was wir haben, was uns bleibt, so wird man mit mir geneigt sein, Kafkas liebevolle Fixierungen zum Lesenswertesten zu rechnen, was die Weltliteratur hervorgebracht hat.

Alfred Döblin: Es sind Berichte von völliger Wahrheit, ganz und gar nicht wie erfunden, zwar sonderbar durcheinander gemischt, aber von einem völlig wahren, sehr realen Zentrum geordnet... Es haben einige von Kafkas Romanen gesagt: sie hatten die Art von Träumen- und man kann dem zustimmen. Aber was ist denn die Art der Träume? Ihr ungezwungener, uns jederzeit ganz einleuchtender, transparenter Ablauf, unser Gefühl und Wissen um die tiefe Richtigkeit dieser ablaufenden Dinge, und das Gefühl, dass diese Dinge uns sehr viel angehen.

Diese Zeugnisse von Zeitgenossen Kafkas, die übrigens selbst alle bedeutende Künstler waren, fallen sehr positiv und lobend aus. Das Werk Kafkas schien auf sie alle einen großen Reiz auszuüben, den andere Werke nicht hatten. Doch worin bestand diese Faszination?

1.Psychogramm Kafkas

Das Bild, das man aufgrund von Kafkas Literatur von seinem Charakter bekommt, trügt nicht. Franz Kafka war stark durch eine pessimistische Grundeinstellung und viele Ängste geprägt. Der Künstler wurde am 03. Juli 1883 in Prag geboren. Schon in seiner frühen Kindheit wurde er von seinem Vater Herrmann Kafka, einem tschechischen Kaufmann jüdischen Glaubens, mit außerordentlicher Strenge erzogen. Dadurch entwickelte Kafka ein übermächtiges Über-Ich, durch das seine eigene Persönlichkeit unterdrückt wurde. Die Ideale seiner Erziehung waren materieller Erfolg und sozialer Aufstieg in der streng konservativen Gesellschaft des Kaiserreichs, wodurch der sensible und introvertierte junge Kafka in ein menschliches Schema gepresst wurde, durch das er sich stark eingeengt fühlte und das seiner kreativ-künstlerischen und verträumten Art nicht gerecht wurde. Franz Kafka wuchs mit ständigen Drohungen der mit der Erziehung beauftragten Köchin auf, die ihn phobische Ängste vor Autoritäten wie seinen Eltern und Lehrern entwickeln ließen. So schrieb er in einem Brief an Milena Polak, eine spätere Geliebte, dass die Köchin, die ihn immer zur Schule brachte, ihm jeden Morgen damit gedroht habe, dass sie dem Lehrer erzählen werde, wie unartig Franz zu Hause gewesen sei. Der sensible und phantasievolle Junge habe sich daraufhin in allen Facetten die negativen Folgen ausgemalt, die dies für ihn haben könnte und eine wachsende Furcht davor entwickelt, die die Köchin noch in sadistischer Freude ausgenutzt habe. Kafkas latente, unbestimmte Ängste begleiten uns durch sein ganzes Werk hindurch, sei es in der Erzählung „Der Schlag ans Hoftor", in der Kafka sein Gefühl des Ausgeliefertseins an die Willkür der Tyrannei offenbart, oder im „Brief an den Vater", in dem Kafka seine negativen Erfahrungen mit dieser Autoritätsperson beschreibt. Dies zeigt, dass Kafka seine eigenen psychischen und sozialen Probleme in seiner Literatur verarbeitet hat, sie trägt also autobiographische Züge. Generell schwebt die nie überwundene Figur des strengen, zu fürchtenden Vaters über dem gesamten Werk Kafkas (vgl. dazu die Kurzprosa „Das Urteil", „Die Verwandlung"). Dabei mystifizierte der phantasievolle Kafka seinen Vater zunehmend, so dass er unbewusst die ungewisse Bedrohung, die von ihm auszugehen schien, ständig vergrößerte. Er schrieb dazu selbst im „Brief an den Vater": „Du bekamst für mich das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet ist." Damit rechnete er gleichzeitig mit der blinden Forderung nach bedingungsloser Disziplin ab, die teilweise jeglicher Vernunft entbehrte, was Kafka noch mehr gegen seinen Vater erbitterte. Befehle ersetzten Diskussionen, Vernunftaspekte im Handeln wurden durch traditionell begründete, festgefahrene Konventionen verdrängt, so dass Kafka nie Selbständigkeit im Handeln lernte, sondern immer in einer Art Abhängigkeitsverhältnis zu seiner Familie stand, obwohl er sie als Einengung empfand. Das selbst noch nach dem Verlassen der Familie andauernde Leiden unter der Strenge seiner Eltern versuchte Kafka durch den „Brief an den Vater" zu kompensieren, in dem er all seinen aufgestauten Gefühlen Luft machte.

Von 1901-1906 studierte Franz Kafka in Prag Jura. Während dieser Zeit entdeckte er seine Liebe zur Literatur. In zahlreichen Germanistikvorlesungen, die er besuchte, und durch die Lektüre vieler Bücher festigte sich Kafkas subjektives Literaturverständnis, nach dem er später seine eigenen Werke ausrichtete: „ Ich glaube, man sollte überhaupt nur Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht (...) ? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns." Dies zeigt auch, wie sehr Kafka wünschte, dass die vorhandene Kälte aus der menschlichen Interaktion genommen werde, die er in seiner Kindheit so schmerzlich hatte erfahren müssen. Diesen wichtigen Fortschritt zu erreichen traute er einzig und allein der Literatur zu, weshalb er sich ihr später selbst verschrieb, um beim Menschen ein „empfindlicheres Gewissen" zu erreichen, indem er ihm durch seine Werke „breite Wunden" zufüge. Während seines Studiums lernte er Persönlichkeiten wie Franz Werfel und Max Brod kennen; Brod veröffentlichte nach Kafkas Tod dessen Werk gegen seinen Willen.

Durch sein stark ausgeprägtes Über-Ich neigte Kafka zu heftigen Versagensängsten, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgten. Diese Versagensängste waren die Grundlage für das Motiv des „Nicht-Ankommens", das für Kafkas Werk charakteristisch ist. Er fühlte sich verfolgt von dem wachenden Auge seines Vaters, der die Richtigkeit seines gesamten Tuns ständig beobachtete, und zensierte sein Handeln selbst immer nach den Maßstäben, die in seiner Erziehung angelegt worden waren. Dabei quälte ihn die ständige Furcht, dass sein Tun nicht vor seinem Vater bestehen könne und er gerügt werde. Um dem Einfluss seines Vaters zu entkommen, flüchtete sich Kafka 1912 in eine Beziehung zu Felice Bauer. Er glaubte, in dieser Beziehung Schutz und Zuflucht vor der Strenge seiner Eltern zu finden. Eine spätere Verlobung mit Felice wurde sofort wieder gelöst. Zwei weitere Verlobungen sollten ebenfalls nicht zur Heirat führen. Auch eine 1920 begonnene Liebesbeziehung mit Milena Jesenská-Polak wurde bald als aussichtslos erkannt und scheiterte. Dies zeigt, dass Kafka aufgrund seines introvertierten Charakters und seiner lieblosen Erziehung beziehungsunfähig, fast schon misanthropisch geworden war. Außerdem sah er in der Ehe einen Hindernisfaktor für sein Schreiben, das ihm der wichtigste Inhalt seines Lebens war. Nach seiner Promotion arbeitete Kafka als Versicherungsangestellter. Dieser Beamtenberuf prägte seinen Charakter insofern, als er sich noch stärker als zuvor bei seiner Arbeit beobachtet fühlte und der Bürokratismus, in dem alles Tun überprüft und schriftlich registriert wurde, ihm das Gefühl des Nicht-Entrinnen-Könnens aus den Fängen des hierarchischen Beamtenapparates vermittelte. In der Beschreibung eines Kampfes beschreibt Kafka seine Lage selbst so: „Ich habe niemandem etwas Böses getan, niemand hat mir etwas Böses getan, niemand aber will mir helfen, lauter niemand." In diesen Worten manifestiert sich einerseits seine grundsätzliche Aversion gegen die Menschheit und andererseits auch seine Angst vor diesen „Niemands". Milena Jesenská-Polak, seine zeitweilige Geliebte, charakterisierte ihn letztendlich so: „Er war ein Mensch und Künstler von so skrupulösem Gewissen, dass er auch dort noch wachsam blieb, wo die anderen, die Tauben, sich bereits sicher fühlten."

Man kann also sagen, dass Kafkas Charakter und Psyche in der Kindheit, in der sie die entscheidende Richtung bekommen muss, aber auch später noch so negativ beeinflusst wurden, dass Franz Kafka zu einem paranoiden Misanthropen geworden war, der sich ständig auf der Flucht vor sich selbst und den Menschen befand. Er fühlte sich in seiner Umgebung, sei es in der Familie, aus der er sich trotz seiner lieblosen Kindheit nie lösen konnte, oder in seinem Beruf, immer wie in der Fremde, in der er nicht akzeptiert wurde. Dadurch unterlag er letzten Endes einem völligen Wirklichkeitsverlust, er sah die Welt nicht mehr als seine reale Umgebung. Als er eines Tages aus Versehen ein Zimmer, in dem der Vater seines Freundes Max Brod geschlafen hatte, betrat und ihn somit weckte, murmelte er als Entschuldigung: „Betrachten Sie mich bitte als einen Traum!"

1922 wurde bei Kafka Kehlkopf-Tuberkulose diagnostiziert, so dass er in die Klinik Kierling in Klosterneuenburg bei Wien eingewiesen wurde. Aus dieser Zeit ist eine Anekdote überliefert:

Kurz von Kafkas Tod erhielt sein behandelnder Arzt, Professor Hajek, einen Brief Franz Werfels, der den Mediziner bat, alles Menschenmögliche für eine Besserung oder gar Gesundung Franz Kafkas zu tun. Nachdem der Professor das Schreiben gelesen hatte, sagte er: „Wer Kafka ist, weiß ich. Das ist der Patient auf Nummer 12. Aber bitte, wer ist der Herr Werfel ?"

Franz Kafka starb am 3. Juni 1924 im Sanatorium Kierling im Alter von knapp 41 Jahren an Tuberkulose.

 

Zu Lebzeiten fand Kafkas Werk kaum Beachtung. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber weckte es das Interesse der Leser, da seine vollkommene Offenheit sowohl psychoanalytische als auch religiöse, marxistische, existentialistische und philosophische Interpretationsansätze zuließ. Diese Offenheit und die durch das Schreiben erzeugten Bilder, die die Phantasie des Lesers anregen, erklären wohl auch die vielen positiven Kritiken am Werk Kafkas.

