"Eigentlich wollte ich Journalistin werden."

 

von Lea Zanger

Nach 38 Jahren am Scheffel-Gymnasium verabschiedet sich Brigitte Vetter-Dittus am Schuljahresende in den Ruhestand. In einem Interview mit Schülerreporterin Lea blickt sie auf ihre Zeit am Scheffel zurück.

    Fangen wir mal gleich mit Ihrer Zeit am Scheffel an: Wie sehen Sie die Entwicklung des Scheffel, seit Sie hier sind?

Das auffallendste Merkmal, verkürzt formuliert, ist die Entwicklung von einer ”reinen” Bildungsanstalt ohne nach außen gerichteten Zweck hin zu einer Schule, die verstärkt die spätere berufliche Entwicklung ihrer Schülerinnen und Schüler im Blick hat: Bogy, Schülerpotenzialanalyse, Tage der offenen Tür an Unis und Fachhochschulen usw. Aber das liegt im allgemeinen gesellschaftlichen Trend des ”Schneller Werdens”, siehe G8.

    Was hat der Hochbegabtenzug, Ihrer Meinung nach, am Scheffel verändert?

Auf jeden Fall den Blick auf den einzelnen Schüler/die einzelne Schülerin in all ihren/seinen Besonderheiten, Begabungen und Stärken.

    Was sind Lieblings- und Hassmomente im Schulalltag?

Lieblingsmomente? Dafür reicht das Textformat nicht... Hassmomente? Korrekturen.

    Beispiele für Lieblingsmomente?

      Das Leuchten im Gesicht von Schülerinnen und Schülern, wenn sie eine bessere Note erhalten, als sie erwartet hatten... die Theater-, Musik- und Sportaufführungen, bei denen man Schülerinnen und Schüler komplett anders erlebt, als im Unterricht... und natürlich auch die Gespräche mit den Kolleginnen und Kollegen in der Lehrerküche.

    Was waren Ihre prägendsten Momente in Ihrer Scheffelzeit?

Die Zusatzausbildung zur ZOS-Trainerin (= Einwöchige Zielorientierungsseminare für Schüler der Kursstufe, die ihre Stärken und Ziele herausfinden wollen) vor fast zwanzig Jahren, die zweijährige Ausbildung zur Beratungslehrerin vor 15 Jahren und die Einrichtung des Hochbegabtenzugs vor zwölf Jahren.

    Wie war es für Sie, dass die eigenen Kinder an der selben Schule waren? War das die Entscheidung von Ihnen und Ihrem Mann oder haben Ihre Kinder das selbst entschieden?

Das war irgendwie selbstverständlich – sie waren ja schon als Kleinkinder bei allen möglichen Veranstaltungen mit im Haus und es war auch ”ihre” Schule. Als sie dann bis zum Abitur hier waren, habe ich versucht, von den Kollegen nicht mehr über sie zu erfahren als die Eltern anderer Schüler. Das hat eigentlich ganz gut funktioniert.

    Wie war das damals mit dem Hochbegabtenzug? Was war Ihre persönliche Motivation, Abteilungsleiterin für den Zug zu werden?

Zunächst gar keine (lacht) – in manche Bereiche ”rutscht man einfach so hinein”. Als 2005 ein Vorgespräch im Kultusministerium stattfand, habe ich Herrn Godenschwege (damaliger Schulleiter) ein Papier mit Fragen und Vorschlägen mitgegeben, da war’s im Grunde ”passiert”.

    Wie viele Reformen durften bzw. mussten Sie in Ihrer beruflichen Laufbahn mitmachen?

Da leider Mathematik nicht zu meiner Kernkompetenz gehört, kann ich nicht so weit zählen... Interessant ist, dass jetzt das Rad gerade wieder zurückgedreht wird und wir mit der Oberstufenreform in einem Jahr fast wieder in den 80ern sind...

    Was würden Sie verändern

Zurück zu G9 – Zeit für Reifung und Bildung.

    Was waren Ihre Lieblings- und Hassfächer in der Schule?

Lieblingsfächer: Deutsch, Sport, Gesellschaftswissenschaften und – wie ich aber erst hinterher gemerkt habe – Latein.

Hassfächer: Leider Mathematik und Naturwissenschaften, das wäre heute aber anders.

    Warum haben Sie sich für ein Lehramtsstudium entschieden?

Das habe ich eigentlich gar nicht von Anfang an – ich habe Germanistik und Sport studiert und wollte Journalistin werden, da ich schon als Schülerin – wie du, Lea – viel für Zeitungen geschrieben habe. Aber dann kam das Referendariat, und ich habe gemerkt, was das für eine tolle Aufgabe ist.

    Wo haben Sie studiert und wie kam es zu Ihrer Fächerwahl?

Studiert habe ich von 1973 – 1978 in Freiburg, das Referendariat war von 1978 – 1980 in Göppingen und Esslingen. Die Fächer waren definitiv meine Lieblingsfächer, ich habe immer schon gelesen, gelesen, gelesen – und wenn ich nicht gelesen habe, habe ich Sport gemacht in Lahrer Vereinen, besonders Leichtathletik und vor allem Rhythmische Sportgymnastik, damals allerdings noch auf einem wesentlich bescheideneren Niveau als die Gymnastinnen heute!

    Was motiviert Sie am Lehrerberuf? Was macht daran Spaß?

