Das Projekt „Lernen lernen" am Scheffel-Gymnasium
Kontakt: Brigitte Vetter-Dittus
Beratungslehrerin am Scheffel-Gymnasium


 


„Bin ich schon drin?

„Hallo, wann fängt die Lern-AG an? Wie komm‘ ich da rein?", fragt einer der neuen Fünftklässler am ersten Schultag nach den großen Ferien im Sekretariat an. Und es folgen viele weitere ungeduldige Anfragen. Wenn die AG schließlich einige Zeit später beginnt, ist die Teilnehmerzahl wirklich sehr hoch: 90% der jetzigen 124 Fünftklässler wollen an der ‚Lern-AG‘, wie sie kurz genannt wird, teilnehmen. Soviel Interesse am Thema „Lernen" macht stutzig. Es bedeutet immerhin einen zusätzlichen Nachmittag in der Woche, der in der Schule verbracht wird. Wer macht so etwas schon gern freiwillig? Ist das Angebot besonders reizvoll? Oder ist der Lern-Notstand so groß?

Hier konzentriert arbeiten?

Vergleiche: Sieht dein Arbeitsplatz so aus?


„Ich hab‘ mich doch so angestrengt" - Die Lern-AG als Teil einer umfassenden Beratung

Die Idee einer Lern-AG für Fünftklässler ist vor fünf Jahren im Rahmen der Beratungslehrertätigkeit an der Schule entstanden (die Leiterin der AG ist zugleich Beratungslehrerin an der Schule). Auffallend war, wie häufig Schüler und 

Schülerinnen aus der 5. Klasse Lernproblemen hilflos gegenüberstanden und sich Unterstützung durch eine Einzelberatung erhofften, aber auch wie ähnlich die Defizite und deren Ursachen waren. Neben einigen üblichen Unsicherheiten, die mit dem Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium zusammenhingen, ging es immer wieder um Probleme wie Angst und Aufregung vor Klassenarbeiten, Konzentrationsprobleme, falsche Auslastung der Lernkanäle oder fehlende Berücksichtigung der Umfeldbedingungen (Arbeitsplatz, Zeitplanung etc.). Im Verlauf der Beratung war festzustellen, dass dahinter nicht selten falsche Selbstkonzepte stehen, welche im Laufe der Zeit zu einer Verfestigung der Lernstörung beigetragen haben. Es ist ja auch bequemer zu sagen „Ich kapiere Mathe einfach nicht", als den fehlenden Stoff systematisch aufzuarbeiten. Oder: Die Überzeugung, man sei eben „etwas chaotisch oder ziemlich vergesslich", ist angenehmer, als den Schreibtisch aufzuräumen oder einen Wochenplan zu führen.

Das Repertoire der Lösungsangebote reicht im Allgemeinen von solchen Ratschlägen wie 

„Du musst eben mehr lernen" – „Überlege doch, bevor du..." – „Du musst dich mehr konzentrieren"- bis zu Ermutigungsformeln wie „Das wird schon" – „Kopf hoch" – „Du kannst das bestimmt". Sie sind zwar häufig gut gemeint, führen aber selten zu einer Verbesserung der Situation und wenn, dann nur kurzfristig.

Zeichnung von Viktoria Müller

Lernerfahrungen in der Gruppe machen

Erste Versuche einer Gruppenberatung von 6 bis 12 Schülern, die ähnliche Lernprobleme hatten, zeigten zum einen, wie wichtig es ist, ihnen dabei zu helfen, ihr eigenes Lernen zu entdecken und die falschen Selbstkonzepte aufzubrechen, zum anderen wurde deutlich, wie hilfreich die Peergroup dabei sein kann. Warum also nicht das „Lernen" in geeigneter Weise selbst zum Thema machen und positive Lernerfahrungen in der Gruppe mit anderen vermitteln? Die Schüler können auf diese Weise in der Gruppe mit anderen gemeinsam

Das Konzept: vier mal vier

So entwickelte sich allmählich das Konzept einer Arbeitsgemeinschaft „Lernen lernen" für die Fünftklässler, nämlich ein zeitlich begrenzter Workshop von 8 Nachmittagen mit jeweils einer Doppelstunde (montags, die 7. und 8. Stunde), der insgesamt viermal im Schuljahr angeboten wird. Zu Beginn des Schuljahres wird durch Aushang am Schwarzen Brett in der Schule und in einem Elternbrief auf das Angebot hingewiesen, die Schüler melden sich dann nach Absprache mit ihren Eltern zu einer der vier Gruppen – meistens im Klassenverband - an. In der Regel nehmen etwa 25 Schülerinnen und Schülern einer Klasse pro Gruppe teil.