Da die Flucht also sein eigenes Leben und somit auch sein Werk, das ja autobiographische Züge trägt, bestimmte, muss man sich, um diese Flucht verstehen zu können, mit ihrem Beginn und Ziel, der Abreise und der Ankunft, genauer auseinandersetzen.

2.Der Aufbruch

Auf einem modernen Großflughafen starten und landen täglich Tausende von Flugzeugen. Menschen besteigen die Maschinen, um in den Urlaub zu fliegen und fremde Länder und Kulturen zu besuchen, andere sind aufgrund ihres Berufes gezwungen, häufig ins Ausland zu fliegen, um geschäftliche Beziehungen aufrechtzuerhalten, wieder andere wollen woanders eine neue Existenz aufbauen oder sind gezwungen worden, ein Land zu verlassen; sie müssen aus politischen, religiösen oder ökonomischen Gründen fliehen. Alle haben für die Abreise einen bestimmten Grund vor Augen und ein Ziel, das sie erreichen wollen. Schon immer hat es das Phänomen gegeben, dass der Mensch aus den verschiedensten Gründen in die Ferne aufbrach. Auch in der Literatur ist das Motiv des Aufbruchs häufig zu finden. Dabei gibt jeder Autor typische Gründe für die Abreise an. Speziell unterscheidet sich das Aufbruchsmotiv bei Franz Kafka von landläufigen Vorstellungen und von der Verwendung durch andere Autoren:

Draußen wieherte der Schimmel, dass es wie Trompetenschall in das Heulen des Sturmes hineinklang. Elke war mit ihrem Mann hinausgegangen; die alte Esche knarrte, als ob sie auseinanderstürzen solle. „Steigt auf, Herr!" rief der Knecht, „der Schimmel ist wie toll; die Zügel könnten reißen." Hauke schlug die Arme um sein Weib: „Bei Sonnenaufgang bin ich wieder da!" Schon war er auf sein Pferd gesprungen; das Tier stieg mit den Vorderhufen in die Höhe, dann gleich einem Streithengst, der sich in die Schlacht stürzt, jagte es mit seinem Reiter die Werfte hinunter, in Nacht und Sturmgeheul hinaus.

(Theodor Storm: Der Schimmelreiter)

„Ich befahl, mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wusste nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: „Wohin reitest du, Herr?" „Ich weiß es nicht", sagte ich, „nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen." „Du kennst also dein Ziel?" fragte er. „Ja", antwortete ich, „ich sagte es doch: „Weg-von-hier", das ist mein Ziel." „Du hast keinen Essvorrat mit", sagte er. „Ich brauche keinen", sagte ich, „die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Essvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheuere Reise."

(Franz Kafka: Der Aufbruch)

In beiden Fällen begibt sich ein Reiter auf den Weg, um etwas Bestimmtes zu erledigen. Äußerlich scheinen sich diese beiden Texte sehr zu ähneln, doch fällt bei näherer Betrachtung auf, dass es gravierende Unterschiede in Motivik, Inhalt und Erzählabsicht gibt. Bei Storm reitet der Deichgraf Hauke Haien los, um die Sturmschäden an einem neugebauten Deich zu begutachten. Schon die Frage nach dem Grund für den Aufbruch des Ich-Erzählers gibt dem Leser beim Kafka-Text Rätsel auf. Dieser Aufbruch ist nur unter dem autobiographischen Aspekt in Kafkas Erzählungen zu verstehen. Der Protagonist möchte ohne konkretes Ziel „nur weg von hier", was darauf hindeutet, dass er sich an seinem momentanen Aufenthaltsort unwohl fühlt, er ist ihm entfremdet. Unter diesem Aspekt ist sein Aufbruch als eine Flucht in ein erhofftes anderes Leben zu verstehen. Dennoch erwartet er keine Besserung seiner Lebensumstände, da das „Weg von hier" sein Ziel darstellt. So kann kein Ort der Erde der endgültige Bestimmungsort des aufbrechenden Reiters sein, von überall wird er ruhelos wieder aufbrechen müssen, da auch dort das „Weg von dort" in logischer Konsequenz sein Ziel sein muss. Auch die Begleitumstände dieser Abreise sind für die Literatur bis dahin ungewöhnlich. Ein unbestimmter Trompetenschall, der vielleicht sogar nur dem innigsten Wunschdenken des Aufbrechenden entspringt, da er nur für ihn hörbar ist, dient als Aufbruchssignal, eine ferne, nicht lokalisierte Stimme ruft ihn. Dieser Anlass zum Aufbruch in die Ferne wird von seinem Knecht nicht verstanden. Generell herrscht zwischen dem Reiter und seinem Knecht eine kalte Beziehung, das von Kafka beschriebene „gefrorene Meer in uns" dominiert auch ihr Verhalten. Keiner der beiden versucht, auf den anderen einzugehen, beide verfolgen nur ihren eigenen, von dem der Mitmenschen getrennten Weg. Aufgrund dessen beherrschen Missverständnisse oder gar generelles Unverständnis die Szene. Diese zwischenmenschliche Kälte könnte ein denkbarer Grund für den Aufbruch sein, sicher aber erleichtert sie dem Reiter aber den Abschied. In diesem Bild hat Kafka die Erfahrung verarbeitet, dass seine eigene Ruhelosigkeit und ständige Flucht vor der Menschheit von seinen Mitmenschen nie verstanden wurde, da sie ihnen so unbegründet erschien. In dem Umstand, dass der Reiter keinen Essvorrat auf seine Reise mitnimmt, zeigt sich sein grenzenloser Fatalismus und die pessimistische Verachtung des Überlebenstriebes. Außerdem treibt ihn die Ungeduld fort, die einen weiteren Aufschub zum Sammeln und Verpacken der Essvorräte nicht duldet. Er ergibt sich resigniert in sein Schicksal, versucht nicht, für sein Überleben zu kämpfen. Wenn andere es garantierten, nähme er es an, ansonsten würde er eben sterben.

Dieses Aufbruchsmotiv symbolisiert und charakterisiert das Leben eines paranoiden Misanthropen, wie Kafka selbst war. Die Geburt ist der Aufbruch, das Leben ein langer Weg, eine „wahrhaft ungeheure Reise" ins Ungewisse, das nach dem Tod anbricht. Auf dem Weg des Lebens gibt es nach Kafka kein bestimmtes Ziel, auf das man noch im Leben hinarbeiten und sich konzentrieren könne. Er entleert in „Der Aufbruch" das Leben seines Sinnes, indem er es als ständiges Wiederaufbrechen mit unbestimmtem Ziel beschreibt, von dem der Mensch rastlos wieder aufbricht, um weiter der ungewissen Ferne zuzustreben, dem Tod. Wenn der Mensch in seinem Leben keinen Kontakt zu und keine Unterstützung von seinen Mitmenschen hat, muss er verhungern, er geht zugrunde.

Doch was treibt den rastlosen Menschen ständig zum erneuten Aufbruch, was ist der innere Trompetenschall genau?

Kafka selbst erklärt das folgendermaßen: „Die Uhren stimmen nicht überein, die innere jagt in einer teuflischen oder dämonischen oder jedenfalls unmenschlichen Art, die äußere geht stockend ihren gewöhnlichen Gang. Was kann anderes geschehen, als dass sich die zwei verschiedenen Welten trennen, und sie trennen sich oder reißen zumindest aneinander in einer fürchterlichen Art." Diese Tagebucheintragung vom 16. 01. 1922 zeigt, dass Kafka als Voraussetzung des permanenten Aufbruchs eine strenge Trennung zwischen der immanenten, materiellen Außenwelt und der transzendenten inneren Welt des Menschen sieht, so dass dieses Ungleichgewicht dem Aufbrechenden regelrecht Schmerzen verursacht und ihn zur ständigen Flucht vor der immanenten Realität der Umwelt veranlasst, zur Flucht in eine transzendentale Welt, die der „inneren Uhr", damit es keine Spannungen mehr gibt. „Weg von hier" bedeutet „fort aus dieser Welt", die der aufbrechende Reiter überall um sich herum vorfinden wird, außer in sich selbst. „Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt," lässt Goethe den jungen Werther in einen seiner Briefe schreiben. Nur das könnte den in der Welt sinnlos Herumirrenden, der ständig zu neuer Suche aufbricht, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit finden, also an ein Ziel gelangen lassen. Der einzig sinnvolle Aufbruch, der zum Erreichen eines konkreten und erstrebenswerten Zieles führen könnte, wäre der in die eigene Persönlichkeit. Doch diese Möglichkeit bleibt dem innerlich inhomogenen, zerrissenen Kafka unerschlossen, da dazu eine Konzentration des Geistes notwendig ist, die ihm unmöglich war. Deswegen ist „Der Aufbruch" eine ewig währende Flucht, da der Reiter dem Feind nicht entkommen kann, weil dieser in ihm wohnt.

In „Gibs auf" verschärft sich dieses Motiv der Flucht noch. Der Umstand, dass der Aufbrechende sich „in dieser Stadt noch nicht sehr gut" auskennt, zeigt, dass er gerade in dieser Stadt angekommen ist, was wieder auf die permanente, kontinuierliche Flucht hindeutet und darauf, dass der Mensch auf seinem Lebensweg ständig weitergetrieben wird. Nun taucht das vorher schon erwähnte Uhrenmotiv auf, hier unterscheiden sich die Turmuhr, die die Zeit der Allgemeinheit repräsentiert und die eigene des Ich-Erzählers. Er stellt fest, dass es unerwartet spät sei, was in dieser Beschreibung schon den Charakter des „Zu spät" bekommt. Nun wechselt die bisher ruhig und realistisch-objektiv beschriebene Szene in eine subjektive Schilderung, in der Hektik und panikartige Flucht das Bild bestimmen. Schrecken und Unsicherheit ergreifen den Ich-Erzähler über die Entdeckung der Zeitdifferenz auf den beiden Uhren. Wie in vielen anderen Kafka-Texten tritt nun ein Antagonist des Ich-Erzählers auf, der seinen Aufbruch erschwert, der „Schutzmann". Glücklich, einen vermeintlichen Helfer gefunden zu haben, der ihm „Schutz gewährt", fragt er ihn nach dem Weg zum Bahnhof, von dem er zu einem unbestimmten Ziel abfahren möchte. Der Schutzmann lächelt, was normalerweise als vertrauenerweckende Geste aufgefasst wird und Hoffnung weckt, und antwortet auf diese Frage lediglich mit einer Gegenfrage. Anschließend lautet sein niederschmetternder Ratschlag: „Gibs auf, gibs auf!". Darauf wendet er sich ab und lacht den Ich-Erzähler aus.

