Der sogenannte Wasserschaden in der Aula des Scheffel-Gymnasiums.


    Im Sommer 2018 haben alle Scheffelianer zur Kenntnis genommen, dass sich die Aula
    unserer Schule verwandelt hat. Plötzlich war die Aula bevölkert von Menschen, die mit dem
    eigentlichen Schulbetrieb nicht zu tun hatten. Die einen waren bewaffnet mit spitzen
    Werkzeugen, andere mit Laptops. Bisweilen stand eine ganze Gruppe von Personen im Kreis
    und schauten gebannt auf die eine oder die andere Stelle im Fußboden. Was war geschehen?
    War es eine alte Bausünde oder ein Wink des Schicksals?

    Tatsache ist, dass ein nicht alltägliches Naturereignis sich in der Aula abspielte. Das Element
    Wasser hat sich erdreistet den von Menschen geschaffenen Betonboden zu unterlaufen,
    langsam zu zersetzen, ihn aufzulösen und ihn peu à peu mit sich fortzutragen.
    Zur Zeit der Römer hätte ein findiger Statthalter die Schule zu einer römischen Badeanstalt
    umgestaltet. Man stelle sich vor, die Schüler hätten beim Betreten des Gebäudes zuerst ein
    Warm- dann ein Kaltbad genossen, um sich dann in den höher gelegenen Stockwerken den
    schulischen Aufgaben zu widmen. Nicht nur die Körper, auch der Geist der Schüler und
    Lehrer hätten einen sich gegenseitig erfrischenden Eindruck hinterlassen. Schade eigentlich,
    dass das Wasser erst gegen Ende der Landesgartenschau seinen Anspruch auf
    Aufmerksamkeit und Respekt so offensichtlich manifestierte. Hätte sich das Wasser unserer
    Schule in die Vorbereitungszeit der LGS ergossen, hätte die Metamorphose unserer Aula zu
    einer römischen Therme die Chance gehabt, nicht nur zur Hauptattraktion der LGS zu
    werden, sondern sich zu einem Vorzeigemodell einer innovativen Form zeitgemäßer
    Pädagogik zu entwickeln gemäß dem römischen Motto „Mens sana in corpore sano“.
    Mache haben den Wasserfund als unglückliche Fügung des Schicksals bedauert und stoisch
    ertragen. Doch die überwiegende Mehrheit unserer Schulgemeinschaft hat eine angemessene,
    ja sogar in vielerlei Hinsicht positive Haltung gegenüber dem sogenannten Wasserschaden
    eingenommen. Zu Beginn des neuen Schuljahres im September 2019 wurden die an die
    Freiheit der Ferien gewohnten Scheffelianer konfrontiert mit hohen Bauzäunen, farbigen
    Absperrbändern und aus der Tiefe aufsteigenden den Fußboden wie Wildwuchs
    überwuchernden schwarzen Röhren, die in brummenden gelben Maschinen verschwanden.
    Die anfängliche Befremdung ob des ungewohnten Mobiliars in der Aula wich in den
    folgenden Tagen dem Eindruck, dass Gegenstände wie Gitter und Bauzäune dem
    unkontrollierten Bewegungsdrang der Schüler plötzlich Halt und Orientierung boten – ein
    Gefühl, das der eine oder andere Schüler im Unterricht vermisst haben mag.
    Es spricht für das geistige Niveau des Scheffel-Gymnasium im allgemeinen und dessen
    Kunstverstand im besonderen, dass die genannten Gerätschaften und Maschinen als Ausdruck
    einer zeitgemäßen Kunstinstallation interpretiert wurden. Manche Schüler blieben stehen und
    betrachteten die Szenen, die sich in dem durch Gitter umgrenzten Innenraum abspielten.
    Männer in grauen, orangen und schwarzen Farben nahmen den Raum ein und bewegten sich
    ohne erkennbares Ziel hin- und her. Dieses Geschehen wurde von manchem kunstsinnigen
    Schüler als konkrete Aktionskunst des abstrakten Konzeptes ‚Figuren im Raum‘ gedeutet und
    als solches goutiert. Weiterhin ist der Schulgemeinschaft aufgefallen, dass sich diese
    Installation nicht als Status quo, sondern als Transformation, ja als Metamorphose dem
    Publikum gegenübertrat. Die Installation änderte ihre Position im Fluss der Tage und
    Wochen, sodass sich das Ganze als Work in progress, als künstlerischer Ausdruck eines noch
    unvollendeten Werkes zu erkennen gab, bei dem der Betrachter nicht umhin kommt, sich mit
    den elementaren Kategorien von Raum und Zeit auseinanderzusetzen. Schließlich wurde dem
    Betrachter eine weitere fundamentale Dimension deutlich: die Reduktion. Im Wasserlauf der
    Wochen und Monate wurde klar, dass dieses Kunstprojekt, unverkennbar vom Prinzip der
    Minimal Art inspiriert, den Betrachter zwingt, seinen Blick auf das Essentielle zu richten.     
    Je weniger Formen und Körper sichtbar waren, umso intensiver zogen die wenigen noch im
    Raum verbleibenden Formen und Körperstrukturen (vertikale, horizontale und diagonale
    Linien) den Betrachter in ihren Bann, bis zu dem Tage, an dem in der Aula nur noch ein
    dunkles Loch im Boden sichtbar war. Manche mit Philosophie in Kontakt geratene Schüler,
    die das Geschehen revue passieren ließen, interpretierten dieses Loch als Anfang (Alpha) und