Und dies sind die vier Bausteine, die das inhaltliche Konzept der Arbeitsgemeinschaft bilden:

  1. Selbständiges Lernen / Lernen organisieren / Mein Lernumfeld gestalten.

  2. Behalten / Mit allen Sinnen lernen 7 Lernen mit neuen Medien / Welcher Lerntyp bin ich?

  3. Lernmotivation / Lerneinstellungen / Lernziele / Selbstkonzepte.

  4. Entspannen / Konzentrieren / Kommunizieren / Konflikte bewältigen.

Die Methode: „Spielend" lernen

Die zwei gemeinsamen Stunden am frühen Nachmittag rangieren bei den Schülern auf der Sympathieskala sehr hoch, werden als anregend und hilfreich empfunden, die Kürzestformel der Bewertung lautet „cool". Vielleicht liegt die Freude, der Eifer und die Bereitschaft sich einzulassen auf dieses Angebot auch an dem methodischen Repertoire, das

Die einzelnen Bausteine und die methodischen Elemente werden dabei nicht nach einer feststehenden Systematik, sondern gruppen- und situationsabhängig eingesetzt. Mit Hilfe eines IDEENNETZES wird etwa ein Lernproblem aufgefächert; oder es gibt kleine Lernexperimente, szenische Spiele, Rollenspiele und Übungen, die geeignet sind, innere Haltungen wie Unterlegenheitsgefühle oder Versagenserlebnisse abzubauen und die kommunikativen und sozialen Fähigkeiten in der Gruppe zu aktivieren und zu fördern.

Zusätzliche Beratungsangebote

In einigen Fällen von besonders aggressiven Ausgrenzungsprozessen in einer Klasse hat es sich als hilfreich erwiesen, mit einer ganzen Klasse ein zusätzliches Konflikttraining mit Wahrnehmungs- und Interaktionsspielen durchzuführen. Hierbei spielt die Kooperation mit den Lehrerinnen und Lehrern der Klasse eine große Rolle.

Die Schüler, aber auch die Eltern schätzen das zusätzliche Gesprächsangebot bei persönlichen Problemen. Da die Beratungslehrerin in der AG Gelegenheit hat, die betreffenden Schülerinnen und Schüler bereits näher kennen zu lernen, erübrigt sich das z. T. mühsame Sammeln von Lifedaten im Beratungsprozess. Dafür bleibt mehr Zeit für Gespräche. Sie kommen dem Bedürfnis der Schüler nach Schutz- und Schonraum in der Schule entgegen, der es ihnen ermöglicht, frei und offen, ohne Scheu über Belange zu sprechen, die sie während der Unterrichtsstunden verschweigen.

Platz für einen IGEL!

Die enge Zusammenarbeit mit den Eltern ist ein weiteres Merkmal der Lern-AG am Scheffel-Gymnasium. So werden die Eltern z. B. im ersten Halbjahr zu einem Informationsabend eingeladen, an dem sie mit dem Konzept der Lern-AG vertraut gemacht werden, konkrete Tipps und Anregungen erhalten, wie das häusliche Lernen gestaltet werden kann und einige Kenntnisse über die biologischen und psychologischen Grundlagen des Lernens vermittelt bekommen.

Seit 1993 hat ein I G E L einen festen Platz im Scheffel-Gymnasium, damit er sich entfalten kann – mal mit ausgestreckten, mal mit angelegten Stacheln. IGEL- das ist die kurze griffige Formel dafür, dass sich Eltern und Lehrer durchaus etwas zu sagen haben: „Im Gespräch Eltern Lehrer". Man trifft sich in lockeren zeitlichen Abständen zu Gesprächsabenden mit einem vorher ausgemachten pädagogischen Thema, wie z. B. „Schüler – Lehrer – Eltern: Selbstbilder und Fremdbilder", „Lernstrategien und Mnemotechniken – ein Übungsabend", „Konflikte: wie wir damit umgehen können". Gegebenenfalls werden dazu auch Referentinnen und Referenten eingeladen; und nicht selten finden sich diese unter der Elternschaft!

„Das ist ja ganz einfach!" - ein Stein im Wasser, der Kreise zieht

Spiel – forschendes Verhalten – gemeinsames Handeln – sich selbst fordern, über sich selbst nachdenken – über andere nachdenken – mit anderen nach Lösungen suchen – sich von anderen anregen lassen, das alles spricht die Schüler in besonderer Weise an - und es spricht sich herum. Wer einmal mitgemacht hat, erzählt davon und weckt beim Zuhörenden Interesse auch mitzumachen. Das mag vielleicht auch den großen Zulauf zu der Arbeitsgemeinschaft am Scheffel-Gymnasium erklären.

Versprechen wie „Intelligenz ist lernbar" oder „Du kannst dein Gehirn trainieren wie einen Muskel" kann und will die Lern-AG nicht einlösen, ebensowenig die Gewähr, dass das Bausteinkonzept unbedingten Lernerfolg verspricht. Jeder Schüler kann aber so viel davon profitieren, wie er mag. Wie etwa Katrin, mittlerweile Schülerin der Klasse 6, die neulich meinte: „Das mit dem Selbstkonzept hab‘ ich meinem Bruder in der 10. Klasse erklärt. Der hatte nur noch Stress! Dabei hat der sich den selbst produziert. Hat’s nur nicht gemerkt, der Arme. Dabei ist das doch so einfach!" – Das Ergebnis: Die Schülerinnen und Schüler der Klassen 10 wünschen sich ab sofort auch eine Lern-AG!

Zeichnung von Swetlana Belsch

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