Dieses Aufbruchsmotiv ist deswegen eine Verschärfung dieses Motivs in „Der Aufbruch", weil hier der Aspekt des Gehetztwerdens durch eine höhere Macht hinzukommt. Nicht mehr nur aus freien Stücken beeilt sich der Ich-Erzähler so, den Aufbruch möglichst rasch zu vollziehen, sondern durch eine nicht definierte Ursache fühlt er sich gehetzt und bekommt das Gefühl, ihm sei ein Ultimatum für seine Abreise gestellt, das er auf jeden Fall einhalten müsse.

Doch auch hier stellt sich die Frage nach dem Grund für diesen eiligen Aufbruch. Eine mögliche Erklärung wäre die Ungeduld des Abreisenden, die sehnliche Erwartung und Suche des Kommenden, Neuen, vielleicht sogar Besseren. Warum sonst würde er wohl ruhelos die Stadt verlassen, ohne sich mit ihr vertraut zu machen? In den „Betrachtungen" schreibt Kafka selbst: „Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache." Die Ungeduld war auch Kafkas ständiger Begleiter, das Verzweifeln an der gegenwärtigen Welt ließ ihn die Erwartung der (besseren?) Zukunft bis zum Extrem steigern. Ständig brach er auf, in der Hoffnung, seine Erfüllung zu finden, doch das eigene „vorzeitige Abbrechen des Methodischen" vereitelte dies und steigerte seine innere Inhomogenität, so dass ihm die Erkenntnis des Lebenssinnes versagt blieb.

Doch was ist die genaue psychologische Ursache für die Panik und Hektik des Ich-Erzählers, wieso lässt er sich durch seine Entdeckung erschrecken?

In Wahrheit steckt mehr hinter der Entdeckung der wahren Uhrzeit: sie ist die Erkenntnis, dass sein eigenes Leben, das durch sein eigene (innere?) Uhr symbolisiert wird, nicht mehr mit der Zeit und dem Gang einer höheren Ordnung wie der Gesellschaft oder der ganzen Menschheit Schritt hält, dass er laufen müsse. Durch das unüberlegte, panikartige Loslaufen verliert er die Orientierung und wird auf seinem Weg unsicher. Während in „Der Aufbruch" die Abreise nur als reiner Ortswechsel zu verstehen ist, ist der Aufbruch in „Gibs auf!" sowohl örtlich als auch zeitlich aufzufassen. Denn kann nicht jeder Aufbruch an einen anderen Ort und der damit verbundene Neuanfang in einem „neuen" Leben auch ein Aufbruch in eine neue Zeit sein? Genau diesen sowohl räumlichen als auch zeitlichen Übergang gleichzeitig zu vollziehen schafft der Ich-Erzähler nicht, wie auch Kafka selbst ihn nie geschafft hat. Denn obwohl er zu einem anderen Ort fahren will, klammert er sich an die Zeit und somit den Gang der Dinge, die in seinem vorherigen Aufenthaltsort geherrscht haben. Dadurch aber, dass er versucht, sich in der alten Zeit wiederzufinden, verliert er die Richtung im Raum, die ihn zu einem neuen Ziel führen soll. Diese Erfahrung bestimmte lange Perioden in Kafkas eigenem Leben. Sein Leben lang orientierte er sich an der „Zeit" und dem gewohnten Gang der höheren Ordnung, die in seiner Kindheit in seinem Elternhaus herrschten, jeder Aufbruch in ein neues Kapitel seines Lebens beschränkte sich lediglich auf eine Veränderung seines Schaffens- und Wirkungsraumes - nach der Schule ging er zur Universität, danach ins Büro der Versicherungsgesellschaft. Nie schaffte er es, darüber hinaus auch eine Veränderung seiner Gewohnheiten, Gedanken und Einstellung zu erreichen, der „Aufbruch in eine neue Zeit" blieb ihm also versagt. Wie vorher schon erwähnt konnte sich Kafka nie von seinem verhassten Elternhaus trennen, in dem er bis kurz vor seinem Tod lebte. Nach einer stark autoritären Erziehung, die nicht darauf ausgelegt ist, einen entscheidungsfreudigen Charakter heranzubilden, sondern einen disziplinierten, untertänigen, braucht der Mensch eine große innere Stärke des Willens, um sich aus vorgegebenen Schranken zu lösen, die als Einengung empfunden werden. Genau diese Kraft hat Kafka nie besessen, weshalb die in der Kindheit introjizierten Normen und Werte ihm zeit Lebens als Maßstäbe dienten, sie waren die Turmuhr, an der er immer sein innere Uhr maß, was zwangsläufig zu Störungen führen musste, da der Mensch im Laufe seines Lebens eine Entwicklung, also viele Aufbrüche in neue Zeiten, mitmachen muss. Aufgrund dessen fühlte er sich zunehmend gehetzt, da er panisch darauf bedacht war, den veralteten Normen nachzukommen, was seine innere Zerrissenheit mehr und mehr verstärkte. Auf der Suche nach der inneren Anpassung an die veränderten äußeren Umstände fand Kafka keinerlei Unterstützung durch seine Mitmenschen, selbst die, die er als „Schutz"-Männer empfand, schienen ihn zu verraten. Deswegen blieb ihm in seinem so einsamen, verlassenen Zustand als einziger Weg nur die Resignation. Die Schlussworte der Erzählung reflektieren auf sein eigenes Leben zurück, er schien für sich selbst zu dem Schluss gekommen zu sein: „Gibs auf!"

Der fremdbestimmte Aufbruch

Einen anderen Charakter bekommt das Aufbruchsmotiv in der Erzählung „Ein Landarzt". Für den Aufbruch des Protagonisten, des Mediziners, wird nun erstmals ein konkreter Grund angegeben. Er wird zu einer Visite bei einem Schwerkranken gerufen. Dennoch scheint diese Abreise gespenstisch und unheimlich, wie von einer dämonischen und dunklen Macht begünstigt. Überhaupt manifestiert sich nirgends bei Kafka das immanent Böse, Diabolische so deutlich wie in „Ein Landarzt". Es scheint, als solle ungeachtet dessen, dass das eigene Pferd des Landarztes gestorben war, die Abreise um jeden Preis ermöglicht werden, damit durch sie der Stein für das tragische, düstere Geschick des Arztes ins Rollen komme. Zwei starke Pferde werden ihm von einer unbekannten, nicht bestimmten Macht zur Verfügung gestellt. Sie wirken unheimlich und übernatürlich; der Landarzt beschreibt sie selbst als „unbeherrschbar", sie bringen ihn ohne sein Zutun zu dem Kranken, seinem vorläufigen Ziel. Er erkennt, dass sein Aufbruch durch eine überirdische Kraft gelenkt wird, doch unterliegt er dem Trugschluss, dass es eine göttliche sei statt einer bösen. Wie in „Der Aufbruch" ist der Pferdeknecht ein Fremder, was entweder heißt, dass er ebenfalls der diabolischen Macht angehört, oder dass der Landarzt ihm entfremdet ist. Man kann eigentlich nicht sagen, dass der Landarzt aufbricht, da er dies aktiv vollziehen müsste, vielmehr wird er fortgeschickt. Er spielt dabei lediglich eine passive Rolle, er ist eingesponnen in ein fatalistisches Geschick, aus dem es kein Entrinnen gibt. Er „muss" den Kranken besuchen, wehrlos muss er zusehen, wie sein Dienstmädchen misshandelt wird und wird anschließend ohne etwas dagegen tun zu können von den Pferden fortgezogen, die auf Geheiß des Pferdeknechtes loslaufen, ohne dass er sie danach wieder anhalten kann.

Dieses Aufbruchsmotiv ist eine Steigerung der Motivik von „Der Aufbruch" und „Gibs auf!", in denen der Mensch seinen Aufbruch zwar notgedrungen, aber dennoch selbst aktiv vollzieht. In „Ein Landarzt" ist der Menschen ein der Allgemeinheit ausgeliefertes Wesen. Während in „Der Aufbruch" der Reiter selbst befiehlt, dass sein Pferd aus dem Stall geholt werde, damit er aufbrechen könne, und während der Ich-Erzähler in „Gibs auf!" aus eigenem Antrieb zum Bahnhof aufbricht, wird der Landarzt zu seiner Pflicht an der Allgemeinheit gerufen, der er sich nicht verschließen kann. Es vollzieht sich also ein Übergang des Menschen vom Subjekt zum Objekt. Deswegen ist selbst sein Aufbruch noch von Fremdbestimmung gekennzeichnet. Der Mensch muss, von der Allgemeinheit beherrscht, aufbrechen, er ist diesem Aufbruch machtlos ausgeliefert. Der Arzt ist nicht nur sich selbst verpflichtet, sondern auch seiner Verantwortung gegenüber der Menschheit. Deswegen ist er nur ein Instrument zur Rettung des Lebens anderer. Die Fäden seines Lebens ziehen indirekt die Patienten, die ihn benötigen. Der Arzt wird zuerst zum Spielball der Allgemeinheit und anschließend zu dem einer dunklen Macht.

Dasselbe fühlte Franz Kafka in Bezug auf sein eigenes Leben. Er glaubte sich ausgeliefert und fremdbestimmt. Jeder Aufbruch in einen neuen Abschnitt seines Lebens, sei es der Übergang von der Schule zur Universität oder der von der Universität ins Berufsleben, sei, so glaubte er, von der Allgemeinheit vorgegeben, durch deren Normen sein Leben in eine bestimmte Form gegossen werde. Dadurch sah er das Leben an sich vorüberziehen, er verlor das Bewusstsein, dass er sein eigenes Leben lebe. Statt dessen beherrschte ihn das bedrückende Gefühl, dass sein Leben von der Gesellschaft voll vereinnahmt und somit gelebt werde. Jeder Aufbruch auf seinem schweren Lebensweg geschah nicht aus seinem eigenen Antrieb, er ließ sich treiben, da er das Phänomen, nach seinem freien Willen zu leben und sich somit aktiv aus Anachronistischem, Verhasstem, loszureißen, nicht kannte. Zunehmend stellte sich dabei bei ihm, verursacht durch Verzweiflung und ohnmächtigen Hass, das Gefühl der Bedrohung ein. Die Gesellschaft und seine Familie, die sein Leben lenkten, kontrollierten und zensierten, schienen eine ungeheuere Macht, womöglich sogar über Leben und Tod zu besitzen. Sie bekamen etwas Bedrohliches, Diabolisches, dem man nicht entrinnen konnte. Kafka umgaben zu viele böse Pferdeknechte, die seinen Weg immer wieder in die von irgendwo vorgegebene Bahn lenkten, ohne dass der Autor sich dagegen hätte wehren können. Das Leben war nun also nicht nur eine permanente Flucht, auf der ein Aufbruch den nächsten jagte, sondern der Weg der Flucht wurde zu allem Überfluss auch noch von anderen, böse erscheinenden Mächten vorgezeichnet, die die Einhaltung des Weges peinlich genau kontrollierten. Aufgrund dieser Erkenntnis mutet es keinesfalls seltsam an, dass Kafka einem kontinuierlich wachsenden Verfolgungswahn verfiel, da er sich als Marionette der allmächtigen bürokratischen Gesellschaft mit ihren sozialen Normen wähnte.