Wie gesagt: Alles außer Korrigieren. Die Vorbereitung auf den Unterricht ist interessant – wie kann es funktionieren, dass sich Schüler z.B. auch auf schwierige literarische Texte einlassen? Dann natürlich die Kontakte mit den Schülern und Eltern insgesamt, man erfährt so viel über Wünsche, Sorgen und Hoffnungen, die einzelne Schüler und ganze Familien umtreiben. Und nicht zuletzt die Kommunikation mit den Kollegen, fachlich und persönlich. Als Einzelkämpfer hat ein Lehrer keine Chance, es braucht die Unterstützung des Kollegiums. Und die haben wir hier am Scheffel.

    Was sind, Ihrer Meinung nach, Vor- und Nachteile des Lehrerberufs?

Die Vorteile, um hier nicht auszuufern, liegen in der ungeheuren Vielfalt und Spannung, die zum einen die jeweils gewählten Fächer, vor allem aber der Kontakt und die täglichen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen mit sich bringen – definitiv kein Tag ist langweilig.

Ein ganz praktischer Vorteil besteht in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, es war eben kein Problem für’s Familienmanagement, wenn die Kinder Ferien hatten.

Nachteile? Man ist nie fertig – abends nicht, am Wochenende nicht, in den Ferien – außer zum Teil in den Sommerferien – erst Recht nicht, weil hier alles nachbereitet, vorbereitet und korrigiert werden muss, was man im normalen Schulalltag gar nicht schafft.

    Würden Sie Ihren Enkeln empfehlen, Lehrer zu werden oder würden Sie ihnen eher davon abraten? Warum?

Liebe Lea – ich würde meiner Grundüberzeugung ja massiv widersprechen, wenn ich diese Frage mit Ja oder Nein beantworten würde – die müssen ja erst einmal herausfinden, wo ihre Interessen und Begabungen liegen.

Wenn du das aber allgemein meinst: Es gibt natürlich Rahmenbedingungen, die zunächst erstrebenswert klingen: Beamtenstatus, regelmäßiges Gehalt, Ferienzeiten zum Atemholen. Wenn dies aber der Haupt- und alleinige Anreiz ist, ist das Scheitern vorprogrammiert. Der allseits bekannte Spruch über den Lehrer ”Morgens hat er Recht, mittags hat er frei” gehört längst der Vergangenheit an, wenn er überhaupt jemals Gültigkeit hatte. Wir haben es ja – lass’ mich mal ein bisschen pathetisch werden – mit dem Wertvollsten zu tun, was unsere Gesellschaft ausmacht: Mit jungen Menschen, die auf der Suche sind. Und sie verdienen und brauchen Lehrer, die sich ganz auf sie und diese Aufgabe einlassen. Und das spielt sich nicht in 45-Minuten-Unterrichtsstunden ab. Und was Referendare am Seminar in Didaktik, Pädagogik und Methodik lernen, ist gut, wichtig und unerlässlich. Aber es reicht nicht – ohne Eigenmotivation und die Bereitschaft, mit seiner ganzen Person für diese in unserer Zeit immer schwieriger werdende Aufgabe einzustehen, kann ich den Beruf niemandem empfehlen. Und selbst dann ist nicht gewährleistet, dass es zum beruflichen Glück führt. Und dabei habe ich als Problem noch gar nicht erwähnt, dass die Einstellungschancen für unsere oft ganz hervorragenden Referendarinnen und Referendare ja nicht gut sind, was uns jedes Jahr auf’s Neue bei deren Verabschiedung sehr weh tut.

    Wie sieht der Ausblick auf die Zukunft aus? Können Sie sich auf irgendetwas Besonderes freuen? Oder werden Sie es erstmal ruhig angehen und die ersten Monate ohne Schule genießen?

Na ja, wie das mit dem Genießen so wird, muss ich erst einmal sehen... Natürlich freue ich mich auf mehr Selbstbestimmung, aber ich werde Zeit brauchen, mich darin einzurichten, dass ich abends und am Wochenende keine Mails mehr beantworten, Telefonate führen oder Klausuren korrigieren muss, dass kein Schulgong mehr meinen Tagesbeginn diktiert usw. Aber die Begriffe ”muss” und ”diktiert” gehen ja letztlich auf eine frei gewählte Grundentscheidung zurück, ganz im Schiller’schen Sinn: ”Kein Mensch muss müssen”, er hat ja seine ’Pflichten’ frei gewählt... Ich schweife ab: Es gibt schon Dinge, auf die ich mich sehr freue – ich will im Radius zwischen Zürich und Mannheim regelmäßig die Theater abklappern, immer wieder einmal eine kurze Städtereise machen. Aber die ganze Welt will ich jetzt nicht reisend erobern – ich will mehr zu Hause sein, als es bislang der Fall war, und ich muss mich anstrengen, das alles noch zu lesen, was ich mir vorgenommen habe, hoffentlich reicht die Lebenszeit... Und: Es gibt ja meine Familie, die viel zurückstecken musste, und vor allem meine Enkel, vielleicht bald noch mehr.

    Abschließend: Wenn Sie Ihre Zeit im Scheffel in drei Sätzen zusammenfassen müssten, wie würden diese lauten?

Oh - ich kann leider gar nicht kurz und zusammengefasst formulieren, nur episch breit – deshalb lieber noch kürzer: Ich kann mir auch im Rückblick keinen anderen beruflichen Ort vorstellen als die 38 Jahre am Scheffel. Das war und ist eben meine Schule.

   •    Danke für das Interview und alles Gute für die kommende Zeit. Wir werden Sie hier vermissen.

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