    Ende (Omega) allen Seins.  
    Für den Kunstverstand der Scheffelgemeinschaft, die dieses Work in in process – Projekt mit
    großem Interesse begleitete, wäre es eine Zumutung, wenn der akustische Aspekt des
    Geschehens unerwähnt bliebe. Den Kristallisationspunkt der körperlich-formalen Seite
    einerseits und der tonalen andererseits bildeten in der Tat jene zehn gelben Körper – in der
    Alltagssprache Trockengeräte genannt -, die jeweils mit einem Motor ausgestattet, für das
    lautliche Happening sorgten. Wozu diese gelben Körper akustisch zu leisten im Stande waren,
    grenzt an Übermenschliches. Wollte man versuchen, deren lautliche Performance über 24
    Stunden am Tag und 7 Tage pro X-Wochen zu beschreiben, muss die menschliche Sprache
    versagen, da deren Repertoire in dieser Hinsicht nur begrenzt sein kann. Die tiefen Töne
    dieser Lautkörper, die in ihrer Vehemenz und Klarheit in der Tonart dur anzusiedeln sind,
    drangen in die Fläche ein, eroberten sie und breiteten ihr Klangbild nachdrücklich im Raum
    aus.   
    Allerdings täte man dieser akustischen Herausforderung unrecht, wollte man sie als monoton
    bezeichnen. Das ist ungefähr so, wie wenn man vor einem in blau gehaltenen Bild von Mark
    Rothko steht und nur blau sieht. Erst nach längerem Betrachten stellt man fest, dass das Blau
    ungefähr zehn verschiedene Töne von Blau aufweist und der Reiz im Oszillieren der Nuancen
    besteht. Genau so verhält es sich mit den zehn gelben Stimmkörpern. Es mag einem während
    der Betriebsamkeit des Schulalltags nicht vergönnt gewesen sein, deren Töne ohne störende
    Nebengeräusche unverfälscht zu vernehmen. Wer aber am späten Abend oder noch besser in
    der Nacht die Muße hatte, den Lauten der 10 Stimmkörper zu lauschen, konnte sich dem
    betörenden und mithin erhebenden Eindruck nicht entziehen, dass das Geheimnis dieser
    Tonsprache in genau diesen so minimalen Abweichungen in der Frequenz der einzelnen Töne
    bestand. Diese subtile Impression von grandioser Sphärenmusik ist ein Hörabenteuer ersten
    Ranges, kurz ein Kunstgenuss. In der 2. Hälfte der Klanginszenierung zerfloss der dionysisch-
    archaische Grundton in ein eher leises, feines und fast schwebendes Tongewebe, das das in
    seiner Zartheit an ein unaufgeregt dahinplätscherndes Gewässer erinnert. Mancher Schüler
    mag sich an Händels Wassermusik als klassisches Vorbild erinnert haben. Dieses in zwei
    Phasen dahinfließende Grundtonmuster wurde hin und wieder in überraschenden und
    ungleichen Abständen konterkariert durch eine an- und abschwellende Lautquelle, die unter
    der Bezeichnung Schlagbohrmaschine  nicht nur dem Heimwerker, sondern auch dem
    Musikliebhaber bekannt sein dürfte. Der im Crescendo einsetzende Ton baute eine gleichsam
    dramatische auf Spannung angelegte Tonfolge auf, die nach der Peripetie in einem Ritardando
    verharrt, schwirrt, zögert, nicht loslassen will. Diese in versponnenen Tonwellen gezeichnete
    expressive Fantasie bricht plötzlich so unvermittelt ab, wie sie begann. Kann das Loslassen,
    das Abschiednehmen, das Entsagen besser in moderner Tonsprache umgesetzt werden?
    Hätte die figürlich-plastische Seite des sogenannten Wasserschadens den ungeteilten Beifall
    eines Joseph Beuys gefunden, so hätten die Donaueschinger Musiktage als Forum der
    zeitgenössischen und avantgardistischen Tonsprache das Lauthappening in der Aula des
    Scheffel-Gymnasiums sicherlich in ihr Programm aufgenommen.         
    Mit Bedauern ist daher an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass dieses figural-tonale
    Kunstwerk nicht dem ihm gebührenden Nachhall in den Feuilletons der regionalen und
    nationalen Presse gefunden hat. Man stelle sich vor, ein Reporter, der keine Abbilder des
    materialistischen Zeitgeistes liefert, der kein Komplize des oberflächlichen Alltagsgeschehens
    ist, hätte erkannt und vermittelt, dass der sogenannte Wasserschaden die mehrdimensionale
    Sublimierung eines banalen Gebäudeschadens in Form eines figural-lautlichen
    Gesamtkunstwerks darstellt, die Aula des Scheffel-Gymnasiums wäre zum Pilgerort von
    Zeitgenossen geworden, die sich nach neuen Ausdrucksformen moderner Kunst sehnen.
    Allein mit dem Eintrittsgeld hätte man ein neues Schulgebäude errichten können – ein
    cleveres Management vorausgesetzt.
    So bleibt dem Betrachter zum Schluss immerhin die Erkenntnis, dass die Baustelle in der
    Aula unserer Schule der symbolhafte Ausdruck für das Schulleben im besonderen und für das
    Leben im allgemeinen darstellt. C’est la vie.
    Ettenheim, im Februar 2019
    Thomas Dold

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