Der zweite Aufbruch des Mediziners in „Ein Landarzt", nämlich der nach der Visite des Patienten, ist noch unheimlicher als der erste. Wieder bestimmt Ungeduld die Szenerie. Der Landarzt will „mit dem Ankleiden (...) keine Zeit verlieren", wirft seine warmen Winterkleider achtlos in den Wagen, um schnell von dem Patienten und der gespenstischen Atmosphäre, die in seiner Umgebung herrscht, fortzukommen; er steigt nicht einmal richtig aufs Pferd, um bequem reiten zu können. Er vernachlässigt sämtliche Reisevorbereitungen. Ungeduld treibt ihn fort, nichts soll ihn aufhalten. Genau wie der Reiter in „Der Aufbruch", der keinen Essvorrat mit auf seine Reise nimmt, trägt er die Alleinschuld an eventuellen prekären Situationen, die sich aufgrund der Kälte ergeben können. Tatsächlich trifft die schlimmste anzunehmende Situation ein, der Aufbruch wird zum Beginn einer qualvollen Reise, auf der der Landarzt keinen Schutz vor der Kälte, dem „Frost dieses unglückseligsten Zeitalters", hat. Dieser Hinweis auf die zwischenmenschliche Kälte wird noch dadurch verstärkt, dass keiner seiner Mitmenschen dem Landarzt hilft. Der Mensch ist bei jedem Aufbruch nur auf sich selbst gestellt, die kleinste menschliche Schwäche wie die Ungeduld kann deshalb schon zu seinem Verhängnis werden, da die Mitmenschen diese Schwäche nicht kompensieren wollen, das Geschick der anderen interessiert sie nicht. Allerdings ist dies deswegen besonders grausam, da der Landarzt, die Projektion Kafkas, selbst aufgebrochen ist, um seiner Verantwortung an der Menschheit gerecht zu werden. Undank dafür ist sein Lohn, er fühlt sich zurecht betrogen. Der erste Aufbruch, der den Arzt zur Erfüllung seiner Pflicht an anderen führen soll, wird von einer unbekannten Macht unterstützt, es wird dafür gesorgt, dass er wohlbehalten sein Ziel erreicht. Kafka war nämlich von dem Gefühl besessen, dass die Menschheit das Individuum nur dann unterstütze, wenn sie es brauche oder zu brauchen glaube. Sobald sich aber herausstellt, dass der Landarzt dem kranken Kind nicht helfen kann, verliert die Allgemeinheit das Interesse am Weiterleben des Arztes, der Aufbruch zur Heimkehr wird nicht unterstützt, der Arzt wird betrogen.

Der Aufbruch in den sicheren Tod

War der Aufbruch zunächst nur der selbst gewählte Übergang in eine ungewisse Zukunft und anschließend die fremdbestimmte Abreise zur Erfüllung einer Aufgabe im Interesse der Allgemeinheit, so verschärft sich das Motiv in der Erzählung „Das Urteil" noch weiter. Dort taucht die von Kafka nie überwundene übermächtige Vaterfigur wieder auf, der Protagonist Georg ist wie in „Der Landarzt" eine Projektion Kafkas selbst. Nachdem der Vater am Ende der Geschichte aufgrund zahlreicher Beobachtungen des Verhaltens seines Sohnes zu dem Schluss gekommen war, dass dieser „ein teuflischer Mensch" gewesen sei, verurteilt er ihn „zum Tode des Ertrinkens". Plötzlich ergreift den Sohn eine ungeheuere Hast. Diesem imperativen Urteil, das keinen Widerstand zu dulden scheint, folgen müssend, stürzt er aus dem Zimmer, mit dem einzigen Ziel, den Fluss zu erreichen, um das Urteil seines Vaters selbst vollstrecken zu können. Immer weiter „trieb es ihn", und tatsächlich stürzt er sich in letzter Konsequenz von der Brücke in die Fluten, um zu ertrinken.

Auf die meisten Leser wirkt diese Szene unverständlich und seltsam. Was sind die genauen Gründe für das Verhalten Georgs?

Man kann dieses Verhalten nur auf der Basis der Kenntnis von Kafkas Kindheit verstehen. Stets musste Kafka als Kind darauf bedacht sein, die Anordnungen seiner strengen Eltern zu befolgen, da er sonst Kritik oder gar Strafe fürchten musste. Deshalb ist „Das Urteil" des Vaters der oberste Imperativ, dem Folge zu leisten ist. Niemals konnte Kafka einen Aufbruch in seinem Leben selbst vollziehen, ohne die Meinung seines Vaters dazu gehört zu haben. Das ganze Leben in allen seinen Abschnitten, so schien es dem Autor, wurde von anderen definiert und vorgezeichnet. Er geht bis zum äußersten, dass sogar der letzte und schwerste Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, deren Existenz spekulativ bleibt, der Tod, noch durch andere bestimmt wird. Der Aufbruch des Menschen in den sicheren Tod ist eigentlich schon die pessimistischste Wendung, die eine Erzählung nehmen kann, dennoch gelingt es dem Autor, diese Wendung noch zu steigern, indem der zum Tode Aufbrechende von einem Mitmenschen, der dadurch zum Herrscher über Leben und Tod wird, dazu verurteilt wird, sich selbst umzubringen. Die Klimax der Fremdbestimmung besteht dabei darin, dass der Verurteilte selbst die Vollstreckung seines Todesurteils übernimmt; resigniert, vielleicht sogar mit dem Gefühl der Schuld, leistet er dem Willen des grausamen Vaters Folge. Diese Vollstreckung ist eines der am stärksten paradoxen Elemente im Werk Kafkas. Dennoch darf man einen latenten Gedanken dabei nicht übersehen, der das Paradox wieder relativiert. Steht nicht am Ende jedes Lebensweges der Tod als endgültiges, wenn auch vielleicht unangenehmes Ziel? Man muss dabei auch den philosophischen Gedanken in Betracht ziehen, dass das Leben eigentlich nur ein langer, vielleicht auch schöner Weg in den Tod ist. Beispielsweise empfinden die Buddhisten das Leben als Leiden, sie leben nur auf den Tod hin, nach dem sie sich den Übergang ins „Nirvana", das unendlich leichte Nichts, als höchste Verwirklichung ihres Glücks erhoffen. Unter diesem Aspekt ist der Aufbruch in den sicheren Tod gar nicht mehr ganz unverständlich. Kafka allerdings betrachtete den Tod stets als vorzeitigen Abbruch des Lebens, der die Selbstverwirklichung verhindert und so dem Leben den Sinn nimmt. Deswegen fürchtete er sich auch sein ganzes Leben lang davor, dass sein Lebensweg vorzeitig durch den Tod beendet werde.

Noch beklemmender ist der Aufbruch in den sicheren Tod am Ende des Romans „Der Prozess". Nicht aus eigenem Antrieb begibt sich der Protagonist K. (Kafka?) auf den Weg zum Sterben, sondern er wird von zwei „bleichen und fetten Herren" abgeholt. Nach einem ein Jahr währenden, das Netz des Verhängnisses immer enger um K. schlingenden Prozess kommen die Männer, um das Todesurteil für eine Tat, die nie begangen wurde, zu vollstrecken. Die alleinige Existenz K.´s scheint schon eine Todsünde zu sein. Unterwegs nehmen ihn die „Herren" so fest in den Griff, dass er sich der Sinnlosigkeit jeglichen Widerstandes bewusst wird. Seine weitere Handlung mutet recht seltsam an: er beginnt nun, um ein letztes Mindestmaß an Selbstbestimmung, auch wenn sie total verfehlt ist, zu erreichen, die Wegrichtung selbst zu bestimmen, damit er das Subjekt, nicht das Objekt des Handelns bleibt. Jeder Widerstand gegen den nahenden Tod hat er resigniert eingestellt, er beschleunigt die Handlung sogar noch durch seine aktive Kooperation, er rennt förmlich zu dem Platz, an dem er ermordet werden wird. Ein letztes Mal geht ihm die Frage durch den Kopf, ob sein erzwungener Aufbruch überhaupt gerechtfertigt sei, da durchbohrt ihn schon das Messer des Vollstreckers. Der Autor Kafka sah sich als Opfer der bürokratischen Gesellschaft, die alles in seinem Leben bestimmte. Dies vor Augen gelangte er in der Konsequenz auch dazu, dass die Gesellschaft eines Tages auch entscheiden werde, wann er zu sterben habe, genau wie sie entschied, wann er auf die Schule komme, wann er mit seinem Studium beginne oder wann er zur Arbeit zu erscheinen habe bzw. wann Feierabend sei.

Das Leben ist also nach Kafka eine Serie von „Aufbrüchen" in neue Lebensabschnitte. Der starke, unabhängige Mensch entscheidet selbst den Zeitpunkt und das Ziel seines Aufbruchs, der Schwächere lässt diese von einer höheren Ordnung bestimmen, was für ihn auch die Konsequenz des Verlustes seiner Persönlichkeit haben kann. In letzter Instanz sind jedoch alle Ziele nur scheinbare Zwischenetappen, auf jedes Erreichen eines Ziels muss ein neuer Aufbruch mit einem neuen Ziel folgen. In der Konsequenz ist das einzige endgültige Ziel der Tod als Endpunkt des Lebens, das damit einem lebenslangen Herumirren und einer ständigen Flucht gleichkommt, so dass es insgesamt der Aufbruch zu einer „wahrhaft ungeheuren Reise" ist, die zwangsläufig in den Tod führt. Dabei bleibt es doch eine Reise ins Ungewisse, da die Zukunft nach dem Tode spekulativ bleibt. Die Protagonisten bei Kafka scheinen den Tod jedoch bewusst zu suchen, sie brechen leichtsinnig, von blinder Ungeduld fortgetrieben auf, ohne sich im Winter warm angezogen zu haben oder ohne Essvorrat. Sie haben jeden Lebenswillen verloren, so dass die höchste Erfüllung ihres Lebensweges wahrscheinlich der sichere Tod ist, an dem ihre Ungeduld und ihre permanente, manische Flucht, die zur Qual wird, ein Ende finden. Vielleicht können innerlich so zerrissene und psychisch so belastete Menschen wie Kafka nur im Tode eine tiefe Ruhe finden, die sie im Leben, der langen Flucht vor sich und den Menschen, vergeblich gesucht haben. Ist für Kafka unter diesem Aspekt vielleicht der bewusste Aufbruch in den sicheren Tod positiver als die zahlreichen Aufbrüche, die der ruhelose Mensch in seinem Leben vollziehen muss?

3.Die Ankunft

Die „Ankunft" als Nicht-Ankunft

„Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür zur Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht, an der Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will."

(Franz Kafka: Heimkehr)

Der Titel der Erzählung „Heimkehr" kündigt ein frohes Ereignis an, die Ankunft eines Menschen, der in der Fremde war und nun zu einem Ort zurückkehrt, mit dem er sich identifiziert und an dem er sich geborgen und heimisch fühlt. Die allgemeinen Assoziationen, die ein Mensch mit „Heimkehr" verbindet, sind Umarmungen und herzliche Begrüßungen der Angehörigen, viele Fragen nach dem Verlauf der Reise und fröhliches Beisammensein im Kreis der Nahestehenden.

Diese Erwartungen erfüllt Kafka in seiner Erzählung nicht. Viele Leser werden sich enttäuscht fragen, was das für eine traurige „Heimkehr" sei.

Selbst beim heimkehrendenden Ich-Erzähler sind nicht die Gefühle zu finden, die ein Mensch, der nach Hause zurückkehrt, normalerweise hat. Kein Anzeichen der Vorfreude auf sein Zuhause und seine Familie, kein Heimatgefühl lässt er sich anmerken. Was er sieht, sind nicht etwa irgendwelche Dinge, die ihn an schöne Ereignisse seiner Kindheit erinnern; seiner nüchternen Beobachtungsgabe fallen lediglich unbrauchbare, zerstörte, zerrissene Gegenstände auf. Er kehrt nicht in sein geliebtes Heim zurück, sondern in eine verwüstete Szenerie, die ihm selbst die letzten rudimentären Illusionen eines Heims noch rauben würde. Schnell bekommt man beim Lesen den Eindruck, dass der Ich-Erzähler sich in seinem Heim gar nicht zu Hause fühlt. Unsicherheit quält ihn, Fragen schießen ihm durch den Kopf bezüglich seines Empfangs. Er hat das Gefühl, er würde stören, wenn er sich nun der Familie zeigte. Jedes Gefühl der Herzlichkeit und Geborgenheit hat er verlernt, er wähnt sich in einer bedrohlichen Atmosphäre, die er sicherheitshalber erst „von der Ferne" aus beobachten möchte. Wichtig ist ihm dabei, genug Distanz zu seinem Zuhause zu bewahren. Die Ferne symbolisiert auch die Fremde, der Ich-Erzähler ist seinem Heim entfremdet, das allegorische Bild der Heimkehr wird hier von Kafka ad absurdum geführt. Die menschliche Interaktion, selbst in der Familie, ist geprägt von Kälte, man hat Geheimnisse voreinander, auf deren Wahrung man peinlich bedacht ist. So ist es nicht verwunderlich, dass dem Ich-Erzähler die Ídentifikation mit seinem Zuhause verloren geht. Von einer Familie kann man in dem Fall im eigentlichen Sinne gar nicht sprechen, allenfalls verschärft ausgedrückt von einer Wohngemeinschaft von Verwandten. Dadurch, dass jeder seine privaten Interessen über die Familienzusammengehörigkeit stellt, wird die Heimkehr entwertet. Welche Motivation könnte der Ich-Erzähler unter diesen Umständen haben heimzukehren außer lediglich der Tradition, nach der „es eben immer schon so gewesen ist", dass der Sohn von Zeit zu Zeit die Familie besucht.

Im symbolischen, speziell im religiös-philosophischen Sinn ist Heimkehr ein metaphysisches Zurückkehren oder eine spirituelle Rückbesinnung zu einem meist positiven Grundzustand, in dem der Mensch Glück und Verwirklichung erlangt. Deswegen muss die Heimkehr das höchste anzustrebende Ziel des Menschen sein (vgl. im Christentum, Judentum und Islam folgt auf den Tod die Heimkehr zu Gott, im Buddhismus kehrt man nach dem Tod in den Grundzustand des „Nichts" zurück). Vergleicht man jedoch diese Vorstellung mit der Rückkehr des Protagonisten in „Heimkehr", so wird man feststellen, dass das Zurückkehren in das Zuhause, das sich lediglich aufgrund der Tradition als solches legitimiert, keine richtige Heimkehr ist, weil sich ihm kein Heim im eigentlichen Sinn präsentiert. Sie ist das Ende einer Reise ohne ein Ziel, das zu erreichen nicht der wahren Überzeugung des Reisenden entspringt.

Auch in den Protagonisten dieser Erzählung projiziert Kafka seine eigene Psyche. Der Autor selbst war aufgrund der lieblosen, kalten und autoritären Erziehung seiner Familie seinem Zuhause recht bald entfremdet. Mit dem Zuhause als Ort der Identifikation verlor er auch das Gefühl der Geborgenheit, schutzlos fühlte er sich der bedrohlich erscheinenden Umwelt ausgesetzt. Auf seiner lebenslangen Flucht vor den Mitmenschen und der Konfrontation mit dem eigenen Selbst suchte er ständig nach einem neuen „Zuhause", in dem er sich sicher fühlen und Frieden finden könne. Er versuchte es zu finden bei Frauen wie Felice Bauer oder Milena Polak, mit denen er Verhältnisse hatte, doch leider vergebens, was er nach der dritten gescheiterten Verlobung mit Felice einsah. Notgedrungen griff er auf das zurück, was traditionell begründet sein Zuhause sein sollte, sein Elternhaus. Mit dieser scheinbaren Akzeptanz, die nicht auf Überzeugung basierte, belog er sich jedoch selbst. Niemals konnte er sich dort wohl fühlen oder gar Frieden finden. Dadurch steigerte er lediglich seine innere Zerrissenheit; sein Leben musste zwangsläufig zu einem Herumirren werden, da er kein Zuhause als Ziel hatte, das zu erreichen sich in seinen Augen gelohnt hätte; zu allem Überfluss konnte er sich diese Tatsache nicht einmal selbst ehrlich eingestehen, sondern schaffte sich mit seinem eigentlich verhassten Elternhaus ein „Scheinzuhause". Jede Heimkehr Kafkas in sein Elternhaus musste also der Rückkehr des Protagonisten in „Heimkehr" ähneln. Die Heimkehr mutet in diesem Fall nicht als Erreichen des endgültigen Zieles einer Reise an, sondern als eine „Zwischenstation" bei Bekannten, die der Reisende auf der Durchreise aufsucht, denn das Erreichen eines endgültigen Zieles, das der inneren Überzeugung entspringt und für das man gekämpft und die Strapazen einer Reise auf sich genommen hat, wäre von anderen Emotionen begleitet. Unsicherheit stellt sich nur ein, wenn der Mensch von der Richtigkeit seines Handelns für sich und die Allgemeinheit nicht überzeugt ist, wenn das Handeln halbherzig geschieht.

Doch was kann denn das endgültige Ziel überhaupt noch sein, wenn es nicht einmal das eigene Zuhause ist? Diese Frage lässt Kafka offen, es ist anzunehmen, dass er es selbst nicht kannte. Eine Heimkehr kann es nur geben, wenn es ein Zuhause gibt, das der Mensch bedingungslos als solches akzeptiert, deswegen wird sie durch das Empfinden des Protagonisten und die Gleichgültigkeit der Famile eigentlich negiert; ein trauriges Bild entsteht: der Ich-Erzähler hat eine lange Reise auf sich genommen, um heimzukehren und trifft am Ende der Reise auf die zerstörte Idylle seiner Illusionen, indem er erkennt, dass das nicht das Ziel seiner Reise sein kann. Deswegen wird der ganze Vorgang der Ankunft an seinem Ziel negiert, da er sein Zuhause nicht als das vorgestellte Ziel erkennen kann. Die Ankunft wird in trauriger Weise zur Nichtankunft, zum Nicht-Ankommen-Können, da das Ziel der Reise gar nicht existent ist. Doch damit charakterisiert Kafka nicht nur sein physisches Nicht-Ankommen-Können an einem Ziel wie dem Zuhause, sondern auch sein geistiges Nicht-Erreichen-Können. Niemals konnte er nämlich seine geistige Verwirklichung, das Finden eines eindeutigen Lebensziels und -sinns und die Bejahung seiner selbst erreichen. Geplagt von quälenden Selbstzweifeln und paranoiden Verfolgungsängsten jagte er stets dem geistigen Heim, dem Zeitpunkt und Ort des inneren Friedens nach und musste mit der Erfahrung enden, dass er seinen zerrissenen Geist nie würde einen können.

Die Ankunft als selbstverschuldete Nicht-Ankunft

Generell kann der Mensch in Kafkas Literatur sein Ziel nie erreichen, lebenslang wird er sich auf dem Weg befinden und es herumirrend suchen, nur um irgendwann resigniert feststellen zu müssen, dass das Ziel nie erreichbar sein wird, wie Kafka das im Laufe seines Lebens leidvoll feststellen musste. Der Landarzt in der gleichnamigen, vorher schon vorgestellten Erzählung erkennt, dass „er niemals so nach Hause komme", nämlich unbekleidet und ohne Kontrolle über die Pferde. Doch diese Misere hat er seiner eigenen Ungeduld zu verdanken, die das Treffen geeigneter Vorkehrungen verhindert hat. Der Landarzt wird damit zum Opfer seiner eigenen menschlichen Schwäche, die sein Leben zu einem Herumirren macht. Nur sekundär tragen die Patienten die Schuld an seinem Scheitern auf dem Weg, indem sie ihm in seiner misslichen Lage nicht helfen, denn die Grundursache dafür liegt eindeutig bei ihm.

Die Ankunft der Maus am Ende der Parabel „Kleine Fabel" trägt ähnliche Züge. Die Maus wird von einer unbegründeten Unruhe getrieben. Anfangs fürchtet sie die Totalität der Welt, die sie nicht ergründen kann, da sie zu groß und zu komplex ist. Doch was der Mensch nicht versteht und in seinen klar umrissenen Grenzen erkennen kann, fürchtet er, da es ihm unberechenbar und somit überlegen erscheint. Deswegen macht sich die Maus auf den Weg, um in einen überschaubaren Bereich der Welt zu gelangen, in dem sie sich wohlfühlen kann. Doch als Konsequenz daraus muss sie zwangsläufig in die Ecke laufen, die Überschaubarkeit wird schnell zur Enge, sie hat einen hohen Preis. In der Sackgasse, vor sich die Mausefalle, ist die Maus schließlich wehrlos der Katze hinter sich ausgeliefert, die sie frisst.

Die Maus trägt in jedem Falle die Alleinschuld an ihrem frühen Tod, da sie aufgebrochen ist, um in einen klar eingegrenzten Teil der Welt zu gelangen, den sie verstehen kann, auch auf die Gefahr der tödlichen Einengung hin, die ihr wohl bewusst sein müsste. Wie viele andere Menschen auch hat sich Kafka vor der Totalität der Welt gefürchtet. Es fällt dem zivilisierten Menschen mit dem Selbstverständnis als Krone der Schöpfung schwer, die Welt in ihrer Ganzheit als höchste Instanz zu akzeptieren, da er nicht akzeptieren kann, was er nicht versteht. Als Folge daraus flüchtet er aus einem natürlichen Leben in Freiheit in die Enge der Zivilisation, der er angehören und sich unterordnen will. Er möchte dabei eine, wenn auch nur kleine, überschaubare Aufgabe an der Menschheit erfüllen, um seinem Leben einen Sinn zu verleihen. Zuerst gibt die Gesellschaft ihm das Gefühl der Geborgenheit und der Überschaubarkeit, doch irgendwann erkennt der Mensch nach Kafka, dass die Bürokratie und Konventionalität der Gesellschaft den Menschen immer mehr einengen und seiner Freiheit berauben und dass die Aufgabe nur dazu dient, diese Bürokratie am Leben zu erhalten, dass damit nicht der Menschheit an sich gedient werde. Deswegen kann er in der Enge der Zivilisation niemals das Ziel der eigenen Verwirklichung und Sinnfindung erreichen, niemals wird er am Ziel eines erfüllten Lebens ankommen, sondern er wird auf dem Weg in den Mühlen der bürokratischen Gesellschaft untergehen. Da der Mensch jedoch aus eigenem Willen die Enge der Gesellschaft gewählt hat, hat er das Scheitern seines Lebens selbst zu verantworten. Selbst die Bürokratie, die ihn letzten Endes scheitern lässt, ist ein Produkt menschlicher Organisation, der Mensch schaufelt sich damit sein eigenes Grab. Diese Erkenntnis begründete Kafkas eigenes Verzweifeln an der Menschheit, die dann in Hass umschlug, da er glaubte, sie trage die Schuld daran, dass er niemals an einem lohnenswerten Ziel im Leben ankomme.

Dieses Motiv verarbeitet er auch in der Parabel „Vor dem Gesetz" und in seinem großen Roman „Das Schloss". In „Vor dem Gesetz" wartet ein „Mann vom Lande" darauf, Einblick in das Gesetz als Repräsentanten der Bürokratie zu erlangen. Er wird dabei während seines ganzen Lebens von einem Türhüter daran gehindert und verwendet so all seine Lebenszeit darauf, auf den Zeitpunkt der Einsicht in das Gesetz zu warten. Dabei hindert der Türhüter ihn nicht mit physischer Gewalt am Eintreten in das „Gesetz", sondern nur mit großen Worten, die den einfach gestrickten Mann beeindrucken. Dieser ist also zum großen Teil selbst daran schuld, dass er sein Ziel nie erreichen wird, denn warum geht der „Mann vom Lande" nicht einfach am Türhüter vorbei, ohne sich von dessen Worten beeindrucken zu lassen? Nie in seinem Leben erreicht er mit seiner Unterordnung dieses Ziel, er stirbt, die mächtige Burg der Bürokratie hat seiner lebenslangen Belagerung standgehalten.

Das Bild der Burg ist auch Mittelpunkt des Romans „Das Schloss" von Franz Kafka. Der Landvermesser K. (Kafka?) kommt in ein Dorf, in dem er übernachten möchte. Es wird ihm gesagt, er müsse dazu bei einer höheren Instanz anfragen, dem Schloss, einer Institution, in der eine chaotische Bürokratie von Beamten herrscht, die sich so weit verselbstständigt hat, dass niemand das Handeln, das von dem Schloss ausgeht, noch überblicken und verstehen kann. Abwechselnd wird dementiert und bejaht, dass K. als Landvermesser angefordert worden sei, bis K. schließlich endgültig mitgeteilt wird, dass er bleiben und seine Arbeit beginnen könne; er unterstehe dabei dem Gemeindevorsteher. Nun könnte er zufrieden sein und sich seiner Arbeit widmen, er kann im Dorf bleiben, er hat sein gestecktes Ziel erreicht. Doch warum beginnt er nun nicht zu arbeiten? Warum verwendet er nun die meiste seiner Zeit darauf, die Geschichten der Dorfbewohner über das Schloss anzuhören, um mehr über diese seltsame Institution zu erfahren? Warum will er den Kampf mit dem Schloss aufnehmen?

In „Vor dem Gesetz" und „Das Schloss" gibt Kafka einen neben der Ungeduld, zweiten menschlichen Zug vor, der ein Erreichen des Lebenszieles unmöglich macht: das Streben nach Wahrheit. Ein Mensch wie Kafka kann seinen Platz im Leben nicht finden, wenn er nicht die volle Wahrheit seiner Umgebung erkannt hat; das Motto könnte lauten: erst erkennen, dann leben. Da die Welt aber aus einer Vielzahl komplexester Facetten und Kausalzusammenhänge besteht, wird es dem Menschen niemals möglich sein, innerhalb eines irdischen Lebens die volle Wahrheit zu erkennen. Deswegen sucht sich die Maus in „Kleine Fabel" als Lebensraum eine enge Ecke, von der sie die ganze Wahrheit zu verstehen glaubt: sie ist die plötzliche Erkenntnis des sicheren Todes, vor dem es kein Entrinnen gibt. Diese Wahrheit hat Kafka auch in seinem Leben gefunden, so dass er jeglichen Traum von einer Ankunft durch ein Nicht-Ankommen-Können ersetzen musste, da der Tod der Verwirklichung des Menschen zuvorkomme. Statt dass also „K." oder der „Mann vom Lande" den unendlichen Raum um sich als Lebensraum voller Geheimnisse und Unerforschbarkeit akzeptieren und ihrem Leben eine Aufgabe verleihen, widmen sie ihr Leben einer sinnlosen Wahrheitssuche, so dass sie nach einem unerfüllten Leben erschöpft untergehen, ohne jemals an ihrem Ziel, der Erkenntnis, angekommen zu sein. Sie teilen letzten Endes die Erschöpfung Kafkas, die von seiner eigenen aufreibenden, aber vergeblichen Wahrheits- und Sinnsuche in der Welt des „Schlosses", einer Welt, beherrscht von Oberflächlichkeit und Bürokratie, stammt.

Die Ankunft als fremdverschuldete Nicht-Ankunft

Die Ungeduld und das Streben nach Wahrheit statt der Akzeptanz sind bei Kafka die menschlichen Schwächen, aufgrund derer die Ankunft des Menschen an einem Lebensziel scheitert. Doch trägt der Mensch selbst nicht die Alleinschuld daran, ein mehr oder weniger gewichtiger Teil Fremdverschulden liegt in jedem Scheitern bei Kafka vor. In „Der Landarzt" treiben den Mediziner neben seiner eigenen Ungeduld auch die gespenstische Atmosphäre, die der Chor der Schulkinder, die Familie des Kranken und die Dorfbewohner verbreiten, schnell von dem mysteriösen Ort des Geschehens fort. Außerdem hätte sich die ganze Reise erübrigt, wenn der Landarzt nicht zu einem Patienten gerufen worden wäre. Auch die „unirdischen Pferde", die sich nicht von dem Mediziner lenken und kontrollieren lassen, tragen am Ende zur Katastrophe bei. Schließlich bleiben noch die Dorfbewohner, die ihn nicht aus seiner misslichen Lage befreien, indem sie die Pferde anhalten, ihm seinen Pelz bringen oder ihm richtig auf das Pferd zu steigen helfen. In „Vor dem Gesetz" trifft nicht nur den „Mann vom Lande", der sein ganzes Leben ohne Eigeninitiative mit Warten verbringt, Schuld am Scheitern der Suche nach Wahrheit und Sinn, sondern auch den Türhüter, der den Mann am Eintreten hindert und somit die Überlegenheit der Bürokratie durch die Kenntnis um ein Geheimnis wahrt. Die Katze hindert in letzter Instanz die Maus in „Kleine Fabel" am Erreichen ihres gesteckten Zieles, indem sie sie tötet, bevor sie ihre „Reise" vollenden kann.

In diesen Werken halten sich Selbstverschulden und Fremdverschulden ungefähr die Waage. In der Erzählung „Eine kaiserliche Botschaft" und in dem Roman „Der Prozess" steigert sich das Fremdverschulden auf Kosten der eigenen Verantwortung bis zu einem erschreckenden Maximum. In „Eine kaiserliche Botschaft" bricht ein Bote vom kaiserlichen Palast mit einer Botschaft an den Menschen auf. Doch schnell ist abzusehen, dass er sein Ziel niemals erreichen wird, obwohl er alle Voraussetzungen zur Vollendung des Auftrages erfüllt: er ist kräftig, schnell und unermüdlich. Dennoch ist der Weg zu weit. Nach jeder gewonnenen Etappe und jedem erreichten Zwischenziel wartet ein neues Wegstück, das zu überwinden ist. Dabei wird die Reise unendlich lang, wobei sie wohl irgendwann mit dem Tod des Boten unterwegs ein jähes Ende finden wird. Die Reise des Boten entspricht Kafkas Vorstellung vom menschlichen Leben. Der Mensch kämpft sein Leben lang, um auf dem Weg des Lebens vorwärtszukommen, doch nach jedem erreichten Zwischenziel stellen sich dem Menschen neue Herausforderungen von Seiten der Mitmenschen oder aus ihm selbst heraus, so dass er letzten Endes nie ein Ziel in seinem Leben erreichen kann, da ihm immer neue Steine in den Weg gelegt werden. Dabei macht Kafka auch häufig die Kürze des Lebens dafür verantwortlich, die ihm immer wieder erschreckend bewusst wurde. Sie ist auch der Grund dafür, dass der Protagonist in „Gibs auf!" so stark erschrickt, als er die vorgerückte Stunde bemerkt, in der ihm bewusst wird, dass seine physische Uhr, die durch die Turmuhr repräsentiert wird, vielleicht schneller ablaufe als seine innere Uhr, so dass der Tod die sinnvolle Vollendung seines Lebensweges vorzeitig beende, was ihn zur Eile animiert. Kafka spricht diese Furcht in der Erzählung „Das nächste Dorf" konkret an. Dort erzählt der Großvater, dass er nicht begreife, wie ein junger Mann im Laufe seines Lebens ins nächste Dorf aufbrechen könne, ohne zu fürchten, dass das Leben für einen solchen Ritt gar nicht lang genug sei. Diese Furcht Kafkas sollte sich an ihm selbst bestätigen, als sein Leben nach 41 Jahren durch einen qualvollen Tod jäh unterbrochen wurde. Die übertriebene Länge der Reise ans Ziel und der vorzeitige Tod sind also wichige Faktoren der Fremdverschuldung am „Nicht-Ankommen-Können" des Menschen.

In seinem Roman „Der Prozess" stellt Franz Kafka einen weiteren Grund dafür vor: die Bürokratie. Ohne ein Verbrechen begangen zu haben, wird der Protagonist Josef K. eines Tages verhaftet und vor Gericht gestellt. Nun nimmt das Verderben für ihn seinen Lauf. Die Bürokratie hat sich nämlich, wie im Schloss, verselbstständigt, so dass nun niemand mehr Einfluss auf das Geschehen dieses imaginären Prozesses hat. Einen Prozess im eigentlichen Sinne gibt es dabei nämlich nicht. Dennoch endet der Roman mit einem ohne jegliche Begründung ausgesprochenen Todesurteil für Josef K., dessen Vollstreckung im Kapitel „Der Aufbruch" schon beschrieben ist. Der Lebensweg des Josef K. endet vor der natürlichen Vollendung, verschuldet duch die unkontrollierbare Bürokratie. Es gibt dabei für Josef K. keine Möglichkeit des Entrinnens aus diesem teuflischen „Prozess", er wird zum Spielball der allmächtigen Bürokratie, so dass er nie am Ziel eines erfüllten Lebens ankommen kann, da er nicht mehr selbst die Macht über dieses Leben hat.

4.Die Motive des Aufbruchs und der Ankunft bei Kafka und anderen Autoren im Vergleich

Die Motive des Aufbruchs und der Ankunft wurden schon bald in religiöser oder philosophischer Weise mystifiziert und bekamen so im Lauf der Jahrhunderte und abhängig vom Kulturkreis, in dem sie verwendet wurden, die verschiedensten Symbolgehalte.

Während Kafka häufig die Ankunft am ersehnten Ziel durch den vorzeitigen Tod vereitelt sieht, bedeutete im südostasiatischen Kulturkreis schon 600 Jahre vor Christi Geburt gerade der Tod das Ziel der langen Lebensreise. Lao-Tzu schreibt im 33. Kapitel seines Werkes Dao-De-Jing: „Wer seinen Ort nicht verliert, wird nicht untergehen. Wer stirbt, ohne sich selbst aufzugeben, bleibt ewig ein Teil des Lebens." Dabei ist das Leben gleichgesetzt mit der Fortführung irdischen Leidens. Hier findet sich also das genaue Gegenstück zu Kafkas Motivik. Dieser strebte es als höchstes Ziel an, „seinen Platz im Leben" zu finden, was mit Selbstverwirklichung gleichgesetzt werden kann. Im Gegensatz dazu fordert Lao-Tzu, dass sich der Mensch mit zunehmendem Alter mehr aus dem Leben zurückziehen und nach nichts mehr streben solle. Er soll sich und das Suchen nach Sinn ganz aufgeben, nicht zu neuen Zielen aufbrechen, was Kafka als einzigen Lebensinhalt sieht. Nur so kann der Mensch voll untergehen, ohne ein Teil der von Leiden gekennzeichneten irdischen Welt zu bleiben. Das höchste anzustrebende Ziel, an dessen Ende das unendlich leichte Nichts steht, ist kein konkretes Ziel, sondern der Weg selbst, das „Dao". Der Mensch muss jeden suchenden Blick über den Wegesrand unterlassen, kein Etappenziel ins Auge fassen, da sonst nach dem Erreichen wie bei Kafka ein neues Wegstück beginnt und die Reise so zu einer endlosen Reise wird, bei der das endgültige Ziel doch nie erreicht werden kann. Deswegen soll sich der Mensch gar kein solches Ziel suchen, dann wird es keine Enttäuschung und Resignation geben und er muss nicht nach jedem Etappenziel rastlos neu aufbrechen. Dadurch lebt er ein bewusstes Leben und keine lebenslange Flucht , die in Mutlosigkeit und Erschöpfung endet.

In der griechisch antiken Mythologie war der Aufbruch immer mit einer bestimmten, oftmals schwierigen Aufgabe verbunden, man brach auf, um Kriege zu führen, um gegen Ungeheuer zu kämpfen, die das Volk bedrohten oder weil der Lebensraum nicht mehr für alle reichte, niemals aber nur aufgrund von Unzufriedenheit mit den herrschenden Lebensumständen, um in einer ungewissen Zukunft eventuell ein besseres Leben führen zu können. Diese Flucht wäre auch deswegen sinnlos, da nach griechischer Auffassung sowieso das ganze Leben und Schicksal schon vorgezeichnet war und der Mensch so seinem Schicksal nicht entkommen konnte. Ein Mann in der Literatur, der dies dennoch versuchte, König Ödipus, wird nach Sophokles bitter dafür bestraft. Er will nicht, wie ihm das Orakel vorausgesagt hat, seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Deswegen zieht er aus seiner Heimatstadt Theben fort. Dennoch tötet er seinen Vater unterwegs unwissentlich. Die nachfolgende Heimkehr hat nur die Funktion, sein tragisches Schicksal zu vollenden. Er kehrt nur zurück, um, ebenfalls unwissentlich, seine Mutter zu heiraten, also damit sich das fatalistische Geschick vollständig erfüllen kann. Normalerweise hat die Heimkehr in der griechischen Mythologie keine solch tragische Funktion, sie ist ein freudiges Ereignis, da sie das Ende einer gefährlichen Reise zur Erfüllung einer Aufgabe darstellt. Sie ist das endgültige, höchste Ziel einer Reise. Der Aufbruch ist also nach dieser Vorstellung eine Pflicht, die Heimkehr die Belohnung für deren Erfüllung.

Jahrhunderte später finden sich im Mittelmeerraum andere, ähnliche Aufzeichnungen, die diese Motive enthalten und im krassen Gegensatz zur anfangs erwähnten Auffassung des Daoismus stehen: die Bibel. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn bricht ein junger Mann von zu Hause ähnlich wie bei Kafka in eine ungewisse Zukunft auf, um für sein Leben einen adäquaten Inhalt zu suchen. Nach dem kläglichen Scheitern seiner gewählten Lebensführung kehrt er reumütig nach Hause zurück. Keine Zweifel plagen ihn, zu Hause bei seinem Vater noch willkommen zu sein, obwohl er sein gesamtes Geld verprasst hat, da er sich immer wieder auf sein wahres Zuhause rückbesinnt, mit dem er sich identifiziert und dem er volles Vertrauen schenkt, während der Ankommende in Kafkas „Heimkehr", ohne dass erwähnt wird, ob er sich etwas zuschulden kommen lassen hat, von Zweifeln, Fragen und Unsicherheit innerlich regelrecht zerrissen wird, da er nicht von der Funktion seines Heims als Stätte der Geborgenheit und Akzeptanz übezeugt ist. Auch die Ankunft selbst unterscheidet sich deutlich. Mit offenen Armen empfängt der biblische Vater seinen „verlorenen Sohn", eilt ihm sogar entgegen, nimmt ihn wieder auf und feiert ein Fest wegen seiner Wiederkehr. Bei Kafka wartet niemand, kein Mitglied der Familie empfängt den Heimkehrer, alle Angehörigen wahren ein Geheimnis vor ihm, die Szene wird nicht wie in der Bibel von Offenheit, sondern von Distanz beherrscht. Deswegen kann man bei Kafka im Gegensatz zur Bibel nicht von einer Heimkehr sprechen, da sich dem Heimkehrenden überhaupt kein Heim bietet und da er sein Ziel der Wiederaufnahme nicht erreicht.

Bei Goethe taucht eine Figur auf, die mit Kafka in vieler Hinsicht seelenverwandt ist: der junge Werther. Innerlich zerrissen durch seine stürmische und drängende Jugend und die unmögliche, fanatische Liebe zu einer Frau, die bereits mit einem anderen Mann, Albert, verlobt ist, hat er wie Kafka seinen Platz im Leben nicht gefunden. In seinem Leben, das eine schwärmerische Flucht vor der desillusionierenden Realität und sich selbst darstellt, jagen sich Aufbruch und Ankunft. Wie Kafka hat er kein eigentliches Zuhause, so dass sein Leben einer permanenten Durchreise ähnelt. Jeder Aufbruch ist insofern eine Flucht vor der Realität, als Werther selbst sagt: „Albert ist angekommen und ich werde gehen;" Er reist nämlich nur deswegen ab, weil er nicht ertragen kann, dass Lotte, seine Geliebte, mit Albert verlobt ist und er die beiden nicht zusammen sehen will. Somit richtet er Aufbruch, aber auch Ankunft, nach der Anwesenheit Alberts aus, denn er reist dann zu Lotte und freut sich der Ankunft, wenn Albert fort ist und er Lotte für sich hat. Dieses Leben, der permanente Wechsel von Aufbruch und Ankunft, diese ewige Flucht lässt Goethe in einer Katastrophe, dem Selbstmord Werthers, enden, der dem Verfolgen des Ziels, der Liebe Lottes, ein jähes vorzeitiges Ende setzt, da der Mensch nicht bis zum natürlichen Tod ein volles Menschenleben lang eine solche Flucht vor der Realität durchhalten kann.

Das Ankunftsmotiv in Fjodor Dostojewskijs „Der Großinquisitor" könnte den Protagonisten von Kafkas „Heimkehr" Hoffnung schöpfen lassen. In diesem Exzerpt aus dem Roman „Die Brüder Karamasov" erzählt Iwan Karamasov seinem Bruder Aloscha eine Geschichte, die er sich ausgedacht hat: Jesus kommt im schwärzesten Mittelalter, einer Zeit der Folter und inquisitorischen Willkür, auf die Erde zurück, um das dortige Geschehen zu beobachten. Obwohl er sich nicht zu erkennen gibt und sich unters Volk mischt, ohne auf sich aufmerksam zu machen, erkennt ihn doch das ganze Volk. Der Mensch muss bei seiner Neuankunft in der Zivilisation nur bescheiden sein und die Akzeptanz der Mitmenschen nicht um jeden Preis zu erlangen suchen, dann wird er genau diese Akzeptanz erfahren. Insofern bliebe also dem Ich-Erzähler aus „Heimkehr", der sich nicht gleich ins familiäre Geschehen drängt, und Kafka selbst, dem zurückhaltenden, unsicheren Menschen, Hoffnung, die Aufnahme in die familiäre bzw. menschliche Gemeinschaft zu erlangen. Bei Dostojewskij wird Jesus direkt nach seiner Ankunft vom Großinquisitor gefangen genommen, da die Kirche nun eigene Wege gehe und Jesus dabei als „wandelnder Anachronismus" nur störe. Nach langem Gespräch und der Ankündigung der Hinrichtung Jesu auf dem Scheiterhaufen nimmt das Geschehen eine weitere Wendung, die den Großinquisitor dazu veranlasst, Jesus freizulassen. In diesem Falle ist der folgende Aufbruch Jesu ein Aufbruch aus der Gefangenschaft, die mit dem nahen Tod verbunden ist, in die ewige Freiheit. Diese Art von Aufbruch entspricht genau Kafkas Idealvorstellungen, nur ließe sie sich nach Kafkas eigenen Erfahrungen und seiner Literatur zufolge, wie schon erötert, nicht verwirklichen.

Bei Nietzsche schillern diese beiden Motive in den verschiedensten Facetten, sie spielen in seiner Philosophie eine Schlüsselrolle. Zarathustra, der Protagonist seines Werkes „Also sprach Zarathustra", muss, um seine geistige und prophetische Vollendung zu erreichen, mehrmals in die Einsamkeit aufbrechen, um sich erst selbst zu finden, bevor er seine Ziele zu verwirklichen sucht. Genau diese vorgeschaltete Selbstfindung blieb bei Kafka aus, sehr früh spaltete sich aus seiner homogenen Persönlichkeit das Über-Ich ab und dominierte sein Verhalten, das somit nicht seiner Überzeugung entsprang. Aus dieser Einsamkeit kehrt Zarathustra mit immer größerer geistiger Kraft zurück, sein Ziel sind dabei die Menschen. Das höchste Ziel des Menschen muss, wie Zarathustra propagiert, sein, dass er „zu Grunde gehe". In diesem Begriff ist eine Ambivalenz verwurzelt. Es steckt das Wort „gehen" darin, das auf eine Reise hindeutet, die mit einem Aufbruch des Menschen selbst beginnen muss, das bedeutet, dass der Mensch die Richtigkeit dieses Tuns selbst zu erkennen gezwungen ist und diesen Prozess aus eigenem Antrieb einleiten muss. Dann kann „zu Grunde gehen" bedeuten, dass der Mensch den ihn umgebenden Gesetzen und Einflüssen seiner Umwelt auf den Grund geht und sie verstehen und so akzeptieren lernt. Zugrunde gehen kennt man heute noch als Synonym für „sterben". Ganz so stark ist der Ausdruck bei Nietzsche nicht aufzufassen, er predigt keine Weltflucht. Dieses zugrunde gehen ist ein Absterben des zivilisierten Menschen mit all seinem Wissen, seiner Bildung und seiner heuchlerischen Moral, die ihn in ein Zusammenleben voller Selbst- und Fremdtäuschung, Oberflächlichkeit und Unehrlichkeit führt. Es ist also der Weg zu sich selbst, fort vom Diktat der Gesellschaft. Der Mensch muss weise, nicht gebildet sein, er muss „werden wie der unbehauene Holzklotz". In dieser Aussage bemerkt man den Einfluss der chinesischen Philosophie, der über Schopenhauer Nietzsche erreichte. Genau diese einfache Weltvernunft hat Kafka nie erreicht. Obwohl er die Gesellschaft hasste, suchte er immer wieder ihre Akzeptanz, statt sich zurückzuziehen und seinen Weg selbst zu gehen. Wäre er so einfach gewesen wie der „unbehauene Holzklotz", so hätte er Aufbruch und Ankunftsziele selbst bestimmen können und hätte sie nicht durch Familie und Gesellschaft vorgeben lassen müssen. Dann hätte er auch nicht ständig fürchten müssen, dass der Tod ihn vor dem Erreichen seines endgültigen Lebenszieles ereile, da der Weg selbst schon das Ziel wäre, bereit, jederzeit zu enden.

Eine wichtige Rolle spielt das Motiv des Aufbruchs in den expressionistischen Gedichten der Jahrhundertwende. Immer wieder ist vom Aufbruch in ein neues Zeitalter die Rede. Doch müsse der Mensch ihn selbst aktiv vollziehen, um das vergangene in Ideen und Lebensstil überholte Zeitalter hinter sich zu lassen und ein neues Zeitalter mit höherem Bewusstsein zu erreichen.

„Zögernd trat ich den Heimweg an, schlug den Mantelkragen hoch und stieß den Stock aufs nasse Pflaster. Mochte ich den Weg noch so langsam zurücklegen, allzubald würde ich wieder in meiner Mansarde sitzen, in meiner kleinen Scheinheimat, die ich nicht liebte und doch nicht entbehren konnte." Dies ist die Tagebucheintragung Franz Kafkas vom 19. September 1926 - oder sie könnte es zumindest sein.

In Wahrheit entstammt die Textstelle Hemann Hesses Roman „Der Steppenwolf". Der Protagonist des Werkes, Harry Haller (H.H.- Hermann Hesse!?), zeigt große Ähnlichkeit mit Kafka auf, wie sich an dieser Textstelle leicht verdeutlichen lässt. Die Heimkehr ähnelt stark der gleichnamigen Erzählung Kafkas, nur dass Harry Haller seine Situaton absolut ehrlich, desillusioniert und entlarvend schildert, er hat Distanz dazu gewonnen, was man aus der leichten Selbstironie erfahren kann, während Kafkas Protagonist sich selbst belügt und in Fragen verharrt. Keine der Kafkaschen Figuren kann objektiv ihre Lage einschätzen, Josef K. glaubt in „Der Prozess" , dass alles nur ein Missverständnis sei, bis er tatsächlich getötet wird. Wie Kafka erkennt Haller, dass sein Heim gar kein Zuhause im eigentliche Sinn ist, da er sich nicht damit identifiziert, dass er es aber dennoch nicht entbehren kann, da er irgendwo wohnen und sich in die Gesellschaft eingliedern muss, auch wenn er sie verachtet.

Auch Camus, der große existentialistische Autor, sah viele Parallelen zwischen seiner Philosophie und dem Werk Kafkas. In seinem Werk „Der Mythos des Sisyphos" beschreibt er den „Menschen, der in einer absurden Welt auf sich selbst zurückgeworfen dennoch durchhalten müsse". Diesen Gedanken fand er in Kafkas Motiv von der permanenten, kontinuierlichen Flucht, in der ein Aufbruch den nächsten jagt und auf der es kein Verharren an einem Punkt gibt; der Mensch ist dazu verurteilt, in einem sinnlosen, ewig repetierenden Zyklus immer wieder aufzubrechen, bis der Tod ihn davon erlöse. Die Flucht müsse der Mensch deswegen antreten, um seinen Mitmenschen zu entkommen, die seine ärgsten Konkurrenten und Feinde seien. Er müsse sich sein Sein fern von ihnen aufbauen, da die nahe Existenz eines anderen die eigene gefährde. Damit erklärt er auch Kafkas misanthropische und pessimistische Grundeinstellung. Camus zufolge ist das ganze Leben ein Existenzkampf, dessen einziges Ziel das Überleben sei. Aufgrund dieser Überlegung fiel es ihm leicht, Kafkas Furcht vor dem frühen Tod zu verstehen, da er das Erreichen dieses Ziels per se vereitele. Kafkas krampfhafte Suche nach Azeptanz durch die Gesellschaft deutete er als Versuch, der kategorischen Negation der Welt zu entkommen, den er selbst auch unternahm und der ihn Sartre mehr und mehr entfremdete.

Wie die Vorstellungen der Funktion von „Aufbruch" und „Ankunft" bei verschiedenen Autoren deutliche Unterschiede aufweisen, so hat jeder Mensch sein eigenes Bild von diesen Motiven. Doch wäre es nicht sinnvoll, die negative Seite weitgehend zu minimieren und jedem Aufbruch und jeder Ankunft den Charakter einer neuen Chance zu verleihen, gerade in einer Zeit, in der es immer mehr psychisch überstrapazierte Menschen wie Kafka selbst gibt?

Literaturverzeichnis

Die Bibel; Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 1980

Binder, Hartmut (Hrsg.): Kafka-Handbuch; Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1979

Binder, Hartmut: Kafka-Kommentar; Winkler Verlag, München 1976

Dostojewskij, Fjodor: Der Großinquisitor, Reclam, Ditzingen 1997

Hesse, Hermann: Der Steppenwolf; Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Berlin 1974

Hubbert, Joachim: Metaphysische Sehnsucht, Gottverlassenheit und die Freiheit des Absurden; Universitätsverlag Dr. N. Brockmeyer, Bochum 1995

Kafka, Franz: Sämtliche Erzählungen; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1970

Kafka, Franz: Das Urteil; Fischer Bücherei, Frankfurt am Main

Kafka, Franz: Briefe 1902- 1924, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1950

Kafka Franz: Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlass, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1950

Kafka, Franz: Brief an den Vater, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1983

Kafka, Franz: Der Prozess, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1979

Kafka, Franz: Tagebücher 1910-1923; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1976

Goethe, Johann Wolfgang: Die Leiden des jungen Werther; Reclam, Ditzingen 1997

Lao-tse: Tao-Tê-King; Reclam, Ditzingen 1997

von Liebenau, Ferdinand/ Schönberger, Margit(Hrsg.): Anekdoten von A-Z; Orbis Verlag, München 1991

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra I-IV; Deutscher Taschenbuchverlag, München/ Walter de Gruyter, Berlin/New York 1993

Sophokles: König Ödipus, Reclam, Ditzingen 1989

Storm, Theodor: Der Schimmelreiter; Reclam, Ditzingen 1995

Wagenbach, Klaus: Kafka; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1964

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